Umfrage: Mehr Daten über „hybride“ Arbeit

In einer aktuellen Umfrage untersucht ver.di die Arbeitsbedingungen von Kreativen und Kulturschaffenden verschiedener Branchen. „Wir wollen mehr über die unterschiedlichen Arbeitsrealitäten von Künstler*innen erfahren und die Erkenntnisse in die gewerkschaftliche Arbeit einfließen lassen“, erklärt Lisa Basten, Bereichsleiterin Kunst und Kultur bei ver.di. Sie ermuntert alle Mitglieder der Kunstfachgruppen, aber auch sonst im künstlerischen und kulturellen Bereichen Tätige, sich zehn Minuten Zeit zu nehmen.

Die Online-Umfrage ps://kultur.verdi-umfrage.de/ läuft seit Ende August. Im Mittelpunkt stehen die Arbeitsverhältnisse und Einkommenshöhen sowie die Rolle von Tarifverträgen und Mindesthonoraren. Gefragt ist etwa nach der Zusammensetzung der Einkommen von Kreativen, so nach Anteilen aus der kulturellen Bildung, aus Veranstaltungen, Kunstaktionen oder Urheberrechten. Neben wirtschaftlichen Aspekten werden die Teilnehmer*innen aber auch um die Einschätzung verschiedener politischer, gesellschaftlicher und gewerkschaftlicher Lösungsansätzen gebeten, die auf die Verbesserung der Lage von Künstler*innen und Kulturschaffenden zielen.

Genaues Bild von der Arbeitsrealität zeichnen…

Warum eine solche Umfrage? Hat sich in der Corona-Krise nicht deutlich genug gezeigt, wie prekär die sozialen und Arbeitsbedingungen für Kulturschaffende sind? Anja Bossen, die Kunst- und Kulturbeauftragte von ver.di, erklärt, dass auch die Gewerkschaft noch zu wenig über die komplexen, heterogenen Arbeitsverhältnisse von Kulturschaffenden in den verschiedenen Bereichen und Sparten wisse: „Künstler*innen haben oft mehrere Einkommensquellen. Viele arbeiten in mehreren Bereichen und unterschiedlichen Jobs, zum Teil als Selbstständige und zum Teil angestellt.“ Typisch sei etwa eine Kombination aus selbstständiger künstlerischer Tätigkeit und einer (Teil-)Anstellung in der musikalischen Bildung. Auch Einkommen aus Urheberrechten gehen oft in die Mischung ein, mit der Kreative ihre Existenz sichern. Welche „Betriebskosten“ für sie tatsächlich eine Rolle spielen, ist ebenfalls von Interesse.

Denn: Über diese „hybriden“ Arbeitsverhältnisse gibt es bislang zu wenig Daten . Auch mit der Folge, dass politischen Entscheidungsträger*innen die Verhältnisse viel zu wenig bekannt und bewusst sind. Die Befragung hat daher das eindeutige Ziel, die Datenbasis zu verbessern und in einem weiteren Schritt mit den Ergebnissen an die Politik heranzutreten, um Veränderungen zu fordern.  Die Musikerin und Musikpädagogin Anja Bossen setzt sich in ihrem ver.di-Ehrenamt energisch für eine Verbesserung der nach wie vor überwiegend prekären Lebensverhältnisse von Kreativen ein und initiierte u.a. 2021 als „Jahr der Kulturschaffenden“. Für die Teilnahme an der aktuellen ver.di-Umfrage  wirbt sie auch in Fachzeitschriften und bei Verbänden, denn nicht nur Gewerkschaftsmitglieder sind zur Teilnahme aufgerufen. „Je größer unsere Stichprobe, desto aussagekräftiger werden die Ergebnisse sein und desto seriöser können wir davon auch gezielte Forderungen ableiten“, sagt Bossen weiter.

Darauf, wie erfolgreich die Arbeit mit Befragungsergebnissen sein kann, verweist sie ebenfalls: „Wir haben sehr gute Erfahrungen mit den Umfragen zur sozialen Situation und Einkommenssituation von Musikschullehrkräften und Privatmusiklehrkräftengemacht, die zwischen 2008 und 2017 von der Fachgruppe Musik in ver.di durchgeführt wurden. Die Ergebnisse fanden mittlerweile in zahlreiche Publikationen Einzug. Vor allem aber rückte die dramatische Situation der Lehrkräfte wesentlich mehr in den Fokus der Politik. Dass beispielsweise der Anteil der fest angestellten Musikschullehrkräfte in Berlin von ursprünglich rund 5 Prozent auf nun 25 Prozent steigt, führen wir ganz erheblich auch auf die Ergebnisse der Umfrage zurück“, so Anja Bossen.

… und passgenaue Forderungen ableiten

Die Einkommenssituation vieler Kreativen ist nicht erst seit der Pandemie prekär. Doch, so die Kunst- und Kulturbeauftragte, „Corona hat die Fragilität dieser Konstrukte offengelegt“. Viele wurden überrascht, wie schnell Rücklagen aufgebraucht waren, wie schnell wegbrechende Einkommen in einem Bereich zu existenzieller Bedrohung führten. „Darüber hinaus hat die Kombination unterschiedlicher Einkommensquellen und -arten dazu geführt, dass viele Kreative Hilfen nicht abrufen konnten und – mal wieder! – durch die Raster der sozialen Sicherungssysteme gefallen sind. Wir hoffen, mit der Datenerhebung ein sehr viel klareres Bild der verschiedenen künstlerischen Realitäten zeichnen zu können. Daraus wollen wir konkrete sozial-, arbeits- und kulturpolitische Forderungen ableiten, die noch passgenauer auf die Erfordernisse abgestimmt sind.“

Mit der Umfrage richtet ver.di auch einen noch stärkeren Fokus auf die kulturelle Bildung, wo oft unter schlechten Bedingungen gearbeitet wird: „Kulturelle Bildung wird bisher eher als gesellschaftspolitisches, nicht aber arbeitspolitisches Thema gesetzt. Die Arbeitsbedingungen in den verschiedenen Bereichen kultureller Bildung sind aber extrem heterogen. Wir hoffen, mit unseren Daten klarer beschreiben zu können, welche Rolle Selbstständigkeit, Nebenberuflichkeit, Tarifgebundenheit, soziale Absicherung etc. in den unterschiedlichen Bereichen kultureller Bildung spielen. Das ist die Grundlage für sozial- und arbeitspolitische Forderungen, die unseren Mitgliedern tatsächlich helfen.“

Anja Bossen bittet daher alle Künstler*innen, Schriftsteller*innen und andere Urheber*innen, Theaterschaffende, Musiker*innen und auch Kreative aus anderen Bereichen der Kulturwirtschaft und der kulturellen Bildung, den Fragenkatalog zu beantworten, um ein möglichst umfassendes Bild von deren Arbeitsrealität    zu zeichnen. „Je mehr Kulturschaffende sich beteiligen, desto zuverlässiger sind die Daten und desto mehr politisches Gewicht werden die Ergebnisse bekommen.“

Die Umfrage wird von dem Forschungsinstitut „Mauss Research“ im Auftrag von ver.di durchgeführt. Angesprochen sind Mitglieder und Nicht-Mitglieder aus den Branchen Literatur, Musik, Theater und Bildende Kunst. Zur Teilnahme geht es hier:

https://kultur.verdi-umfrage.de/ 

Die Befragung ist selbstverständlich völlig anonym und dauert etwa 10 Minuten.
Mitmachen ist bis zum 10. Oktober 2021 möglich.

 

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