Veränderungen in unserer Kulturlandschaft bewirken

Neue Impulse: Playing Up Gender - ein Projekt des Kinder- und Jugendtheaters Fundus in Hamburg, das mit #TakeCare-Mitteln gefördert wurde: Das Spiel umfasst 12 Performances aus der jüngsten Vergangenheit und verbindet sie mit Einblicken in die turbulente Geschichte von Performancekunst und Gender. Foto: Margaux Weiss

„Politik, Kunst & Förderpraxis im Dialog“ lautet das Motto des vom 14. bis 16. September stattfindenden Bundesforums, das der Fonds Darstellende Künste und der Bundesverband Freie Darstellende Künste organisieren. Der Fonds Darstellende Künste hat seit Beginn der Corona-Pandemie Künstler*innen, Ensembles und freie Häuser mit Neustart-Kultur-Mitteln umfangreich gefördert. Gleichzeitig wurde ein differenziertes Forschungsprogramm zur Förderung in den Darstellenden Künsten auf den Weg gebracht, das zwölf Teilstudien umfasst. Auf dem Bundesforum sollen erste Ergebnisse vorgestellt werden. Wir sprachen dazu mit dem Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Vorstandsvorsitzender des Fonds Darstellende Künste, der das Forschungsprogramm leitet.

Bundesforum der freien Darstellenden Künste präsentiert erste Ergebnisse eines umfangreichen Forschungsprogramms

kuk: Worauf genau zielt dieses Forschungsprogramm und wieso ist es nötig?

Prof. Dr. Wolfgang Schneider: Der Fonds Darstellende Künste als regelmäßige Fördereinrichtung für die freien darstellenden Künste hierzulande hat nach Beginn der Corona-Pandemie sehr schnell ein umfangreiches Förderprogramm aufgelegt, um Existenzen zu sichern und Kollektive zu stabilisieren. Dafür wurden auch aus dem Programm „Neustart Kultur“ der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien umfangreiche Mittel zur Verfügung gestellt, 2020 waren das mehr als 65 Millionen Euro, in diesem Jahr wird eine ähnliche Größenordnung erreicht. Getreu dem Motto „Die Krise als Chance“ hat der Fonds gleichzeitig die Gelegenheit genutzt, die eigene Förderpraxis zu evaluieren, um künftig noch passgenauer in die freie Theaterlandschaft hineinwirken zu können und Entwicklungen zielgerichtet zu unterstützen.

Prof. Dr. Wolfgang Schneider Foto: Isa Lange

Die freien darstellenden Künste sind charakterisiert durch besondere Arbeitsweisen, sie arbeiten interdisziplinär, sind geprägt durch große Experimentierfreudigkeit, man spricht zu Recht davon, dass vielfältige neue Impulse für das Theater gerade aus dem freien Bereich kommen. Durch das ständige Ausprobieren von Formaten und Ästhetiken liefert die freie Szene auch so etwas wie die gesellschaftliche Reflexion über die Weiterentwicklung in der Kunst. Und das gilt ja nicht nur national, sondern insbesondere im internationalen Vergleich. Auf all das haben wir mit dem Forschungsprogramm den Fokus gerichtet. Ergebnisse sollen letztlich etwas über die Entwicklung der gesamten Kulturlandschaft aussagen.

Als Beschreibung des Ist-Zustandes?

Nein, nicht vorrangig, aber als Ausgangspunkt für Perspektiven. Unsere Untersuchungen in der freien darstellenden Theaterlandschaft sind sehr geprägt vom Ansatz des Kollaborativen, des Transdisziplinären und Partizipativen, schließlich der Überprüfung von neuartigen Konzepten und Arbeitspraktiken. Es geht auch um die Erschließung neuer Räume, inklusive der digitalen, die ja im letzten Jahr ganz notgedrungen sehr forciert wurden. Vorabüberlegungen einer Studie stellen deshalb zum Beispiel Fragen wie „Was heißt Lifeness? Zwischen Lockdown und Lockerung“. Also, wir betrachten den Körper im Theatersaal neu, stellen aktuelle Fragen der Konzeption von Dramaturgie unter Einbeziehung eines Online-Publikum, fragen, wo Theater in Zukunft stattfinden wird. Und wir beleuchten Konsequenzen für die Transformation der Akteure, aber auch der künstlerischen Ausdrucksformen. Aus all dem sollen letztlich Konsequenzen abgeleitet werden für künftige kulturpolitische Steuerungen.

Letztlich zielt das wissenschaftliche Forschungsprogramm also auf die Politik?

Das ist unser Auftrag. Wir erarbeiten mit einem Team von Wissenschaftler*innen gemeinsam mit Künstler*innen kulturpolitische Ergebnisse. Über deren Nutzung und Umsetzung wird in der Politik entscheiden. Das meint in erster Linie die Bundespolitik, die ja auch Träger des Fonds Darstellende Künste ist. Aber Theater entsteht nicht ausschließlich mit Mitteln des Bundes, sondern vor allem in den Ländern und vor Ort in den Kommunen. Dazu forschen wir übrigens auch: Es geht darum, Förderung auf den verschiedenen Ebenen künftig noch mehr zusammenzudenken, damit freie Theaterhäuser, Gruppen und einzelne Künstler*innen davon besser profitieren.

Dicht an der Förderpraxis

 Wie wurde an die aktuellen Forschungsaufträge herangegangen?

Dicht an der bisherigen Förderpraxis. Ein Ausgangspunkt war des Förderprogramm #TakeCare, das Künstler*innen in den ersten Wochen der Pandemie je 5000 Euro zum Überleben sichern sollte. Daraus entwickelte sich das ausdifferenzierte Programm #TakeThat, das die freie Szene nach Analyse der Bedarfslage sehr gezielt fördern sollte. Es berücksichtigte Wirkmechanismen, aber auch die besonderen Potenziale der freien darstellenden Künste. Dabei wurden nicht mehr nur klassische Produktionen gefördert, sondern auch die Distribution, erstmals auch Theaterhäuser als Kooperations- und Produktionsorte, aber auch individuelle Maßnahmen der Weiterbildung und -entwicklung in Zeiten ohne Auftrittsmöglichkeiten, als Vorbereitung auf einen Neustart. Wir haben zugleich auch das Nachdenken über Inhalte und Ästhetiken, über das Interdisziplinäre und Internationale unterstützt. Das ermöglichte, Produktionen quasi „auf Halde“ zu erarbeiten oder auch Wiederaufführungen vorzubereiten, die es zukünftig noch mehr zu fördern gilt.

Vor allem zielten die Förderprogramme jedoch auf die Akteure?

 Unbedingt. Wir haben es ja grundsätzlich mit Menschen zu tun – sowohl im inzwischen erweiterten „Zuschauerraum“ als auch auf der Bühne. Der Publikumsaspekt, das Moment der Teilhabe, wird immer stärker zu berücksichtigen sein, wie auch die Grundbedingung, dass die, die Theater machen, davon leben können müssen. Künstlerische Tätigkeit muss sich lohnen, prekäre Arbeitsverhältnisse sind zu überwinden. Daraus leiten wir in der wissenschaftlichen Begleitung auch Überlegungen ab, unter welchen Bedingungen zukünftig freies Theater von Menschen für Menschen gemacht werden kann.

Und wie sind die Forschungen praktisch organisiert?

Der Fonds war in der glücklichen Lage, Expert*innen von deutschen Hochschulen für diese Arbeiten einzuladen. Und es ist sehr erfreulich, wie viele Wissenschaftler*innen sich auch kurzfristig zur Mitarbeit bereitgefunden haben. Es wurden zwölf Themen für Teilstudien erarbeitet und vergeben. Die Expert*innen bringen dazu ihre eigene Expertise ein, haben Unterlagen zur bisherigen Praxis studiert, bereits hunderte von Interviews geführt, sich in unserem wissenschaftlichen Beirat thematisch ausgetauscht und nun angefangen, die Auswertungen zu Papier zu bringen. Allesamt sollen letztendlich beitragen, künftigen Förderkonzeptionen eine neue tragfähige Basis zu geben. Ich gehe inzwischen davon aus, dass die Ergebnisse wesentliche Veränderungen in unserer Kulturlandschaft bewirken können, wenn es dem Fonds und seinen Verbündeten gelingt, dass die Politik sich darauf einlässt.

Fünf Querschnittserkenntnisse

Lassen sich denn schon einige Zwischenergebnisse nennen?

Durchaus. Ich sehe zumindest fünf Essentials, die sich bereits jetzt herauskristallisieren: Ein erstes Ergebnis betrifft die Abkehr von der strikten Produktionsförderung, „Von der Premiere zum Prozess“, könnte die Erkenntnis formuliert werden. Förderungen sollten es ermöglichen, dass Prozesse in Gang kommen, dass Zeit für Recherche und Entwicklung finanziert wird und künstlerische Zusammenarbeit gepflegt werden kann. Natürlich muss dabei am Ende Theatralisches entstehen, aber ein starres Festhalten an einer bestimmten Produktionsweise ist nicht mehr zeitgemäß. Es geht also um eine Flexibilisierung der Förderung, die prozessorientiert durch Stipendien oder für Arbeitsphasen vergeben werden sollte.

Die zweite Erkenntnis betrifft Arbeitsprozesse: Wer mit wem? “Vom Nebeneinander zur Kooperation“, könnte man das nennen. Wir beobachten praktisch vielfältigere Formen eines Zusammenwirkens von Akteuren verschiedener Künste und Professionen, zwischen unterschiedlichen Institutionen und Häusern. Dafür ist unsere Theaterlandschaft aber insgesamt noch nicht durchlässig genug. Es gilt auch, die starre Säulenstruktur von Stadt- und Staatstheatern, freien Theatern und auch dem Amateurtheater sowie der Soziokultur offener zu gestalten und Wege zu schaffen, Potenziale zusammen zu nutzen.

Ein drittes Ergebnis liegt in einer Entwicklung „Von der Produktionsförderung zur Rezeptionsförderung“, wo es darum geht, das Publikum mitzudenken. Unter Einbeziehung altehrwürdiger, sich aber entwickelnder Publikumsorganisationen wie „Theatergemeinden“ und „Volksbühnen“, aber auch von der Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen, sollte gezielter darauf hingewirkt werden, noch mehr Theater für mehr Menschen zu ermöglichen. Das Kinder- und Jugendtheater spielt dabei eine besonders wichtige Rolle, etwa bei der Kooperation mit Schulen. Darauf muss sich die Förderung künftig noch stärker konzentrieren.

Der vierte Punkt betrifft das Thema Diversität. Bislang ist Diversität zwar im Blick, aber noch kein integraler Bestandteil der Förderstruktur. Zu zielen ist hier einerseits auf die Diversifizierung des Personals in Häusern und Ensembles, aber es geht auch um die Inklusion ausgegrenzter und unterrepräsentierter Gruppen. Unsere entsprechende Teilstudie wird zeigen, dass eine ganzheitliche Perspektive, klare politische Ziele oder gar Umsetzungsstrategien auf diesem Gebiet noch fehlen. Dabei kann es nicht um schnelle Lösungen gehen, sondern um einen gesellschaftlichen Perspektivwechsel und systematische Reformen, quasi um einen nachhaltigen Paradigmenwechsel in der Kulturpolitik.

Das fünfte Ergebnis ist ein dezidiert kulturpolitisches. Es zielt auf Strukturen und Möglichkeiten, in Kommunen, Ländern und interdisziplinär überhaupt zu einer Verständigung darüber zu kommen, welche Kulturförderung wem und wie zugutekommen soll. Vielerorts gibt es bereits das Instrument von Kulturentwicklungsplänen. Eine Studie empfiehlt, regionale Theaterentwicklungsplanungen stark machen, bei denen die künstlerische Freiheit gewahrt bleibt, aber Planungssicherheit eine größere Rolle spielen muss. Auch das Zusammenspiel von Förderebenen sollte stärker in den Blick genommen werden. Oder die Unterstützung ländlicher Räume.

Forschung endet nie

Das sind, wenn ich es richtig verstehe, also bereits Querschnittserkenntnisse, die sich aus verschiedenen Teilstudien als eine Art Quintessenz herauslesen lassen. Wie wird bei der Auswertung der einzelnen Studienergebnisse nun weiter verfahren?

Die Gesamtauswertung wird Aufgabe des Fonds Darstellender Künste sein. Ich freue mich auf die nächsten Wochen, die einzelnen Teilergebnisse so auszuwerten, dass nicht nur zwölf divergierende Studien die breite der Forschungen dokumentieren, sondern eine Zusammenschau stattfindet. Natürlich dürfen individuelle Herangehensweisen und unterschiedliche Perspektiven gezeigt werden, wir wollen der Politik ja eine möglichst ausdifferenzierte Erkenntnisgrundlage für künftige Entscheidungen bieten. Deshalb debattieren wir das vorab auch auf dem Bundesforum im September. Wir schließen die Diskussion dann auf einem wissenschaftlichen Symposium am 2. November ab und werden das Ganze als kulturpolitisches Programm auch online und gedruckt veröffentlichen. Als Arbeitsgrundlage für die kommenden Jahre.

Und für die Förderarbeit des Fonds Darstellende Künste konkret, haben sich dafür schon Schlüsse ergeben oder nötige Veränderungen begründet?

Schlussfolgerungen zeigen sich bereits schon jetzt. Vereinfacht gesagt, haben wir die bisherige Projektförderung im Prinzip eingestellt. Stattdessen wurde eine sogenannte Prozessförderung eingeführt und die Konzeptionsförderung gestärkt. Das bedeutet: Wir fördern Kreativität in dreijährigen Zeiträumen, in denen etwas entstehen kann. Die würden wir gern auf fünf Jahre ausweiten, damit tatsächlich eine Absicherung auch für Gagen, Kranken- und Altersversicherung gegeben ist und Künstler*innen nicht immer bei sich selbst sparen müssen.

Darüber hinaus haben wir ein kleines Programm zur Wiederaufnahmeförderung aufgelegt, das sichern soll, das künstlerisch Gelungenes öfter gespielt werden kann und ein größeres Publikum erreicht wird. Eine Netzwerk- und Strukturförderung, die jetzt verstärkt werden soll, ist ein drittes bereits praktisches Ergebnis unserer Analysen bisheriger Praxen.

Auf dem Symposium im Herbst wird also ein Fazit gezogen werden. Geht es dennoch weiter, gibt es auch einen Ausblick?

Forschung endet nie. Das, was wir jetzt herausgefunden haben, bedarf demnächst wieder der Überprüfung und Reflexion, ob es Bestand hat und die geschaffenen Strukturen erfolgreich sind.

Ich sehe zudem schon drei Bereiche, wo wir demnächst noch genauer hinschauen sollten: Das sind die Rechercheförderung, eine Residenzförderung und auch weiterhin Sonderförderungen. In dieser pandemischen Zeit haben diese Förderinstrumente ganz wichtige Unterstützung gegeben. Wie sie künftig weiter eingesetzt werden sollten, ist zu hinterfragen und auszuprobieren. Deshalb erwarten wir auch von einer neuen Bundesregierung, dass wir im Förderumfang nicht hinter die Corona-Zeit zurückfallen werden, sondern weiter eine Fördersubstanz zur Verfügung haben werden, die solche Entwicklungen möglich macht.

Anfänglich habe ich den Wert des freien Theaters als experimentierfreudiges Feld gesellschaftlicher Entwicklung betont. Wenn wir als Förderinstitution dazu beitragen können, dann ist das sehr befriedigend und jeglicher Mühe wert.


Die zwölf Teilstudien des Forschungsprogramms:


Das 3. Bundesforum des Fonds Darstellende Künste und des Bundesverbands Freie Darstellende Künste findet vom 14. bis 16. September 2021 in hybrider Organisationsform statt. Hier das Programm und weitere Informationen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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