Grafik im Modus von Dr. Frankenstein?

Ein Vertreter des französischen Künstlerkollektivs erklärt das elektronische Porträt, hier für brasilianische Zuschauer.
Foto: Screenshot www.dw.br

Die Leidenschaft von Dr. Frankenstein, dem wirren Wissenschaftler der Science-Fiction-Filme früher Generationen, ist bekannt: Er wollte einen Menschen schaffen und baute aus vielen Teilen menschlicher Körper ein Wesen zusammen, das er anschließend mit dem Einsatz von massenhafter Energie zum Leben erweckte. Markant die Schrauben am Kopf, die Nähte am Körper. Dass der erste Roman zu den Experimenten des Dr. Frankenstein vor genau 200 Jahren auf dem Markt kam, macht die Sache vielleicht noch etwas kurioser, ist aber eher doch Zufall:

Hier geht es um die Versteigerung einer Grafik mit der Darstellung eines Portraits durch das Londoner Auktionshaus Christie´s. Oder besser um die Herstellung dieser Grafik. Denn ohne die Erklärung des ungewöhnlichen Zusammenbaues dieser Arbeit wäre das eher unscheinbare Schwarz-weiß-sepia-Blatt kaum in die Presse und die elektronischen Medien dieser Welt geraten.

Tatsächlich wurde mit dem von einer KI (Künstlichen Intelligenz) der französischen Künstlergruppe Obvious generierte Portrait „Edmond de Belamy“ erstmals ein Werk eines künstlichen neuronalen Netzwerks in eine Versteigerung des seriösen Londoner Auktionshauses aufgenommen. Es hat in New York einen Preis von 432.500 US-Dollar erzielt – erwartet hatte man zwischen 7.000 und 10.000 US-Dollar. Die Arbeit wurde von einem anonymen Teilnehmer per Telefon ersteigert.

Das Bild war schon im Vorfeld der Auktion umstritten, weil die Programmierer von Obvious auf einen KI-Algorithmus des Entwicklers Robbie Barrat zurückgegriffen hatten. Zwar steht dessen Programm jedem zur Verfügung; trotzdem ist momentan unklar, ob Barrat ebenfalls einen Anspruch auf das elektronisch erstellte Gemälde haben könnte. Damit ist ein höchst umstrittener und diskussionswürdiger Punkt der ganzen Aktion angeschnitten – die Frage der Urheberschaft.

Die Franzosen hatten das Programm mit 15 000 Abbildungen von Portraits aus verschiedenen Jahrhunderten gefüttert, ließen den Algorithmus die Bilder trennen und neu zusammenfügen – der Frankenstein-Modus – und prüften mit einem zweiten Programm die Logik eines neu erstandenen Bildes unter dem Gesichtspunkt, ob das Ergebnis das Abbild eines Menschen sein könnte. Das endgültige Werk „Edmond de Belamy“ ist nicht signiert, wer sollte es auch tun, sondern wurde mit einem Teil des Programmcodes, mit „min G max D Ex[log(D(x))]+Ez[log(1-D(G(z)))]“ unterzeichnet. Es ist anzunehmen, dass das Bild viele Male ausgedruckt werden kann, die Frage nach dem oder einem Original wagt man vorerst noch gar nicht zu stellen.

Da geht es um die Urheberschaft, den kreativen Akt, die Originalität. Die Diskussion ist eröffnet, sie muss in mehrere Richtungen geführt werden. Ist damit der klassische Weg zur Erschaffung eines Kunstwerks als einmaliger, schöpferischer Akt eines Individuums aufgehoben? Wessen Kreativität wird hier wirksam, die des Programmierers oder die der Künstler, die das Programm mit 15000 Porträtvorlagen „fütterten“? Was ist überhaupt mit den Urheberrechten dieser Vorlagen-Schöpfer? Und: Wird der Sammler nicht mehr nach der Originalität, der Einzigartigkeit eines Bildes fragen? Will er nicht mehr der Einzige auf Erden sein, der das Kunstwerk besitzt und betrachtet kann?

Computergestützt hergestellte Kunstwerke sind nicht neu, sie haben schon Ausstellungen und Galerien erobert und werden gehandelt. Doch noch nie hat es einen Einbruch in die so sorgfältig behütete und streng geprüfte Auktionsebene gegeben, und das dann gleich bei Christie´s. Und noch nie wurde für solch ein Werk ein solch immenser Preis erzielt. Eine unfassbare Summe, deren Höhe sich bislang nicht recht erklären lässt. An der Lieblichkeit des Bildes kann es nicht liegen, der Abgebildete ist eher kompakt; Linien gibt es nicht, die Schärfe und Klarheit lassen zu wünschen übrig.

Also ein einmaliger Hype? Warten wir ab. Es ist kaum vorstellbar, dass die klassischen Ausbildungsstätten für Bildende Künstlerinnen und Künstler nun zu Programmierzentralen umgebaut werden. Angst ist unbegründet. Neugierde und Beobachtung aber sind durchaus angebracht.

 

 

 

 

 

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