Vollbremsung, Innovationsboost und viele neue Ideen

Schaubühne Lindenfels: The Cockpit Collectiv macht "Interface Theater" und schafft auf einer digitalen Zeitreise Begegnungen mit realen Personen aus Vergangenheit und Gegenwart. Foto: RM Lands

Die Schaubühne Lindenfels als Theater- und Veranstaltungshaus gehört zum Leipziger Szene-Stadtteil Plagwitz wie das Kunstkraftwerk oder die berühmte ehemalige Baumwollspinnerei mit ihren Ateliers und Galerien. An allen hat das Corona-Virus heftig genagt. Dennoch blickt das Schaubühne-Team optimistisch in die Zukunft: Dank der Förderungen durch NEUSTART KULTUR ist der Erhalt des Hauses gesichert und es wird mehrgleisig geplant.

Als im März 2020 die Leipziger Buchmesse wegen der Pandemie kurzfristig abgesagt wurde, war auch die ca. 30köpfige Mannschaft der Schaubühne Lindenfels von jetzt auf gleich in den unfreiwilligen „Ruhestand“ versetzt. „Ein Dutzend Veranstaltungen waren mit einem Schlag weg, alle weiteren Planungen waren im Laufe von wenigen Tagen null und nichtig“, erinnert sich Ilona Schaal. Die 32jährige Programmdirektorin gehört wie Verwaltungsdirektor Michael Schramm (42) seit 2017 zum Schaubühne-Team. Gemeinsam mit CEO René Reinhardt hatten sie das Haus in den vergangenen Jahren personell und arbeitsorganisatorisch umgebaut – seitdem ruht die Leitung auf den Schultern des Dreierteams. Ihre bautechnischen Vorhaben erwiesen sich im Frühjahr 2020 als Glück im Unglück: „Wir hatten ab April 2020 ohnehin eine Schließung für Sanierungsarbeiten eingeplant, die Gastronomie musste auch raus“, berichtet Schramm. „Die Vollbremsung kam zwar etwas früher, aber die Zeit konnten wir für Wartungs- und Aufräumarbeiten gut nutzen.“ Auch wenn das Haus für Publikum geschlossen werden musste, so blieb und bleibt es offen als Ort für Künstler*innen – für Proben und Training, Treffen mit viel Platz, Begegnungen.

Mit pandemiegerechtem Abstand in der Schaubühne Lindenfels: Programmdirektorin Ilona Schaal und Verwaltungsdirektor Michael Schramm Foto: Gundula Lasch

Als im Mai 2020 das erste Förderprogramm im Rahmen von NEUSTART KULTUR aufgelegt wurde, saß Michael Schramm schon am Vorabend des Vergabestarts am Computer und hatte alles für den Antrag vorbereitet: „Ich war fest davon überzeugt, dass ich online der erste Antragsteller war… unsere Fördernummer war dann die 297.“ Im Frühsommer wurden 28.000 Euro bewilligt, die Auszahlung kam im September. „Damit konnten wir eine gewisse Grundausstattung finanzieren, um unsere Mitarbeiter*innen so auszustatten, dass sie im Homeoffice gut arbeiten können“, so Schramm. Hinzu kam eine Investitionsförderung von der Stadt Leipzig, die in neue Büroausstattung sowie Konferenztechnik, Programmierung, digitale Ressourcen und IT-Sicherheit gesteckt wurde. „Ohne dies könnten wir unser derzeitiges digitales Programm gar nicht realisieren“, erklärt Ilona Schaal. Man freue sich sehr über den „Innovationsboost“ dank der Förderung. Dennoch bleibt die Programmplanung schwierig: „Werden wir überhaupt irgendwas noch nur analog machen? Müssen wir unsere Projekte künftig auch immer digital denken? Wird unser Programm generell zweigleisig?“ Eine abschließende Antwort ist noch nicht gefunden.

Als im Herbst 2020 NEUSTART II mit der #TakeThat-Förderung über den Fonds Darstellende Künste an den Start ging, beantragte die Schaubühne erneut Unterstützung. Fast 200.000 Euro erhielt das Veranstaltungshaus. „Wir waren richtig im Antragsflow“, sagt Schramm. Als Haus mit einer Förderquote von rund 65 Prozent (in normalen Jahren) professionell geübt zu sein, erwies sich als großer Vorteil. Doch bei all der Freude über die Unterstützung äußert das Schaubühne-Leitungsteam konstruktive Kritik an der üblichen Förderpraxis: „Die Projektlaufzeiten und Ausgabefristen lassen meist sehr wenig Zeit, das Geld sinnvoll und nachhaltig auszugeben.“ In der Szene herrsche dadurch ein immenser Produktionsdruck, der keinem gut tue. „Gerade das #TakeThat-Programm des Fonds Darstellende Künste ist dagegen perfekt – das bräuchten wir immer, wenn wir in die Zukunft denken wollen“, betont Schaal.

Die Schaubühne liefert coronagerecht auch mobiles Kino für die Hauswand. Foto: Martin Schröder-Zabel

Jetzt denkt das Schaubühne-Team erst einmal in die nächsten Monate. Das meiste Geld des Programms ist in den virtuellen oder den öffentlichen Raum gewandert: Wie „Electric Cinema“ mit Filmprojektionen an Hauswänden im Stadtgebiet, gestreamten Theatervorstellungen wie „Turandot“ oder die Weltpremiere des sinnlich-surrealen Musikfilms „Moby Dick – Die Wahl der Kwal“ von Ray Zwieback und mit Corinna Harfouch. Auf dem Leipziger Marktplatz ist für den Spätsommer die Installation „Zuckerrausch Germania“ geplant…

„Programm haben wir genug – jetzt müssen wir sehen, wo wir unser Publikum abholen dürfen“, sagt Schaubühne-Programmdirektorin Schaal und hofft auf einen Saison-Start im Herbst 2021.

https://www.schaubuehne.com

 


Die #TakeThat-Förderprogramme des Fonds Darstellende Künste wurden auf unserer Webseite bereits ausführlich vorgestellt.

NEUSTART KULTUR umfasst zurzeit rund 60 Teilprogramme für verschiedene Sparten, die in enger Abstimmung mit Kulturverbänden und Kulturfonds entwickelt wurden. Insgesamt 15 Programme kommen im Frühjahr noch neu hinzu. Adressiert werden unter anderem auch weiterhin Theater, Festivals, Kinos, Verlage, Galerien, Clubs und viele andere Kulturveranstalter.

Eine detaillierte Übersicht über die Programmaufstockungen, „Perspektiven für den Kultursommer 2021“ und weitere Informationen hier.

 

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