Die Welt wäre ärmer ohne analogen Druck

Einer Lithografie wurde gedruckt - während des Künstlerworkshops "Let's print" am Leipziger Druckkunst-Museum im August 2018.
Foto: Museum für Druckkunst Leipzig/ Kai Hofmann

Was haben traditionelle manuelle Drucktechniken mit Spitzenklöppeln, Flößerei oder Reetdachdecken gemein? Seit einigen Monaten zumindest das: Alle sind in Deutschlands Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. Darin stehen mittlerweile an die 90 verschiedene Kulturtechniken. Sie sollen gepflegt und weitergegeben werden. Für die Drucktechniken habe sich eine wachsende „Lobby gebildet“, meint die Direktorin des Leipziger Druckkunst-Museums.

Traditionelle Drucktechniken des Hoch- und Tiefdrucks, Flach- und Durchdruck sowie Mischformen haben sich seit Jahrhunderten entwickelt und perfektioniert. Inzwischen sind sie vorrangig das Metier von bildenden Künstlerinnen und Künstlern. Bei Kreativen sind solche Verfahren sogar weit verbreitet: Von den 60 000 in der Künstlersozialkasse gemeldeten Künstlerinnen und Künstlern seien einer Umfrage zufolge rund 20 000 druckgrafisch tätig. Viele besitzen oder nutzen Druckmaschinen, mit denen sie eigene Werke in traditionellen Verfahren herstellen. Wissen über und Fertigkeiten in diesen Kulturtechniken werden – oft in Kooperation mit Museen, Druckwerkstätten oder Bildungseinrichtungen – auch bewusst weitergegeben.

Dass das jetzt noch gezielter geschieht und größere öffentliche Beachtung erfährt, das erwarteten die Initiatoren – das Leipziger Museum für Druckkunst und der Bundesverband Bildender Künstler (BBK) – mit der Bewerbung um die Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis, die auf Beschuss der Deutschen UNESCO-Kommission im März 2018 erfolgte. Das Expertenkomitee würdigte damit eine „Kulturform, die durch kreative Weiterentwicklungsmaßnahmen mit künstlerischen Mitteln in die Zukunft getragen wird“ und will mit der Anerkennung auch „lebendige Erhaltungsmaßnahmen“ fördern.

Kreative Auslotung drucktechnischer Verfahren

Seit 1500 waren Kupfertiefdruck und der Hochdruck, speziell mit Gutenbergschen beweglichen Lettern, ab 1800 auch der Stein- und Lichtdruck als neue Flachdruckverfahren wesentliche Techniken für die Herstellung von Text- und Bildmedien. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts begann zugleich die Ablösung der Handwerkstechniken und von Handpressen durch den industriell-maschinellen Druck. Zylinderdruckpressen und Rotationsmaschinen bestimmten die weitere Entwicklung. Die künstlerische Auseinandersetzung mit den verschiedenen Drucktechniken blieb jedoch stets aktuell. Erste Höhepunkte erreichten sie mit den Werken der Gruppe „Die Brücke“ oder der Collagenkunst des „Dada“. Drucktechniken wurden zugleich als Möglichkeiten einer „Demokratisierung“ der Kunst gesehen, indem Auflagen steigen und Preise sinken konnten.

Auch an dieser Abziehpresse wurde bei „Let’s print“ gedruckt.
Foto: Museum für Druckkunst Leipzig/ Kai Hofmann

Druckkunstwerke sind auch heute aus dem Schaffen vieler bildender Künstler*innen nicht wegzudenken. Die kreative Auslotung drucktechnischer Möglichkeiten hält ungebrochen an, auch seit in den 1960er Jahren Offsetdruck und Fotosatz eingeführt wurden und 20 Jahre später Desktoppublishing und Digitaldruck die Druckindustrie erneut revolutionierten. Holzschnitt, Lithografie oder Radierung sind weiter gern genutzte künstlerische Verfahren mit unterschiedlichen Druckformen. „Es zeigt sich, dass das Kulturerbe Drucktechnik viel lebendiger ist als gedacht“, sagt Dr. Susanne Richter, Direktorin des Druckkunst-Museums Leipzig. Mit der Anerkennung als Immaterielles Kulturerbe hätten „die Drucktechniken und die sie ausübenden Gruppen mehr Aufmerksamkeit erhalten, vernetzen sich besser, tragen das Wissen darum weiter und zeigen, dass eine Welt ohne analoge Drucksachen nicht erstrebenswert ist“. Es habe sich „eine Lobby für die Drucktechniken gebildet, die sicher in den nächsten Jahren noch schlagkräftiger werden wird“.

Künstler bearbeiteten ihre analoge Druckvorlagen – Holz- und Linolschnitte – während des Drucktechnik-Workshops auch auf dem Museumshof.
Foto: Museum für Druckkunst Leipzig/ Kai Hofmann

Bereits zuvor verzeichnete man wachsendes Interesse. In Deutschland hat die Zahl der Druckgrafik-Symposien, Ausstellungen, Lehrveranstaltungen und Workshops wieder deutlich zugenommen. In der künstlerischen Typografie findet aktuell etwa eine Melange von Text und Bild statt. Auch durch die Mischung von Medien und Techniken, etwa Digitaldruck und Hoch-/Buchdruck nutzen Aktive neue Spielarten und Ausdrucksmöglichkeiten.

Lehren, pflegen und weitergeben

Für den BBK und das Leipziger Museum ist die Aufnahme der künstlerischen Drucktechniken in das Verzeichnis Immateriellen Kulturerbes auch eine Anerkennung gelebter Tradition, die es weiterzuentwickeln gilt. Neben Kunsthochschulen, Druckwerkstätten oder Vereinen sind es vorrangig Museen, wo Kunsterzieher*innen und Museumspädagog*innen solche Drucktechniken lehren, pflegen und weitergeben. Etwa das Gutenberg-Museum in Mainz, das Museum der Arbeit in Hamburg, das Deutsche Zeitungsmuseum in Wadgassen oder die Leipziger Sammlung, wo auch im kommenden Sommer ein Künstlerworkshop „Let’s print“ zum Kulturerbe Drucktechnik veranstaltet wird.

In der Grafikbörse: Rolf Münzner „Die große Raupe“, Lithografie 2017
Foto: Museum für Druckkunst Leipzig

Gegenwärtig und noch bis 27. Januar läuft im Druckkunst-Museum die 35. Leipziger Grafikbörse, die unter dem Titel „PARADOX“ zeitgenössische Druckgrafik in verschiedenen Techniken zeigt und zum Kauf bietet. 100 Künstlerinnen und Künstler, vorrangig aus dem mitteldeutschen Raum, beteiligen sich.

Ab 8. Februar und bis Ende April werden dann druckgrafische Arbeiten von Markus Lüpertz gezeigt. Lüpertz ist vor allem als Maler und Bildhauer bekannt. Seine druckgrafischen Arbeiten wurden bisher selten präsentiert. Im Druckkunst-Museum werden 80 Blätter aus drei Jahrzehnten zu sehen sein, auch ganz aktuelle Arbeiten.

Am 15. März 2019 wird erstmals der „Tag der Druckkunst“ begangen. Dazu werden viele Aktionen in ganz Deutschland vorbereitet.

 

 

 

 

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