Stimme und Auftrag für die Künstler in ver.di

Christoph Schmitz spricht zu den Delegierten der ver.di-Bundesfachgruppe Bildende Kunst.
Foto: Christian von Polentz

Lebhafte Diskussionen, einige Forderungen und überraschende Wahlausgänge bestimmten die Bundesfachgruppenkonferenz Bildende Kunst, die am 25. Januar 2019 in Berlin tagte. Thema waren die auch im Geschäftsbericht angerissenen Probleme, die sich aus den geplanten Fachbereichsfusionen bei ver.di speziell für sehr kleine Fachgruppen ergeben könnten. Bei den bildenden Künstler*innen kommt erschwerend hinzu, dass sie in der Mehrzahl selbständig arbeiten und oft geringe Einkommen erzielen.

Insofern wirkte der Vortrag von Christoph Schmitz – designierter Leiter des künftig aus den Branchen Ver- und Entsorgung, Telekom/IT, Finanzdienstleistungen und Medien, Kunst und Industrie entstehenden neuen Fachbereichs – eingangs beruhigend, als er die festgeschriebene und künftig zu stärkende Rolle der Fachgruppen herausstrich. Außerdem betonte er ausdrücklich, dass ver.di auch die Gewerkschaft der Kunstschaffenden sei. Er benannte allerdings auch vielfältige Gefahren, die durch den sich nach rechts verschiebenden gesellschaftspolitischen Diskurs gerade für die Kunst entstünden sowie die gleichermaßen drohenden Risiken durch die Digitalisierung.

Der bisherige und später wiedergewählte Bundesfachgruppenvorsitzende Lorenz Müller-Morenius stellte klar, dass Künstler*innen der geplanten Fachbereichsfusion mit großen Sorgen entgegensähen, da Kunst und Kultur ohnehin von Kürzungen betroffen seien. Christoph Schmitz bekannte sich zwar ausdrücklich zum Auftrag der Gewerkschaft, der eng mit der in und von ver.di vertretenen Kultur zusammenhänge. Doch Aussagen zur künftigen finanziellen und personellen Ausstattung für die Fachgruppen machte er nicht.

Viele der Delegierten verdeutlichten in ihren Debattenbeiträgen, dass eine kleine und schon heute nicht üppig ausgestattete Fachgruppe wie die Bildende Kunst auf professionelle Unterstützung durch Hauptamtliche angewiesen sei. „Wir erleben schon heute eine Arbeitsüberlastung auf allen Ebenen – bei Betreuungssekretärinnen wie bei Rechtschutzsekretären“, sagte die bisherige stellvertretende Fachgruppenvorsitzende Ute Kaiser. Sie erwarte von der geplanten Bündelung der Gewerkschaftsarbeit nichts Gutes. Gerhard Zirkelbach aus Baden-Württemberg verwies auf die Bedeutung der Kooperation der Kunst-Fachgruppen in ver.di, die sich in der Praxis immer wieder als sehr schwierig erweise, da die Probleme sich stark voneinander unterschieden. Sehr problematisch würde es für den und die einzelne/n Künstler*in, wenn die Gewerkschaft am Ende nur noch per Call-Center erreichbar wäre.

Mitten in der Diskussion.
Foto: Christian von Polentz

Barbara Salome Trost aus Berlin-Brandenburg betonte, dass es derzeit noch vielfältige Möglichkeiten der gewerkschaftlichen Arbeit für die Kunst gebe – bedroht sei sie vor allen Dingen durch rechte Parteien wie die AFD. Sie plädierte für gute Kurs- und Ausstellungshonorare, die mit Unterstützung von ver.di durchgesetzt werden sollten. Derzeit seien die Künstler*innen bei Honorarverhandlungen allein auf sich gestellt und damit in einer relativ schwachen Position. Christoph Schmitz wies in seinem Schlussstatement auf die Bedeutung der Ehrenamtlichen in ver.di hin; sie müssten für Impulse sorgen und weniger auf eine Stellvertreterpolitik durch Hauptamtliche setzen. Zugleich bekräftigte er den hohen Stellenwert der Kunst, die zur Daseinsvorsorge gehöre und zum Bildungsauftrag in politischer, ästhetischer und pädagogischer Hinsicht. Doch an den gesamtgesellschaftlichen Veränderungen, die auch die verschiedenen Branchen beträfen, ändere das nichts. „Die Rolle der Branchen ändert sich – ob mit der Bündelung der ver.di-Fachbereiche oder ohne.“ So trete die Telekom heute schon als Anbieter von Fernsehprogrammen auf, und Firmen aus dem Bereich Ver- und Entsorgung würden oft Glasfasernetze verlegen. Auch Kunst und Kultur veränderten sich vor dem Hintergrund der Digitalisierung. Christoph Schmitz forderte, sich politisch für die Kulturfinanzierung einzusetzen.

In der anschließenden Aussprache zum Geschäftsbericht und bei der Vorstellung der Kandidat*innen zu den Vorstandswahlen wurde deutlich, dass sich die Delegierten ein weiterhin starkes Engagement ihrer Gewerkschaft – auch in Gestalt von Gewerkschaftssekretär*innen – wünschen. Stark kritisiert wurde die 2017 durch den Gewerkschaftsrat beschlossene neue Reisekostenregelung, die selbständige Mitglieder mit kleinen Einkommen und entsprechend niedrigem Beitrag massiv benachteilige. Einstimmig votierte die Bundesfachgruppe Bildende Kunst für einen Mindestsatz beim Honorarausfall in der Reisekostenrichtlinie von ver.di. Dieser Satz solle ­– dem einzigen der Konferenz vorliegenden Antrag gemäß – weiter mindestens 113,70 Euro pro Sitzungstag betragen. ver.di bleibe es unbenommen, den Mitgliedern, die hohe Beiträge entrichten, entsprechend höhere Tagessätze zu zahlen.

Die Delegierten vereinbarten in der Debatte, in der kommenden Wahlperiode mehr für die Nachwuchsgewinnung zu tun, sich verstärkt für gute Ausstellungs- und Kurshonorare sowie eine bessere Altersvorsorge einzusetzen und sich zudem gut zu vernetzen.

Foto: Christian von Polentz

Die Konferenz wählte in geheimer Abstimmung und nach mehreren Wahlgängen Lorenz Müller-Morenius aus Nordrhein-Westfalen zum Bundesfachgruppenvorsitzenden, zu seinen Stellvertreterinnen Barbara Salome Trost aus Berlin-Brandenburg und Lotte Schwenkhagen aus Bayern sowie zu Beisitzer*innen Ute Kaiser aus NRW und Gerhard Zirkelbach aus Baden-Württemberg. Barbara Salome Trost soll als Delegierte die Interessen der Bildenden Künstler*innen auf der Bundesfachbereichskonferenz vertreten.

Der neu gewählte Bundesvorstand der ver.di-Fachgruppe Bildende Kunst (v.l.n.r.): Gerhard Zirkelbach, Barbara Salome Trost, Lotte Schwenkhagen, Lorenz Müller-Morenius (Vorsitzender) und Ute Kaiser.
Foto: Christian von Polentz

 

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