Wir haben für uns den Jackpot geknackt

"Himmelerde" ist Romantik. Das Stück bezieht eine Sopranistin, einen Bariton, einen Tänzer sowie die Musikband Franni ein und hatte an der Berliner Staatsoper Premiere. Foto: Bernd Uhlig

„Das neue Stück muss jetzt raus“, sagt Gianni Bettucci. Der Italiener managt nun schon viele Jahre den Betrieb von FAMILIE FLÖZ. Und er spricht von einer „kleinen Welle Optimismus“, dass „Feste“ – geplante Premiere am 20. April 2021 in der Komödie am Ku’damm im Schillertheater – tatsächlich live stattfinden könnte. Mit drei Personen auf der Bühne und Publikum. „Oder sonst irgendwie“. Auch hinter den Kulissen wird für die Zukunft gearbeitet, dafür gibt es nun Förderung.

Auch „Himmelerde“, die letzte Produktion, die zuerst im Januar 2019 in der Berliner Staatsoper Unter den Linden herauskam, soll bald wieder gegeben werden. Der Shutdown traf die Theaterleute damit auf Tournee – im März 2020 in Lausanne. Dann konnten im Herbst gerade mal 16 Vorstellungen stattfinden, bevor erneut Schluss war. Nun gibt es Termine für Juni im Stadttheater Schaffhausen.

Doch was tatsächlich möglich sein wird, hängt von den Inzidenzen ab. Für ein Tourneetheater, das zuvor 150 bis 200 Vorstellungen im Jahr in etwa 20 Ländern absolviert hat, ist eine Pandemie die Katastrophe schlechthin. Reale Verbindungen zu Veranstaltern und Publikum sind gekappt. Für FAMILIE FLÖZ besonders schlimm, denn – so Bettucci – er kenne kein anderes Theater, das ein solch verzweigtes, auf Verlässlichkeit und Qualität bauendes Netzwerk mit Kooperationsbeziehungen in alle Welt aufgebaut habe. Die Spezifik der Truppe hilft dabei: International bekannt wurde sie durch ihre komödiantischen und poetischen, fast immer nonverbalen Produktionen mit Masken.

Gleich für drei Förderprogramme beworben

Momentan liegt vieles brach. Kreativität, Ideen und Schaffensdrang existieren trotzdem. Um einiges davon auch umsetzen zu können, bewarb sich die Compagnie um Fördergelder aus dem „Neustart-Kultur“-Topf der Kulturstaatsministerin für die freien Darstellenden Künste. Sie wurden vom Fonds Darstellende Künste in ein verzweigtes Konjunkturpaket geschnürt und inzwischen vergeben. „Noch ist nichts angekommen“, erklärt Bettucci Mitte März. Doch schon die Bescheide hätten Freudentänze ausgelöst: „Wir haben uns in drei Kategorien beworben. Und uns wurde alles genehmigt. Der Jackpot!“ Insgesamt etwas mehr als 150 000 Euro. „Für unsere Projekte reicht es. Es ist aber auch die einzige Förderung, die wir bisher bekommen haben“, so Bettucci.

Für das Programm #TakeAction, das Produktionszeiträumen für Künstler*innen in genrespezifischen Kategorien fördert, hat FAMILIE FLÖZ ein Projekt entwickelt, das doppeldeutig „Back to Life“ heißt und den Weg ebnen soll, wieder vor Publikum zu spielen.

Screenshot: floez.net

„Unsere Masken leben und werden zum Leben erweckt erst durch Austausch mit dem Publikum. Das ist unsere vierte Wand. Streaming kann das nicht leisten. Also haben wir uns vorgenommen, ein neues Herangehen an unsere Masken zu erproben. Wir verwandeln unser Studio in Weißensee in ein Filmset und eine Kamera bildet unsere vierte Wand.“ Die so entstandenen Aufnahmen sollen durch drei Live-Performance-Auftritte im September ergänzt werden. Das sei für etwas komplett Neues für die Compagnie und werde durch das Förderprogramm unterstützt.

Gleich drei verschiedene Projekte will man im Programm #TakePart“ verwirklichen. Das stellt Mittel für Modellvorhaben zur Neuausrichtung auf Publikum, Audience-Development und für Öffentlichkeitsarbeit bereit. Unter „#Maskenpflicht“ ist zuerst ein Life-Abend in einem Theater geplant, in dem FAMILIE FLÖZ schon gastiert hat. „Wir arbeiten seit 1994 mit Masken, das wollen wir in einer speziellen Dokumentation für diesen Abend zeigen, aber über einen Moderator auch 100 ausgewählte Zuschauer*innen einbeziehen, die einzelne Szenen vorgestellt bekommen.  Anschließend dürfen sie über Zoom in einzelnen Räumen Fragen stellen und diskutieren, aber auch gemeinsam im ‚Foyer‘ an einem Quiz teilnehmen und bei einer virtuellen Premierenfeier tanzen“, erklärt Gianni Bettucci.

„Neue Identität“ im Blick

Zweites Vorhaben ist ein Workshop mit Jugendlichen über das Konzept von #Maskenpflicht, in dessen Ergebnis kleine Clips für Social-Media-Kanäle entstehen sollen. Das dritte Projekt befasst sich damit, Ideen zu entwickeln, wie der Presse in der Zeit der Theaterschließung interessantes Material zur Berichterstattung bereitgestellt werden kann, damit das Thema Theater aus den Medien nicht verschwindet.

Schließlich, „etwas trockener“, hat man sich auch im Förderprogramm „#TakePlace“ erfolgreich beworben. Es unterstützt Strukturprojekten für Produktionsorte und Festivals mit dem Ziel einer Optimierung des regulären Betriebs. Hier wollen sich die Macher bei FAMILIE FLÖZ dem eigenen Studio in Berlin-Weißensee widmen, es renovieren und bessere Hygienestandards durchsetzen. „Jetzt, wo keine Vermietung stattfinden kann, denken wir auch über neue Marketing-Chancen nach – etwa Vermietungen mit Programm oder Lesungen. Auch die Webseite soll überarbeitet werden, ein Newsletter neu konzipiert werden, um „unsere Präsenz in der Stadt und darüber hinaus zu stabilisieren“, so Bettucci. Das Fördergeld werde also genutzt, sich teilweise eine „neue Identität“ zu schaffen.

Foto: FAMILIE FLÖZ

Das Management habe sich große Mühe mit Konzeptentwicklung und Beantragung gemacht und brennt nun darauf, die Ideen auch umzusetzen. „Das Geld wird kommen“, ist Betucci genauso überzeugt wie vom neuen Stück. „Feste“ – ein Märchen für Erwachsene ohne Worte – soll einen ganzen Zyklus von Stücken über Schöpfung, Schöpfer und Erschöpfung eröffnen. Auch das ein Versprechen für die Zukunft…


FAMILIE FLÖZ ist ein international zusammengesetzter Pool von Theaterschaffenden, zu denen Schauspieler*innen, Musiker, Tänzerinnen, Regisseure, Dramaturginnen, Maskenbauer, Lichtdesigner, Kostüm- und Bühnenbildnerinnen aus 10 Nationen zählen. Gegründet von Absolventen der Folkwang-Uni Essen geht es ihnen um körperbetontes Spiel und eine Neuentdeckung des Theaters mit Masken. Die Compagnie hat ihren Sitz inzwischen in Berlin. Sie hat bisher zwölf abendfüllende Stücke herausgebracht – die meisten in Kooperation mit anderen Compagnies oder Spielstätten – und in insgesamt 43 Ländern, auch auf renommierten Festivals gezeigt.

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