Bessere Tarife auf und hinter der Bühne

Auch Beschäftigte aus den beiden Stuttgarter Stage-Häusern unterstützten die Tarifverhandlungen.
Foto: ver.di

Musical-Theater bedeutet in Deutschland so viel wie Stage Entertainment. Die hiesige Tochter der holländischen Muttergesellschaft betreibt neun Häuser, die im En-Suite-Betrieb Musicals geben, Event-Locations sowie mehrere Musical-Touren. Für Unterhaltung mit Produktionen von König der Löwen über Glöckner von Notre Dame bis Mamma mia! sorgen 1600 Beschäftigte. 2002 hatte ver.di für sie erstmals einen bundesweiten Tarifvertrag abgeschlossen. Seit letztem Sommer gibt es ein verbessertes Tarifwerk, das Beschäftigungssicherung bis 2021 einschließt.

Die Tarifeinigung vom Juli ist in mehrerer Hinsicht bemerkenswert: Zunächst konnten die bundesweiten Tarifverträge weiter gesichert werden. Obwohl jedes Theater eine eigene GmbH bildet und dort jeweils mindestens vier verschiedene Tarifverträge gelten – Mantel- und Entgeltregelungen für künstlerische und nichtkünstlerische Beschäftigte – gibt es konzernweit einheitliche Regelungen, allenfalls mit Modifizierungen für einzelne Häuser. Dass es hier – abgesehen von den Entgelten – nahezu inhaltsgleiche ver.di-Tarifverträge für Musiker und Darsteller gibt, ist zudem eine Besonderheit, die ihresgleichen sucht. Allerdings hatte die Stage Entertainment nach dem letzten Tarifabschluss im Frühjahr 2015 Widerstand gegen die umfassenden Vereinbarungen angedroht.

Bemerkenswert ist auch, dass mit dem neuen Tarifabschluss betriebsbedingte Kündigungen außerhalb eines Produktionswechsels und jegliche Ausgliederung oder Fremdfirmeneinsatz bis 30. Juni 2021 ausgeschlossen sind. Derartiger Bestandsschutz zählte zu den Tarifforderungen mit hoher Priorität.

Dass mit dem Tarifwerk vom Sommer neben sicheren Arbeitsplätzen zugleich Entgeltsteigerungen in Höhe von 6,7 Prozent in drei Stufen vereinbart werden konnten, unterstreicht das gute Ergebnis. Die erste Erhöhung um 1,7 Prozent trat bereits zum 1. August 2018 in Kraft.

Neuer Schwung nötig: ver.di mobilisierte

Dabei war die Ausgangsbasis für diese Tarifrunde nicht sonderlich vielversprechend. „Der ver.di-Organisationsgrad in den einzelnenn Häusern war seit jeher unterschiedlich, insgesamt aber nicht sehr hoch“, berichtet ver.di-Verhandlungsführer Frank Schreckenberg. „Die Beschäftigten waren es seit Jahren auch nicht mehr gewohnt, sich aktiv für gute Tarife einzusetzen, viele waren eher verunsichert“, beschreibt der ver.di-Tarifexperte die Ausgangsbasis. Der Schock, dass die Stage nach Mehrheitsübernahme durch die luxemburgische Fondsgesellschaft CVC und nachfolgender Standortprüfung die Hamburger Stage Musical-Academy geschlossen, Arbeitsplätze abgebaut das Musical-Theater am Potsdamer Platz im Sommer 2016 komplett abgewickelt hatte, saß bei vielen tief. Doch ermöglichten es damals gerade die vorhandenen Tarifregelungen, etwa für die 150 Berliner Beschäftigten einen guten Sozialplan durchzusetzen.

Vor der Tarifrunde 2018 hatte zwar jedes Haus eine eigene Tarifkommission, doch an Aktivität und Ideen mangelte es mancherorts. Die Lösung: eine Mobilisierungskampagne. Ein Kampagnenrat wurde gebildet, verabredet, dass Aktive aus allen Häusern mitarbeiten, dass Aktionen zu Mitgliedergewinnung und Mobilisierung von allen getragen und koordiniert werden. Dazu gab es Ansprachetrainings vor Ort. „Klar war auch, dass Theater oder Abteilungen, die sich in ver.di organisieren, mehr von dem künftigen Tarifabschluss profitieren sollten als andere“, sagt Verhandlungsführer Schreckenberg.

Es folgten vielfältige Aktionen. Zeitgleiche Betriebsversammlungen in allen Häusern, ehrliche und umfassende Informationen an die Beschäftigten, Transparent- oder Daumen-hoch-Aktionen zur Unterstützung der Tarifforderungen. Hinter den gemeinsamen und mit Prioritäten versehenen Forderungen versammelten sich immer mehr ver.di-Mitglieder. Der Organisationsgrad konnte massiv gesteigert werden. Die dennoch notwendigen zehn Verhandlungsrunden wurden in den Häusern und am Verhandlungsort mit Aktionen begleitet.

Am 13. Juli 2018 gelang die Tarifeinigung. Das neue Tarifwerk gilt seither für alle Beschäftigten an allen Häusern. Das Hamburger Theater an der Elbe erhielt erstmals Tarifbindung. In diesen Tagen und wohl noch bis Anfang Januar werden die einzelnen Tarifverträge in den Häusern redaktionell entsprechend angepasst.

 

 

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