Was von der EU kommt, kann sich sehen lassen

Dieses Wandbild, hier ein Ausschnitt, ziert seit 2016 die UNI MEI-Zentrale in Brüssel.
Foto: UNI MEI

ver.di ist am Sozialen Dialog im Life Performance Sector beteiligt – eine Zwischenbilanz zum 20. Jubiläum

Bei den ver.di-Mitgliedern im Bereich Theater und Bühnen hat sich in den vergangenen Jahren unter dem Einfluss von Audiovisuellem und Digitalisierung beruflich unheimlich viel getan. Verändert haben sich auch Formen der gewerkschaftlichen Arbeit, Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten. „Hier geht nichts mehr nur national“, ist Markus Staut, Mitglied im geschäftsführenden Vorstand der ver.di-Bundesfachgruppe Theater und Bühnen – Darstellende Kunst, überzeugt.

Am 9. Oktober 2019 wird in Brüssel ein 20. Jubiläum begangen: Seit zwei Jahrzehnten existiert der „Soziale Dialog“ im sogenannten Life Performance Sector der EU. Der Sektor umfasst alle Bereiche der darstellenden Kunst: Theater, Bühnen, Konzert, Tournée, Live Entertainment. Auch weite Teile der sogenannten Kreativwirtschaft im audiovisuellen Bereich sind hier erfasst.  Generell läuft ein solcher Sozialen Dialog, der Vereinbarungen zwischen den europäischen Sozialpartnern hervorbringt, vielfach informell und im Hintergrund ab. Dabei gehörte Erreichtes durchaus auf die offene Bühne gestellt. Aus Sicht der letzten Kommission bilanzierte EU-Kommissarin Marianne Thyssen das im Frühjahr unter dem Leitmotiv: Kompetenzen, Kompetenzen, Kompetenzen.

Titelblatt von Ausgabe 3/2019

Der europäische Soziale Dialog, so die Definition der EU, umfasst regelmäßige Gespräche, Konsultationen, Verhandlungen und gemeinsame Maßnahmen der Sozialpartner, also von Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften. Insofern ist er Bestandteil des europäischen Sozialmodells und soll „Wettbewerbsfähigkeit und Fairness sowie der Erhöhung des wirtschaftlichen Wohlstands und des sozialen Wohlergehens“ dienen. Er findet mittlerweile in mehr als 40 Wirtschaftszweigen statt.

Wie das, was so wohlklingend beschrieben wird, sich in der Praxis darstellt und was es Beschäftigten bringt, erörterten wir im Gespräch mit Markus Staut. Der ver.di-Gewerkschafter nimmt seit 2015 als Vertreter von EURO MEI am Sozialen Dialog im Life Performance Sector teil.

Wir müssen diesen europäischen Weg gehen

ver.di ist gar kein direkter Akteur im Sozialen Dialog, oder?

Markus Staut: Nein, die europäischen gewerkschaftlichen Dachverbände FIM, FIA und Euro MEI, in denen ver.di ja aktiv mitarbeitet, bilden quasi die Eintrittskarten zum Sozialen Dialog. Denn auf EU-Ebene ist nicht vorgesehen, dass sich einzelne Gewerkschaften artikulieren, das geht nur im Verbund.

Markus Staut gehört dem Bundesvorstand der ver.di-Fachgruppe Darstellende Kunst an.
Foto: Christian von Polentz

Drei solche gewerkschaftlichen Dachverbände sind für uns im Kunstbereich bedeutsam: Die FIA (International Federation of Actors) als ursprünglich reine Darstellervereinigung hat sich inzwischen durch Hinzukommen des audiovisuellen Bereiches viel breiter aufgestellt. Uni MEI (UNI Global Union Media, Entertainment & Arts) ist der internationale Zusammenschluss der Kunst-, Medien- und Entertainment-Gewerkschaften, ihre europäische Gliederung heißt Euro MEI. Sie leitet seit einigen Jahren die Projektarbeit „Creative Skills Europe“, darauf kommen wir noch. Schließlich arbeitet auch die international agierende FIM, die ebenfalls eine europäische Gliederung hat. Diese drei Dachorganisationen wiederum bilden gemeinsam die Europäische Arts Entertainment Alliance E.A.E.A.

Wozu wird die gebraucht?

MS: Als zum Beispiel Jean-Claude Juncker plante, zur Förderung von Arbeitskräftemobilität eine europäische Arbeitsmarktbehörde ins Leben zu rufen, wollte er sich auch mit Beschäftigten im künstlerischen Bereich und ihren gewerkschaftlichen Vertretungen beraten. Indem er sich an E.A.E.A. wandte, wo die Generalsekretäre von FIA, Euro MEI und FIM mitarbeiten, war er sozusagen direkt an der Quelle und hatte alle Interessenvertreter an einem Tisch.

Funktioniert solche Initiative denn auch in umgekehrter Richtung?

MS: Ja, auch Gewerkschaften können auf europäischer Ebene Vorschläge und Ideen einbringen, das ist ja gerade der Sinn des in der EU-Charta vereinbarten Sozialen Dialogs. Die Sozialpartner sollen Einfluss nehmen können auf Entscheidungen der EU-Kommission.

Und wie läuft die Arbeit tatsächlich ab?

MS: Wir – wie auch die Vertreter der anderen Sektionen – treffen uns dreimal jährlich in Brüssel. Auf Arbeitgeberseite sitzen zum Bespiel der Deutsche Bühnenverein und andere europäische Verbände am Tisch. Im Alltag sind wir eher Tarif“gegner“, hier sind wir Sozialpartner. Das unterstellt eine optimistischere Sicht. Arbeitgeber und Gewerkschaftsvertreter sollen an gemeinsamen, übergeordneten Zielen arbeiten. Zum Beispiel haben wir 2016 eine gemeinsame Erklärung aller Partner des Sozialen Dialogs erarbeitet, die zur zentralen Rolle von Kunst und Kultur in der Gesellschaft Stellung bezieht. Das ist schon sehr bedeutsam, weil sich eine solche Erklärung vom üblichen Tagesgeschäft unterscheidet und eine besondere politisches Verständigung bedeutet. Die Einigung darüber hat zwei Jahre gedauert. National gibt es eine vergleichbare Verständigung zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden nicht…

Kannst Du auch Beispiele nennen, dass ganz praktische Ergebnisse erzielt werden konnten?

MS: Da wäre das Projekt „Creative Skills Europe“ zu nennen. Oder der bereits bekannte Tänzerpass, der im Herbst 2018 in der elektronischen Variante online gegangen ist. Ursprünglich eine FIA-Initiative, erleichtert er Tänzerinnen und Tänzern europaweite Mobilität. Gegeben werden Informationen zu Arbeitsbedingungen und rechtliche Hinweise für die länderübergreifende künstlerische Tätigkeit innerhalb der EU. Der Pass sichert in einer Art solidarischem Netzwerk auch gewerkschaftlichen Rat und Hilfe durch die nationalen Gewerkschaften an den jeweiligen Arbeitsorten.

Und was verbirgt sich hinter „Creative Skills“?

MS: Das Projekt geht auf eine einzigartige gewerkschaftliche Initiative von MEI, also der Kunst-, Medien, Entertainment-Gewerkschaften, zurück. Wir müssen uns in unserer Kulturbranche den Arbeitsmarkt ansehen, haben sich die zuständigen europäischen Gewerkschaften gesagt, weil die Digitalisierung rasante Veränderungen mit sich bringt. Wir müssen sehen, ob nicht die Berufsbilder und die dazu gehörigen Ausbildungen anzupassen wären, um sie auf vergleichbare Levels zu bringen.

Aufgelegt wurde ein zweijähriges EU-Projekt, das die Notwendigkeit solcher Vereinheitlichung bestätigte und zugleich Modelle vorlegte. Die unter Beteiligung von Experten verschiedener EU-Länder erarbeiteten Standards gehen in die ESCO Berufs Qualifikationen ein und werden nach und nach in die nationalen Regelwerke und Tarifverträge übernommen. Entstanden ist eine einzigartige Online-Plattform für Beschäftigung und Ausbildung, die permanent komplettiert wird, um auch die in unserem Bereich vorhandenen technischen Berufe im Zuge der Digitalisierung weiterzuentwickeln.

Speziell bei neuen Berufsbildern hat ver.di inzwischen auch national einiges mit angeschoben?

MS: Ja. Während der Arbeit an Creative Skills haben wir zum Beispiel Kontakte verstärkt mit der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft – die vertritt bundesweit über 3000 Unternehmen – und mit der übergeordneten Interessengemeinschaft Veranstaltungswirtschaft (IGVW). Diese arbeiten an der Entwicklung der neuen theatertechnischen Berufsbilder. Im Netz gibt es etwa die Möglichkeit, sich über Ergebnisse des EU-Projektes „Kompetenzlernen für Bühnentechniker“ ETTE zu informieren. Die Digitalisierung geht an unserem Bereich nicht vorbei. Für die Herausforderungen der Arbeitsplätze Bühne 4.0 ist eine solche Kooperation absolut sinnvoll. Auch an dem TALQ-Projekt haben wir mitgearbeitet. Hier wurden die EU-Standards für Beleuchterberufe definiert.

Auf EU-Ebene sollen demnächst die SQFs, die Special Quality Frames, für einen „Bühnenfacharbeiter“ als Berufsbild definiert werden. Auch daran arbeiten wir von ver.di aktiv mit.

Wie soll das aussehen?

MS: Wir machen dazu demnächst ein Arbeitstreffen mit der IGVW, das ist bereits terminiert. Da wollen wir die sich gerade in Entwicklung befindlichen Berufsstandards diskutieren. Die Bereitschaft, Neues zu entwickeln, sich auf Veränderungen einzustellen, gar Vorarbeit in solche Richtung zu leisten, ist am Theater nicht sonderlich ausgeprägt. Aber: Wer die moderne Arbeitswelt mitgestalten will, muss sich bewegen. Zu diesem Komplex haben wir bereits ver.di-Seminare angeboten und weitere sind in der Vorbereitung: Kompetenzlernen bedeutet ja nicht nur den Erwerb einer Qualifikation, die zu einer bestimmten Tätigkeit berechtigt, sondern ständiges Erweitern der persönlichen Kompetenzen, um wachsende technische und strukturelle Anforderungen erfüllen zu können.

Die sogenannten Soft Skills haben mit der Personalentwicklung zu tun. Gibt es auf EU-Ebene auch ganz praktische Vereinbarungen für den technischen Bereich?

MS: Ja, zum Beispiel die Regelung, dass ab 2020 an Theatern in EU-Ländern keine traditionellen Scheinwerfer mehr verwendet werden dürfen, sondern nur noch LED. Das ist eine Kostenfrage, soll aber vor allem zu Energieeinsparung führen. Dagegen laufen gerade einige Verbände Sturm, aber es hilft ihnen nichts, Beschluss ist Beschluss.

Und es ist tatsächlich ein Vorteil, dass so etwas nicht national, sondern auf EU-Ebene verhandelt wird?

MS: Ich behaupte, dass wir in vielen Fragen national längst noch nicht so weit gekommen wären. Nehmen wir die Transparenz von Arbeitsverträgen. Noch am Ende der letzten EU-Legislatur, im April 2019, ist eine EU-Richtlinie über die Vorhersehbarkeit von Arbeitsbedingungen und die Transparenz von Arbeitsverträgen verabschiedet worden. Darin wird eine Art Stellenbeschreibung für jede/n Arbeitnehmer*in vorgeschrieben. In Deutschland muss bisher kein Arbeitgeber seinen Beschäftigten eine solche Beschreibung geben, die EU schreibt das für Arbeitsverträge jetzt vor – mit einer Übergangsfrist von drei Jahren. Das wird also kommen und muss in nationales Recht umgesetzt werden.

Ein anderes Beispiel ist die Novellierung der EU-Entsenderichtlinie. Die bringt man üblicherweise mit Lkw-Fahrern oder der Fleischverarbeitung in Verbindung. Aber im künstlerischen Bereich heißt das auch: Ein europäisches Tourneetheater, das hierzulande mit Landesbühnen konkurriert, muss zu gleichen Arbeitsbedingungen wie wir beschäftigt werden – hinsichtlich Entlohnung, Arbeitssicherheit, Ruhezeiten… Daran hat sich wahrlich noch nicht jeder Veranstalter gewöhnt.

Zum europäischen Sozialen Dialog wird jährlich ein spezielles Bildungsprogramm aufgelegt: www.eza.org/veroeffentlichungen/internetfuehrer/

Das gilt auch für das leidige Thema der Erfassung der individuellen Arbeitszeit. Es brauchte wirklich ein EuGH-Urteil, damit sich die deutsche Politik in Bewegung setzt und hoffentlich bald gesetzliche Vorgaben dazu vorlegt. Die Arbeitgeberseite ist ja nach wie vor auf dem Flexibilisierungs-Pfad. Im Kunstbereich steht außerdem traditionell die Behauptung im Raum, dass Arbeitszeit da überhaupt nicht messbar sei…

Wichtige Arbeitnehmerschutzgesetze generieren sich also aktuell auf EU-Ebene. Auch die Lärmschutzrichtlinie wäre national nie entstanden. Gäbe es das weitblickende Interesse der EU nicht, siegte in Deutschland wohl des öfteren noch die Neigung, Arbeitsbedingungen und Beschäftigungsverhältnisse des Frühkapitalismus zu zementieren.

Viele Veränderungen haben einen Bezug zu Arbeitnehmerfreizügigkeit und Harmonisierung in der EU?

MS: Richtig. Harmonisierung ist ein erklärtes Ziel der EU. Dass Schritte unternommen werden, die tatsächlich dorthin führen, kann also nicht verwundern. Dazu gehört auch die EU-weite Anerkennung von Qualifikationen, an der wir als Gewerkschafter mitarbeiten.

Dennoch: Alles, was mit dem Sozialen Dialog und Beteiligung auf EU-Ebene zu tun hat, scheint sehr langwierig und mühsam?

MS: Die Umsetzung in nationales Recht ist mühsam. Aber wer mitgestalten will, kommt nicht umhin, diesen europäischen Weg mitzugehen. Das wird uns künftig noch mehr beschäftigen und zum integralen Teil unserer Gewerkschaftsarbeit werden.


Die FIA (International Federation of Actors) 1952 als reine Darstellervereinigung gegründet hat sich inzwischen durch Hinzukommen des audiovisuellen Bereiches viel breiter aufgestellt. Die internationale Dachorganisation repräsentiert mehr als 90 Mitglieder – Darsteller-Gewerkschaften, Innungen und Verbände – aus über 60 Ländern der Welt.

UNI MEI ist eine Untergliederung von UNI global union, die angestellte und selbstständige Beschäftigte in Medien, Entertainment, dem künstlerischen Sektor und dem Sport vertritt. Der Dachverband vereint über 100 nationale Gewerkschaften und Verbände aus mehr als 70 Ländern. EURO MEI ist ihre europäische Sektion.

FIM, die International Federation of Musicians, wurde 1948 als Dach weltweiter Musikergewerkschaften gegründet und hat etwa 70 Mitgliederorganisationen in 65 Ländern. Sie ist in drei Regionalgruppen für Afrika, Lateinamerika und Europa untergliedert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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