Kunst als Seismograph unserer Gesellschaft

Mit der App #ConstructKlee lockt die Münchner Pinakothek der Moderne speziell jüngere Besucher zur Kunst.
Screenshot: www.swr.de/kunscht

Als Künstler verstehe ich Kunst und Leben als Einheit. Ich fühle mich nicht als Suchender, sondern als Finder. Dabei bekommen für mich Erfahrungen und Erkenntnisse nur einen Sinn, wenn sie sich in einen Dialog einbinden lassen. Gegenwärtig verändert  sich die politische gesellschaftliche Wirklichkeit radikal und sehr schnell. Zu schnell! Das Tempo der wissenschaftlichen Entwicklung überfordert die gesellschaftliche Entwicklung.

Das wirft Fragen auf: Werden die entwickelten Möglichkeiten, auch im Sinne einer lebenswerten Zukunft, richtig genutzt? Welche Zukunftsvorstellungen haben wir überhaupt?Für Antworten hat die Kunst eine überragende Bedeutung.

1974 wurde im Auftrag der damaligen Bundesregierung ein „Künstler-Report“ erstellt. Dabei wurde u.a. ermittelt: Zwei Drittel der Bevölkerung meinte: Kunst soll entspannen, Kunst soll den Alltag und die Arbeit vergessen machen…

Zwei Drittel der Künstler meinten: Kunst soll dazu beitragen, unsere Umwelt menschlicher zu gestalten, Kunst soll neue Formen und Denkmöglichkeiten entwickeln…

Was wurde hier dokumentiert? Unsere Aufmerksamkeit wird auf Meinungsbilder gelenkt, welche aus unterschiedlichen Positionen erwachsen sind. Oberflächlich betrachtet, scheinen sich unversöhnliche Positionen gegenüber zu stehen. Aber ich erkenne eine gemeinsame Sehnsucht nach einer friedlichen, sozialen Zukunft.

Ich habe den Künstler-Report zitiert, weil dort Argumente versteckt sind, die das Thema Angebot und Nachfrage berühren.

Mit Kolleginnen und Kollegen unterhält man sich nicht selten über den „Kunstmarkt“. Oft fällt die Bemerkung: Er zwingt einen zur Selbstzensur. Wenn sie vorgenommen wird, ist ein vergrabenes Geheimnis.

Jetzt meldet sich unser Grundgesetz zu Wort. Hier ist die „Freiheit der Kunst“ festgeschrieben. Ihre Umsetzung ist ein Seismograph für den Zustand unserer Gesellschaft: Das Gemeinwesen muss darum auch Kunst und die Kultur schätzen. Tut es das auch?

In diesem Zusammenhang ist der „Künstler-Report“ nach 45 Jahren immer noch interessant: Er macht Widersprüche sichtbar, die uns folgende Frage aufzwingen: Ist Kunst als Ware zu verstehen oder ist sie ein unentbehrlicher Teil unserer Identität?

Diese Frage ist eine Aufforderung! Eine Gewerkschaft, die die Interessen der Künstlerinnen und Künstler vertritt, sollte Kunst und Kultur in einem großen umfassenden gesellschaftlichen Zusammenhang sehen. Sie muss einen intensiven Dialog mit Künstlern suchen und eine politische Dialogebene schaffen. In ihr muss die gesellschaftliche Bedeutung einer Kunst erfahrbar werden, die sich ohne wirtschaftliche und politische Zwänge frei entfalten kann. Das würde sie einreihen in die Sätze und Forderungen wichtiger Vordenker:

Immanuel Kant ermunterte: „Habe den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen..“ J. W. von Goethe stellte fest: „Der Geist aus dem wir handeln, ist das Höchste.“

Paul Klee formulierte: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“

Bertolt Brecht meinte: „Sorgt doch, daß ihr die Welt verlassend/ Nicht nur gut wart, sondern verlaßt/ Eine gute Welt!“

Die Aussagen sollten uns darin bestärken, dass es sich lohnen kann, sich mit der Gedankenwelt der Künstler zu beschäftigen und ihrer Aufforderung zum Handeln zu folgen.

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