Musikstudium im Fokus: Was verändert Corona?

Traumberuf Musiker, Traumberuf Schauspieler? Der neuerliche Lockdown im November verunsichert zu Beginn des Wintersemesters viele junge Künstler und Studierende: Was kann ein Erstsemester erwarten, der in wenigen Jahren als Musiker, Künstler oder Schauspieler arbeiten will? Was müsste sich an den Kunst- und Musikhochschulen nach Corona verändern? Anregungen zur Diskussion:

Ganz klar ist, dass ein Corona-Impfstoff nicht dafür sorgen wird, dass die Uhr in der Kulturszene auf die Vor-Pandemiezeit zurückgestellt werden kann. Doch eine positive Entwicklung hat der Lockdown im Bildungs- und Kulturbereich in Gang gebracht: Die Digitalisierung geht schneller voran und es wird gezoomt und geskypt wie nie zuvor! Dabei gibt es Inhalte, die besser geeignet sind für eine Onlinevermittlung als andere: Eine Einführung in das Sozialversicherungssystem oder ein kunsthistorisches Thema lassen sich am Bildschirm didaktisch gut vermitteln. Verhandlungstraining mit Rollenspiel, Gehörbildung und Gesangsunterricht benötigen die Nähe von Lehrenden und Studierenden. Während nicht nur die Hochschulen und Bildungseinrichtungen jetzt unverzüglich die technischen Voraussetzungen schaffen müssen, gilt dies besonders für viele gestandene Lehrende, die nicht nur technisch „nachrüsten“, sondern innere Widerstände gegen alles Digitale überwinden müssen. Oftmals sind es „Silver Surfer“, die „Digital Natives“ unterrichten, analoge Lebenserfahrung prallt auf digitale Lebenswelten, ein Generationenkonflikt.

Beachtliche Erlöse mit Streaming

Notwendig ist demnach die Bereitschaft der Lehrenden und der Hochschulen, zu akzeptieren, dass die künftige Arbeitswelt digitale Wege geht und sich Hochschulabsolventen in dieser Welt zurechtfinden müssen. Studienordnungen müssen angepasst und in der Didaktik digitale Unterrichtsformate ebenso gelehrt werden wie in der künstlerischen Ausbildung die Auftrittsformate eines digitalen Flashmobs oder einer Online-Kulturveranstaltung integriert werden sollten. Digitale Veranstaltungsformate können jungen Musikern und Künstlern künftig neue Märkte erschließen, wie Elke Fabri vom Barockorchester „Caterva Musica“ aus Gelsenkirchen betont: „Wir streamen unsere Livekonzerte, um zusätzliches Online-Publikum zu erreichen. Unsere Wohnzimmerkonzerte sind interaktiv und wir erzielen damit beachtliche Erlöse“.

Auch in Fragen des Managements und der Kulturwirtschaft hat die Wirklichkeit den Hochschulbetrieb überholt. Während mancherorts noch über die Bedeutung einer Debut-CD gesprochen wird, erwirtschaftet die deutsche Musikwirtschaft zwei Drittel aller Umsätze im digitalen Segment. Hiervon profitieren aber nur wenige Künstler, da die Urheber bei der Lizenzierung von Streamingprodukten nur geringfügig mitverdienen. Eine stärkere Beteiligung der Urheber an den Gewinnen steht dringend auf der Tagesordnung.

Stark belastete Haushalte

Der Blick auf den künftigen Arbeitsmarkt verunsichert junge Künstler und Studierende, denn schon heute ist klar, dass alle öffentlich finanzierten Einrichtungen mit Sparmaßnahmen in Folge der stark belasteten Haushalte rechnen müssen. Freie Stellen in Orchestern, Theatern, VHS und Musikschulen werden gestrichen oder zumindest befristet nicht besetzt. Ein akutes Problem besteht darin, dass es derzeit kaum Praktikumsplätze und Stipendienplätze in den Orchesterakademien gibt. Hier könnten die deutschen Orchester und Chöre mit einer Flexibilisierung ihrer Strukturen helfen, die Krise zu bewältigen, indem verstärkt Teilzeitstellen geschaffen werden. Lange schon wünschen sich junge Orchestermusiker und Sänger Arbeitsverträge, die es ermöglichen, eigene künstlerische Projekte neben dem Bühnenjob zu verwirklichen. Das Schlagwort von der Work-Life-Balance sollte von Arbeitgebern und Verbänden nicht einfach beiseite gewischt werden. Immer wieder werden Bedenken geäußert, eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes im Bereich von Orchestern, Bühnenensembles und Chören würde Stellen in die Freiberuflichkeit verlagern bzw. Stellenabbau bedeuten. Dabei geht es darum, durch Teilzeit mehr Künstlern eine angestellte Arbeitsperspektive zu bieten. Die Coronapandemie wird den Druck auf diese Entwicklung durch die hohe Zahl nicht versorgter Absolventen in den kommenden Jahren erhöhen.

Das Künstlerische allein reicht nicht

Eine letzte Forderung richtet sich an alle Ausbildungsstätten im Musik-, Kunst und Theaterbereich: Es ist bei der Ausgestaltung von Lehrplänen immens wichtig, nicht allein die künstlerische Ausbildung im Blick zu haben, sondern die Berufsfähigkeit eines jungen Künstlers. Dazu zählen Kenntnisse in Management, wie Grundkenntnisse in Steuerfragen, Recht, Finanzen und der sozialen Absicherung, der Existenzgründung und Freiberuflichkeit, sowie in Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, in Kunst- und Musikvermittlung sowie pädagogische Kenntnisse. Noch vor Corona, bemängelte die 2019 veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung „Opernsänger mit Zukunft!“: „In allen Master-Operngesangsstudiengängen finden sich (…) außerfachliche Angebote kaum bis gar nicht“. Während einige Musikhochschulen, darunter Hannover, Hamburg und Detmold, sehr umfassende Angebote und einen eher ganzheitlichen Blick auf die Bedürfnisse Studierender bieten, halten manche immer noch an einer elitären, rein künstlerischen Ausbildung fest. Dabei wird nur ein geringer Prozentsatz der Absolventen, trotz eines famosen Konzertexamens, als ausschließlich freier Künstler auf dem Musikmarkt überleben können.

Eine Debatte zu den Perspektiven freiberuflicher künstlerischer Arbeit ist jetzt unverzichtbar. Hier sind vor allem Politik, Gewerkschaften und Verbände gefordert, nicht nur bessere Honorare und Arbeitsbedingungen auszuhandeln. Die soziale Absicherung gehört generell auf den Prüfstand. So muss über eine grundsätzliche Reform der Künstlersozialkasse nachgedacht werden, mit der Erweiterung um eine Risiko-Absicherung für freie Künstler und Publizisten.

Dr. Matthias Schröder ist Professor für Musikmanagement an der Hochschule für Musik Detmold, Journalist, Musiker und Konzertveranstalter. Foto: Friedhelm Krischer

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