Bessere Tarife auf und hinter der Bühne

Noch vor Corona: Beschäftigte aus den beiden Stuttgarter Stage-Häusern unterstützten 2018 die damaligen Tarifverhandlungen.
Foto: ver.di

Musical-Theater bedeutet in Deutschland so viel wie Stage Entertainment. Die hiesige Tochter der holländischen Muttergesellschaft betreibt neun Häuser, die im En-Suite-Betrieb Musicals geben, Event-Locations sowie mehrere Musical-Touren. Für Unterhaltung mit Produktionen von König der Löwen über Glöckner von Notre Dame bis Mamma mia! sorgen 1600 Beschäftigte. 2002 hatte ver.di für sie erstmals einen bundesweiten Tarifvertrag abgeschlossen. Seit letztem Sommer gibt es ein verbessertes Tarifwerk, das Beschäftigungssicherung bis 2021 einschließt.

Die Tarifeinigung vom Juli ist in mehrerer Hinsicht bemerkenswert: Zunächst konnten die bundesweiten Tarifverträge weiter gesichert werden. Obwohl jedes Theater eine eigene GmbH bildet und dort jeweils mindestens vier verschiedene Tarifverträge gelten – Mantel- und Entgeltregelungen für künstlerische und nichtkünstlerische Beschäftigte – gibt es konzernweit einheitliche Regelungen, allenfalls mit Modifizierungen für einzelne Häuser. Dass es hier – abgesehen von den Entgelten – nahezu inhaltsgleiche ver.di-Tarifverträge für Musiker und Darsteller gibt, ist zudem eine Besonderheit, die ihresgleichen sucht. Allerdings hatte die Stage Entertainment nach dem letzten Tarifabschluss im Frühjahr 2015 Widerstand gegen die umfassenden Vereinbarungen angedroht.

Bemerkenswert ist auch, dass mit dem neuen Tarifabschluss betriebsbedingte Kündigungen außerhalb eines Produktionswechsels und jegliche Ausgliederung oder Fremdfirmeneinsatz bis 30. Juni 2021 ausgeschlossen sind. Derartiger Bestandsschutz zählte zu den Tarifforderungen mit hoher Priorität.

Dass mit dem Tarifwerk vom Sommer neben sicheren Arbeitsplätzen zugleich Entgeltsteigerungen in Höhe von 6,7 Prozent in drei Stufen vereinbart werden konnten, unterstreicht das gute Ergebnis. Die erste Erhöhung um 1,7 Prozent trat bereits zum 1. August 2018 in Kraft.

Neuer Schwung nötig: ver.di mobilisierte

Dabei war die Ausgangsbasis für diese Tarifrunde nicht sonderlich vielversprechend. „Der ver.di-Organisationsgrad in den einzelnenn Häusern war seit jeher unterschiedlich, insgesamt aber nicht sehr hoch“, berichtet ver.di-Verhandlungsführer Frank Schreckenberg. „Die Beschäftigten waren es seit Jahren auch nicht mehr gewohnt, sich aktiv für gute Tarife einzusetzen, viele waren eher verunsichert“, beschreibt der ver.di-Tarifexperte die Ausgangsbasis. Der Schock, dass die Stage nach Mehrheitsübernahme durch die luxemburgische Fondsgesellschaft CVC und nachfolgender Standortprüfung die Hamburger Stage Musical-Academy geschlossen, Arbeitsplätze abgebaut das Musical-Theater am Potsdamer Platz im Sommer 2016 komplett abgewickelt hatte, saß bei vielen tief. Doch ermöglichten es damals gerade die vorhandenen Tarifregelungen, etwa für die 150 Berliner Beschäftigten einen guten Sozialplan durchzusetzen.

Vor der Tarifrunde 2018 hatte zwar jedes Haus eine eigene Tarifkommission, doch an Aktivität und Ideen mangelte es mancherorts. Die Lösung: eine Mobilisierungskampagne. Ein Kampagnenrat wurde gebildet, verabredet, dass Aktive aus allen Häusern mitarbeiten, dass Aktionen zu Mitgliedergewinnung und Mobilisierung von allen getragen und koordiniert werden. Dazu gab es Ansprachetrainings vor Ort. „Klar war auch, dass Theater oder Abteilungen, die sich in ver.di organisieren, mehr von dem künftigen Tarifabschluss profitieren sollten als andere“, sagt Verhandlungsführer Schreckenberg.

Es folgten vielfältige Aktionen. Zeitgleiche Betriebsversammlungen in allen Häusern, ehrliche und umfassende Informationen an die Beschäftigten, Transparent- oder Daumen-hoch-Aktionen zur Unterstützung der Tarifforderungen. Hinter den gemeinsamen und mit Prioritäten versehenen Forderungen versammelten sich immer mehr ver.di-Mitglieder. Der Organisationsgrad konnte massiv gesteigert werden. Die dennoch notwendigen zehn Verhandlungsrunden wurden in den Häusern und am Verhandlungsort mit Aktionen begleitet.

Am 13. Juli 2018 gelang die Tarifeinigung. Das neue Tarifwerk gilt seither für alle Beschäftigten an allen Häusern. Das Hamburger Theater an der Elbe erhielt erstmals Tarifbindung. In diesen Tagen und wohl noch bis Anfang Januar werden die einzelnen Tarifverträge in den Häusern redaktionell entsprechend angepasst.

 

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Honorarumfrage unter Soloselbstständigen

Eine branchenübergreifende Honorarumfrage unter Soloselbstständigen soll für mehr Markttransparenz sorgen. „SO_LOS! Die Initiative für faire Honorare“ wurde zum Start am 13. Juli zunächst von 25 Berufsverbänden, Interessenvertretungen und Zusammenschlüssen von und für Soloselbstständige(n) getragen. Weitere sollen dazu kommen. Konzipiert und organisiert hat die Initiative das „Haus der Selbstständigen“ (HDS) mit Sitz in Leipzig. Zentraler Bestandteil ist eine Online-Umfrage, mit deren Hilfe Daten zu aktuell auf dem Markt zu erreichenden Honorarhöhen erhoben werden.
mehr »

Neue Landes-Arbeitsgruppe Kunst und Kultur in Bayern

Innerhalb der laufenden Organisationswahlen in ver.di wurde im Rahmen der Landesdelegierten-Konferenz der Kunstfachgruppen in Bayern am 9. Juli 2022 die Gründung des ordentlichen Gremiums der Landes-Arbeitsgruppe Kunst und Kultur beschossen.  Zugleich wurden die Vorstände der Landes-Fachgruppen KuK-Bayern gewählt. Der Landes-AG gehören Vertreter *innen der Fachgruppen Musik, Bildende und Darstellende Kunst sowie des VS an.
mehr »

Basishonorare: Wann, wenn nicht jetzt?

ver.di legt Diskussionsvorschlag mit Berechnungsmodell für selbstständige Künstler*innen vor: Kairos bezeichnet den günstigen Zeitpunkt für eine Entscheidung. Ihn nicht zu nutzen, kann fatal sein. Was in der griechischen Mythologie sogar als Gottheit personifiziert ist, betrifft nach ver.di-Auffassung gerade eher Profanes, aber ungemein Wichtiges: Die Festlegung von Basishonoraren für selbstständige Kreative. Ein gewerkschaftlicher Diskussionsvorschlag dazu wurde bereits vorgestellt. Nun gibt es die energische Einladung zur Partizipation.
mehr »

Aus kreativen Laboren akuter Transformation

Es begann quasi zoologisch und endete fröhlich. Die Verleihung des Tabori-Preises, der höchsten Auszeichnung im Bereich der Freien Darstellenden Künste, fand am 25. Mai 2022 im HAU Hebbel am Ufer in Berlin statt. Aber auch im Live-Stream konnte mitverfolgt werden, wie Protagonisten von „Meine Damen und Herren“ über den Preis jubelten, die Regisseurin Simone Dede Ayivi und die Company „Overhead Project“ geehrt wurden sowie Nicoleta Esinencu und das Theaterkollektiv „teatru-spălătorie“ die neue Tabori Auszeichnung international erhielten.
mehr »