Auf Schultournee mit Comics gegen Rechts

Foto: Maria Zarada

Nils Oskamp steht in der Jörg-Ratgeb-Schule in Stuttgart-Neugereut. Er spricht über seinen autobiografischen Comic, der seinen Kampf als 14-Jähriger gegen Nazis schildert. Hinter ihm werden die Bilder auf eine große Leinwand geworfen. Den jeweiligen Rollen gemäß, teilweise mit verstellter Stimme, trägt Oskamp Ausschnitte vor. Über 200 Jugendliche ab der 8. Klasse und von allen Schultypen, die in der Ratgeb-Schule vereint sind, hören den Vortrag.

Kunstlehrer Wolfgang Neumann sieht wegen der allgegenwärtigen Bilderflut, Stichwort Instagram, eine „neue erzählerische Zeit“ angebrochen: „Wir brauchen eine sinnvolle künstlerische Verzahnung von Inhalt, Bild und Text.“ Deshalb lobt er die pädagogische Arbeit von Nils Oskamp und hat ihn für Anfang Juni an die Schule eingeladen: „Etwas Autobiografisches als Comic zu erzählen, ist zeitgemäß.“ Der Lehrer beschäftigt sich selbst viel mit Comics und hat kürzlich im Radio von Oskamp gehört. Dessen Engagement ist nicht alltäglich. Der Zeichner sei „sehr authentisch und mit Begeisterung dabei“, sagt Neumann. Er kam nach Stuttgart, auch um einen Zeichenworkshop zu geben.

Etwa 30 Interessierte beschäftigten sich unter Oskamps Anleitung noch intensiver mit Cartoongestaltung.
Foto: Maria Zarada

Besonders geeignet für Jugendliche

In seinem 2016 erschienenen ersten grafischen Roman „Drei Steine“ schildert Oskamp den eigenen Kampf als Jugendlicher gegen alte und neue Nazis. Er zeigt, wie sich im Dortmund der 1980er die heutigen bundesweit berüchtigten Nazi-Strukturen bilden konnten. In seiner Schulzeit musste er sich mit indoktrinierten Mitschülern und Wehrmachtsveteranen auseinandersetzen, auch körperlich; und im Umfeld ging ein SS-Veteran auf Nachwuchsjagd. Sogar eine Nazi-Hooligantruppe bildete sich.

Mit dem Buch stieß der freiberufliche Illustrator, der mittlerweile in Hamburg lebt, in eine Lücke. Comics als Anti-Nazi-Präventionsmedien gebe es kaum, sagt Frank Greuel vom Deutschen Jugendinstitut in Halle (Saale). Mehr noch: Es gebe überhaupt kaum Werke, die von realen Erlebnissen junger Menschen mit Faschisten erzählen. Deshalb sei Oskamps Buch besonders geeignet für Jugendliche. Das Bundesfamilienministerium förderte gleich zu Beginn eine Schulbuchausgabe. 2018 hat die Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen 1500 Exemplare der Verlagsausgabe bestellt. Fanclubs des Fußballvereins Borussia Dortmund haben das Buch schon auf Bildungsfahrten zur Auseinandersetzung mit Nazi-Gedankengut genutzt. Petra Pau, die Bundestagsvizepräsidentin der Linken, hat laut Oskamp vor kurzem bei einer Lesung zugesagt, die weitere Verbreitung des Werkes in Ostdeutschland zu unterstützen.

Inzwischen hat der Comic-Autor sogar eine Begleitausstellung erarbeitet. Er reist immer wieder durch die Republik, um per Vortrag, Ausstellung und gelegentlich auch mit künstlerischen Workshops Präventionsarbeit gegen Neofaschismus zu machen, vor allem an Schulen. Rund 26.000 Kinder und Jugendliche, sagt er, hat er so schon erreicht. Die Ausstellung hätten über 140.00 Menschen an zwölf Orten in fünf Bundesländern gesehen, auch in Gedenkstätten.

Hochakteulles Thema – tolle Begegnung

„Im Buch geht es um Zivilcourage einerseits und das Leugnen von Fakten andererseits“, so Neumann mit Blick auf die Holocaustleugnung, die Oskamp schildert. Beides sei heute aktuell. Die AfD sei auch in Baden-Württemberg stark, obwohl die Erwerbslosigkeit dort weniger hoch als in den 1980ern in Dortmund sei. Hinzu kommt: Im nahen Ludwigsburg gebe es eine Verbindung zur Terrorbande NSU.

Trotz der kurzen Vorbereitungszeit haben sowohl der bundesweit aktive Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ als auch die Jugendstiftung Baden-Württemberg die Veranstaltung an der Jörg-Ratgeb-Schule finanziert. Auch der Förderverein und der Elternbeirat der Schule gaben Geld dazu. Im Stuttgarter Schulverbund – Namensgeber Ratgeb war ein politisch aktiver Maler der Dürerzeit ­– kann Kunst ab der 8. Klasse als Hauptfach gewählt werden.

Einige sind richtig talentiert, aber alle hatten etwas davon.
Foto: Maria Zarada

Etwa 30 Jugendliche hatten nach Oskamps Vortrag einen kleinen Zeichenkurs bei ihm. Die Lerninhalte: Cartoongestaltung, Unterschied Comic/Cartoon, Gesichtsgestaltung, Seitenlayout, Storyboard. Einige der Jugendlichen seien „hochtalentiert“, so Nils Oskamps Fazit. Die Organisation des Projekts sei aufwändig gewesen, sagt Neumann, „aber es lohnt sich, es rüttelt wach“. So manche der Jugendlichen könnten sich nun vorstellen, beruflich etwas Zeichnerisches zu machen. Der Kunstlehrer freut sich über die „existenziell tolle Begegnung“, die diese Jugendlichen gehabt hätten. Und er selbst werde demnächst in der Oberstufe eine Comic-Arbeit starten.

 

 

 

nach oben

weiterlesen

Gerechtere Arbeit in der Kulturellen Bildung

Gerechte Arbeitsbedingungen in der Kulturellen Bildung fordert ver.di. Die gewerkschaftliche AG Kunst und Kultur unter Leitung der gewählten Kunst- und Kulturbeauftragten hat dazu jetzt ein Papier mit acht klaren Forderungen vorgelegt. Scheinselbstständigkeit wird der Kampf angesagt, bessere Einkommen und Weiterbildungsangebote stehen ebenfalls obenan. Darauf zielt gewerkschaftlichen Arbeit. Die Forderungen sind aber auch an die Politik adressiert, sollen im Kulturbereich und darüber hinaus debattiert werden.
mehr »

Bildhaftes Gedächtnis unserer Gesellschaft

Ein bundesdeutsches Institut für die Fotografie, ein Ort für das fotokulturelle Erbe Deutschlands, soll entstehen. Das ist die gute Nachricht. Doch der Weg scheint noch weit. Schon seit 2019 wird daran geplant. Einem Konzept einer hochkarätigen Expertenkommission folgte eine Machbarkeitsstudie – mit dem Ziel, wie es die Initiatorin und ehemalige Kulturstaatsministerin Monika Grütters formulierte, ein „bildhaftes Gedächtnis unserer Gesellschaft zu bewahren“. Selbst Geld dafür ist eingeplant…
mehr »

Stuttgart ab 2023 kein honorarfreier Raum

Alle, die an einer Ausstellung mit Werken bildender Kunst beteiligt sind, bekommen eine Entlohnung: der Spediteur, die Versicherung, die Druckerei, die Reinigungskräfte, das Wachpersonal, die wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen... Nur die Künstlerin oder der Künstler erhalten kein Honorar für das Zeigen ihrer Werke. Eine schmerzhafte Erfahrung, die zumindest in Stuttgart künftig nicht mehr gemacht werden muss. Denn nun hat die Stadt mit einem Gemeinderatsbeschluss den Weg frei gemacht für Ausstellungshonorare.
mehr »

ver.di-Kunstkalender 2023 ausgeschrieben

Bildende Künstlerinnen und Künstler in ver.di setzen sich ein für angemessene Bezahlung künstlerischer Arbeit und in der kulturellen Bildung, die Stärkung von Urheber*innen und gute soziale Absicherung für die Selbstständigkeit. Sie prägen das Profil von ver.di als große Kunstgewerkschaft mit, die Kulturschaffende aller Sparten vereint. Diese Stärke und diesen Zusammenhalt soll traditionell und auch 2023 mit einem Kunstkalender von bildenden Künstlerinnen und Künstlern in ver.di zum Ausdruck gebracht werden.
mehr »