Spielanleitungen und ein Drag Ball für Kinder

Wird hoffentlich bald wieder live gespielt: "Zucker" im Fundus-Theater. Foto: Franka Rosa von Sobbe

Erwachsene an der Leine Gassi führen, eine zünftige Sojasaucen- und Ketchup-Schlacht veranstalten oder eine Modenschau mit Kleidung aus Gemüse – mit dem Hamburger Fundus Theater können Kinder nach Herzenslust Verrücktes ausprobieren. Playing Up nennt das Theater diese Art von Performance-Kunst, bei der Kinder gewohnte Sichtweisen infrage stellen und neue Erfahrungen machen können.

Playing Up, zu Deutsch: „Überdreht sein“, besteht aus einem Set von 36 Spielanleitungen in sechs Kategorien. „Das Forschungstheater ist neben dem Figuren- beziehungsweise Autorentheater und den Gastspielen die dritte Sparte in unserem Programm“, erläutert Christopher Weymann aus dem Kernteam des 14-köpfigen Ensembles. Dabei sitzen die Kinder nicht wie üblich im Publikum, sondern werden selber, oft gemeinsam mit Erwachsenen, zu Akteuren. Dank der Finanzhilfen aus dem Programm #TakeThat zur Förderung freischaffender Künstler*innen kann Playing Up nun um eine weitere Kategorie ergänzt werden.

Christopher Weymann
Foto: Mathias Thurm

„Wir haben 40.000 Euro beantragt und das Geld auch bekommen“, freut sich Christopher Weymann. Beantragt wurde das Geld im Unterprogramm #Take Note, das besonders Wissenstransfer und Austausch fördern soll. Da Corona seit Monaten kein Livetheater erlaubt, sei die Finanzhilfe gerade passend gekommen, um die Zeit mit der Planung und Ausarbeitung neuer Projekte zu füllen. „Das meiste Geld fließt dabei in Honorare“, sagt Weymann. So erarbeiten zwölf Wissenschaftler*innen, Theaterpädagog*innen und Künstler*innen aus Deutschland, Großbritannien und Dänemark unter dem Label Playing Up Gender seit Januar gemeinsam zwölf neue Spielanleitungen in deutscher und englischer Sprache. Bei jeder Performance soll es darum gehen, spielerisch gewohnte Geschlechterrollen aufzubrechen. „Im Juni soll das fertige Set anlässlich der Einladung von Playing Up zum Theater der Welt-Festival in Düsseldorf erstmalig öffentlich präsentiert werden“, kündigt Weymann an.  „Unseren großen Auftritt für Playing Up Gender werden wir dann im nächsten Jahr mit einem Drag Ball für Kinder veranstalten.“ Damit knüpft das Theater an die vor allem in New York aktive Drag Ball Culture der afroamerikanischen LGBTQ-Szene an. Dann heißt es für die Kleinen, sich mit Schminke und schrillem Outfit in knallbunte Drag Queens und -Kings zu verwandeln.

Geschlechterrollen aufbrechen: Playing Up Gender
Foto: Margaux Weiss

Die zunächst online verfügbaren und später auf A5-großen Karten gedruckten Spielanleitungen gehen vor allem an Schulen und andere Kinder- und Jugendeinrichtungen, die die Performances nach Belieben in Eigenregie umsetzen. Für das Fundus Theater ist die meiste Arbeit damit erstmal getan.

Christopher Weymann freut sich aber schon darauf, dass das Theater nach Corona auf seiner Bühne wieder vor Kindern spielen kann. Zum Beispiel die aktuelle Produktion „Auf Zucker“. Darin erfahren die Kinder alles über die Herkunft, Kolonialgeschichte und Wirkung des süßen Stoffs. Mit Stevia bis Marshmallows wird aber mehr als nur der Hunger nach neuen Erkenntnissen gestillt. Dabei fehlt freilich nicht der Hinweis an die Eltern, dass die gesundheitlich bedenkliche Tageshöchstmenge nicht überschritten wird.


Fundus Theater

Das 1980 gegründete Kindertheater bezeichnet sich seit 2003 auch als Forschungstheater und sieht sich als szenisches Labor, das sich ganz der Forschung zwischen Kindheit, Kunst und Wissenschaft widmet. Formate und Verfahren der Performancekunst ermöglichen den Mitforschenden hier ihren jeweils eigenen Zugang.

Inszenierungen und Projekte de Fundus Theater gGmbH waren in den letzten Jahren unter anderem beim Manchester International Festival und beim Impulse Festival zu sehen, werden europaweit übersetzt und nachgespielt. Kooperationspartnerin ist unter anderen die Tate Modern in London. Playing Up, eine Einführung in die Performancekunst für Kinder und Erwachsene, wird beim Theater-der-Welt-Festival 2021 zu sehen sein.

Seit 1997 ist das Fundus Theater auch der Hamburger Premierenort für ausgesuchte mobile Kindertheater und ist Heimat des Hamburger Kindertheaterfestivals. 2016 erhielt das Haus den Theaterpreis des Bundes.

www.fundus-theater.de

nach oben

weiterlesen

Kunstkalender: Jury hatte Qual der Wahl

Die Beteiligten und ihre Arbeiten für den ver.di-Kunstkalender 2022 stehen fest. Die siebenköpfige Jury, ganz überwiegend Künstler*innen, hat erneut ihre Arbeit getan und aus einer Vielzahl von Bewerbungen die zwölf Kalenderblatt-Arbeiten unterschiedlicher Genres gekürt. Ihre Urheber*innen erhalten wie immer ein Preisgeld und werden im gedruckten Kalender mit ihrer Kurzvita vorgestellt.
mehr »

Tabori Preise für Ensembles mit besonderem Ausdruck verliehen

Am 21. Mai 2021 hat der Fonds Darstellende Künste in einer Preisverleihung zum zwölften Mal den Tabori Preis und die Tabori Auszeichnungen an Ensembles und Protagonisten der Freien Theaterszene vergeben. Die Verleihung erfolgte online. Geehrt wurden drei Ensembles mit eigener künstlerischer Handschrift. Die meisten werden durch Frauen geleitet und geprägt. Durch den Abend führte – aus einer Strech-Limousine – das Theaterkollektiv Gob Squad, das im vergangenen Jahr mit dem Tabori Preis ausgezeichnet worden war.
mehr »

Unsichtbar chancenlos? Let’s go Lobby!

"Die Arbeit von Menschen, die in künstlerischen Berufen und in der Kulturbranche tätig sind, gesellschaftlich sichtbar zu machen" ist ein wesentliches Ziel des "Jahres der Kulturschaffenden 2021", das die ver.di-Kulturbeauftragte und die ver.di-Kunstfachgruppen gemeinsam initiiert haben. Der Weg: Musikerinnen, bildende Künstler, Schauspielerinnen, Schriftsteller, Veranstaltungsmacher gehen als Lobbyisten in eigener Sache an die Öffentlichkeit. Ideen sind gefragt. Inzwischen gibt es Vorzeigbares, das andere motivieren kann, auch aktiv zu werden. Einige Beispiele.
mehr »

Vollbremsung, Innovationsboost und viele neue Ideen

Die Schaubühne Lindenfels als Theater- und Veranstaltungshaus gehört zum Leipziger Szene-Stadtteil Plagwitz wie das Kunstkraftwerk oder die berühmte ehemalige Baumwollspinnerei mit ihren Ateliers und Galerien. An allen hat das Corona-Virus heftig genagt. Dennoch blickt das Schaubühne-Team optimistisch in die Zukunft: Dank der Förderungen durch NEUSTART KULTUR ist der Erhalt des Hauses gesichert und es wird mehrgleisig geplant.
mehr »