Hannover im Protest: #RetteDeinTheater

Protestzug durch Hannover Foto: ver.di

Das Aktionsbündnis #RetteDeinTheater versammelte am 10. November 3000 Kulturschaffende und Unterstützer*innen aus ganz Deutschland in Hannovers Innenstadt, um gegen die Haushalts-Kürzungspläne der niedersächsischen Landesregierung zu protestieren. Eine auskömmliche finanzielle Ausstattung für den Kulturbetrieb in Niedersachsen forderte dort auch das ver.di-Bundesvorstandsmitglied Christoph Schmitz: „Kultur ist kein Luxus, sondern ein Lebensmittel!“

Die Teilnehmer*innen der Aktion zogen alle Register ihrer Profession und protestierten auf Kundgebungen und mit einem Demonstrationszug tanzend, singend, musizierend oder auch schauspielend durch das spätherbstlich-sonnige Hannover. Wem es an der Vorstellung mangelt, Kultur als systemrelevant zu begreifen, auf dieser Demo hätte er es erleben können. Bereits um 11 Uhr versammelten sich hunderte Menschen auf dem Opernplatz. Viele Künstler*innen kamen in farbenfrohen Kostümen und Bühnenoutfits, brachten ihre Musikinstrumente und sogar Handpuppen mit. Sie trugen ihre Botschaft auf selbstgestalteten Plakaten, Transparenten und Fahnen vor – darunter auch die Banner der vier Gewerkschaften, die als solidarisches Bündnis zur Demonstration aufgerufen hatten: ver.di, GDBA, DOV und VdO.

Mit dabei: Theatermacher*innen von der Bühne Hildesheim. Foto: ver.di

Kürzungen des Landes kosten Arbeitsplätze

In der Kritik der Kulturschaffenden stehen die Pläne der niedersächsischen Landesregierung, die anstehenden Tariferhöhungen des öffentlichen Dienstes nicht zu übernehmen und die Spielstättenförderung für freie Theater nicht zu verstetigen. Stattdessen will man für die kommenden Haushaltsjahre Streichungen in Millionenhöhe vornehmen. Davon betroffen neben dem Staatstheater in Hannover: die Theater und Orchester in kommunaler Trägerschaft, sowie die freien Theater und Spielstätten.

Motivation

„Es betrifft mich halt persönlich, wenn die Gelder gekürzt oder nicht erhöht werden. Dann kann ich meinen Arbeitsplatz verlieren, das will ich nicht. Deswegen bin ich hier.“ Jeremias Beckford (Schauspieler, Theater für Niedersachsen, Hildesheim)

Die vier Gewerkschaften des Aktionsbündnisses fordern das Land Niedersachsen im Interesse  der Kulturschaffenden und der Öffentlichkeit auf, sich zu seiner Kulturlandschaft zu bekennen sowie Planungssicherheit und Zukunftsperspektiven für die Beschäftigten von Theater und Orchester zu schaffen. „Kunst und Kultur tragen, wie nichts Anderes dazu bei, unsere Gesellschaft zusammenzuhalten. Deshalb sind sie genauso wertvoll und müssen gefördert werden wie Impfstoffe, Energiewende und Bruttosozialprodukt. Wir brauchen gute, lebendige Theater. Und die da arbeiten, brauchen einen gerechten Lohn. Vom Applaus alleine können sie nicht leben“ , beschrieb ver.di-Mitorganisatorin Silke Köhler die Motivation der Akteure.

3000 Demonstrant*innen vor  dem Landtag

Foto: ver.di

Nach Redebeiträgen, Gesangs- und Tanzeinlagen formierten sich die Teilnehmer*innen zu einem langen Protestzug quer durch die Innenstadt. Auf Höhe des Kultur- und am Finanzministeriums wurde es besonders laut. Viele Demonstrant*innen zeigten sich tief enttäuscht von der Politik und äußern scharfe Kritik am niedersächsischen Finanzminister Reinhold Hilbers und Kulturminister Björn Thümler. Darunter Marc Burgdorf und Jan Kalka, Beleuchter im Staatstheater Hannover: „Einfach mal drüber nachdenken, ob das wirklich die richtige Entscheidung ist, in Niedersachsen an der Kultur zu sparen. Weil es einfach nicht gerechtfertigt ist, dass man bei Volkswagen oder TUI richtig Geld reinbuttert und dann bei uns einspart, was ja auch im Vergleich der Summen eigentlich echt ein Witz ist.“ Beiden ist wichtig, dass es hier um die Lebensgrundlage vieler Beschäftigter, aber auch um das Grundrecht auf Kultur geht.

Christoph Schmitz bei seiner Rede Foto: ver.di

Das war Tenor vieler Redebeiträge an diesem Protesttag. Auch Christoph Schmitz, Bundesvorstandsmitglied der Gewerkschaft ver.di, war zu den Protestierenden nach Hannover gekommen und sprach auf der Abschlusskundgebung vor dem niedersächsischen Landtag: „Das Land Niedersachsen ist im Ländervergleich auf einem der hintersten Plätze was seine Pro-Kopf-Ausgaben für Kultur angeht. Wenn die öffentlichen Mittel für Kunst und Kultur noch mehr zusammengestrichen werden, dann betrifft es uns alle! Kultur ist kein Luxus, sondern ein Lebensmittel!“, erklärte er unter Beifall.

Minister stellen sich der Kritik und bleiben stumm

Tatsächlich konnten die Redner*innen der Kundgebung den angesprochenen Ministern Thümler und Hilbers ihre Kritik direkt ins Gesicht sagen. Beide CDU-Politiker mischten sich in die Menge und wurden von den Demonstrant*innen mit lautstarkem Protest „begrüßt“. Nahezu reglos folgten die Minister dann dem Bühnengeschehen.
Thomas Huppertz, Musiker im Niedersächsischen Staatsorchester, trug die acht Forderungen des Aktionsbündnisses #RetteDeinTheater an die Politik vor: Sie betreffen die Übernahme aller künftigen Tariferhöhungen des öffentlichen Dienstes, die Übernahme aller notwendigen Investitionskosten, den Erhalt der Förderung der freien Theater durch eine deutliche  Erhöhung der Kulturausgaben. Gefordert werden außerdem die zuverlässige und auskömmliche Finanzierung des Kulturbetriebs, monatliche Mindestgagen für Schauspieler*innen von 3000 Euro, sichere Arbeitsplätze und Eingrenzung von Befristungen. „Niedersachsen soll im Ländervergleich Platz 1 bei den Kulturausgaben einnehmen“, fordert das Bündnis.

Ein Geschenk zum Nachdenken für die Minister Hilbers (l.) und Thümler Foto: ver.di

Mitveranstalterin Alrun Hofert nutzte die Gelegenheit und übergab den Landesministern symbolisch ein selbstgestaltetes Buch mit Foto- und Textmaterial der Solidaritätsaktion #RetteDeinTheater. Die Herren verließen die Kundgebung dann ebenso schweigsam, wie sie gekommen waren.

Erfolg und Ansporn

Die Protestveranstaltung ging ungeachtet dessen weiter. Kulturschaffende boten Proben ihrer Kunst, appellierten eindringlich an die Politik, ihre Arbeitsbedingungen zu sichern, und lieferten musikalische Höhepunkte. Das gelungen Finale gestaltete Paul Pötsch gegen 14 Uhr mit seinem „Rausschmeißer-Konzert“. Zufrieden äußerten sich auch die Veranstalter*innen: „Wir haben heute gezeigt, dass die Theater in Niedersachsen lebendig sind und jeden Cent ihres Etats wert. Gerechnet hatten wir mit 1.000 Menschen, gekommen sind dreimal so viele! Das ist für uns ein Erfolg auf ganzer Linie!“, bestätigte Silke Köhler für ver.di.

Bei der Abschlusskundgebung am Landtag Foto:ver.di

Die Veranstaltung war ein eindrucksvoller Beitrag der Akteure von #RetteDeinTheater. Ihre Kampagne wird fortgeführt und kann unterstützt werden: #rettedeintheater 2021 – Online-Petition

Die Berichterstattung aus Hannover übernahmen für Kunst + Kultur Online: Monya Buß, Elisa Brummel und Domingo Heber aus dem Traineeprogramm von ver.di

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