Von Astronauten und den Autoren lernen

Ideal: Viele neue Bücher und großes Leserinteresse, wie hier auf der Leipziger Buchmesse 2019. Foto: Jens-Ulrich Koch

„Für Neue extrem bitter“ sieht Verleger Jo Lendle die Auswirkungen des Corona-Lockdowns auch für die Autor*innen des Carl Hanser Verlags. In der Summe verzeichne das Münchner Verlagshaus deutliche wirtschaftliche Einbußen. Dennoch habe sich das Buch in der Krise prinzipiell als sehr robust erwiesen. Und den Übersetzer*innen halfen die Gemeinsamen Vergütungsregeln. Das Gespräch über Literatur in Zeiten der Pandemie führte Rudolf Stumberger.

kuk: Herr Lendle, in Zeiten des Virus – wieviele Corona-Tagebücher wurden Ihnen bisher angeboten? 

Jo Lendle: Einige, aber letztlich doch weniger als erwartet. Es war am Anfang natürlich viel los in diesem neuen Genre, aber das ebbte auch bald wieder ab.

Wird eines dieser Werke auch erscheinen?

Nein, ich denke nicht. Aber wie jede Krise bietet auch diese Stoff für Literatur, in welcher Form auch immer – als Tagebuch oder in anderer Annäherung. Ich glaube, Literatur muss sich immer entscheiden, ob sie tagesaktuell sein will, dann ist das aber eher für Magazine oder Zeitungen geeignet. Oder für die vielen digitalen Spielarten. Wie sich die Krise in Literatur niederschlägt, dass kann sich auch erst in zehn Jahren erweisen.

Jo Lendle studierte Literatur, Kulturwissenschaften und Philosophie und war danach der erste Absolvent des 1995 wiedergegründeten Deutschen Literaturinstituts Leipzig. Nach Stationen als Lektor und Dozent und verlegerischer Tätigkeit beim DuMont Buchverlag ist er seit 2014 als Nachfolger von Michael Krüger Verleger des Carl Hanser Verlags in München. Selbst erfolgreicher Romancier, gibt er auch die Literaturzeitschrift „Akzente“ heraus. Foto: Hanser/ Mathis Beutel

Generell gefragt, was macht der Corona-Virus mit der Literatur?

Was es mit der Literatur macht, wissen wir noch nicht, das wird sich langwellig herausstellen. Aber was er mit der Branche macht, das beginnt man allmählich zu sehen. Da war für uns am allerwichtigsten, wie die Buchhandlungen durch den Lockdown kommen, das hatte Auswirkungen auf die ganze Branche. Das andere große Thema waren die Veranstaltungen. Die Autoren mit neuen Büchern waren ja von einem Tag auf den anderen total ausgebremst, was auch ökonomisch harte Einschnitte nach sich zog. Manche Autoren verdienen ja mit Lesungen genau so viel wie mit Buchverkäufen. Wenn das fehlt, ist es eine große Einbuße. Und wenn man lange alleine vor sich hingeschrieben hat, fehlt auch die Anbindung ans Publikum.

Es fallen auch die Buchmessen weg, was sind hier die Folgen?

Buchmessen sind ja ganz vieles gleichzeitig. Gerade in Frankfurt finden mehrere Messen gleichzeitig statt, ohne dass sich das gleich zeigt. Es ist eine Deal-Messe, wo sich internationale Agenturen und Verlagskollegen darüber austauschen, was jeder gerade gelesen hat. Dann ist da die Messe, wo man vom kommenden Programm erzählt, also der klassische Kontakt zwischen Verlagen und Buchhändlern oder Veranstaltern. Vor allem aber ist es ein Schaufenster für die neuen Bücher, die eine Woche lang im Mittelpunkt stehen und auch von den Kritikern und Medienleuten gesehen werden. Schließlich ist es einfach ein Ort, an dem sich die ganze Branche mischt und begegnet und unzählige Ideen hin- und herschaukelt.
Diese Sachen lassen sich unterschiedlich leicht in andere Kanäle schieben. Das internationale Geschäft wird diesmal in Videokonferenzen stattfinden. Für das Schaufenster müssen wir neue Formate finden, da gibt es viele Vorbereitungen.

Ist das Buch in der Corona-Zeit in das Internet abgewandert?

Das Buch ist erfreulich robust. Auch als greifbarer Gegenstand. Es zeigt sich zum Beispiel, dass die E-Book-Quote seit vielen Jahren nahezu unverändert bleibt. Was sich tatsächlich vermehrt ins Internet verlagert, ist das Gespräch über Bücher, das Aufmerksammachen, das Interessewecken. Es gab in dieser Zeit viele Veranstaltungen im Netz, wo dabei Neues geschieht, kann das interessante Effekte haben, das sehen wir uns gerade an.

Was für Rückmeldungen haben Sie in die vergangenen drei Monaten durch die Autoren und Urheber bekommen?

Die Reaktion der Autoren ist extrem davon abhängig, ob sie gerade ein neues Buch haben oder nicht. Viele von denen, die gerade zwischen den Büchern sind und zu Hause schreiben, sagen mir, ihr Leben habe sich gar nicht riesig verändert. Wir können von zwei Berufsgruppen viel lernen über die Selbstdisziplinierung: von Astronauten und Autoren. Die haben Erfahrung darin, mit sich allein zu sein.
Ganz anders bei all denen, die gerade dabei waren, ein Buch hinaus in die Welt zu begleiten. Nehmen Sie diejenigen, die gerade ihr Debüt hingelegt haben und sich auf die erste Lesereise freuten, die waren doch sehr angeschmiert. Da gibt es viele, für die das extrem bitter ist.

Wie haben sich die Gemeinsamen Vergütungsregeln (GVR) in der Krise ausgewirkt?

Im Vergleich konnten die meisten Übersetzer recht kontinuierlich weiterarbeiten, egal ob sie an einem Hanser-Buch sitzen oder an einem für einen anderen Verlag. Alle, mit denen ich gesprochen habe, haben mir gesagt, wir werkeln weiter. Ein großer Vorteil der GVR ist ja die langfristige Auswirkung über Beteiligungen und Nebenrechte. Aber ja, wir schütten dadurch mehr Geld an unsere Übersetzer aus, insofern kann das dazu beitragen, schwierige Zeiten abzumildern.

Ein anderes Thema ist das Verhältnis der Autoren zum Verlag, was die Ausschüttung der VG Wort anbelangt. Hat sich an diesem Verhältnis während der Corona-Krise etwas geändert?  

Die VG-Wort-Meldungen erfolgen momentan ja anonym und werden nicht mit dem Verlag abgestimmt. Wir freuen uns, dass sich bei uns so viele entscheiden, die Ausschüttungen weiterhin zwischen Urhebern und Verlagen aufzuteilen. Ob sich durch Corona etwas geändert hat, kann ich nicht sagen, weil wir noch keine Abrechnung von der VG Wort bekommen haben.

Generell gefragt: Hat der Verlag durch Corona Einbußen zu erleiden?  

Wir haben auf diese Frage unterschiedliche Antworten. Unsere Buchverkäufe liefen nach dem Lockdown nach einer Schockstarre von zwei Wochen wieder an. Die Buchhandlungen haben ja schnell begonnen, Verfahren zu entwickeln, um die Verteilung aufrecht zu erhalten, mit Fahrradkurieren und anderen Ideen. Schwierigkeiten hatten eher die größeren Läden in den Fußgängerzonen, weil das Laufpublikum ausblieb. Wir haben im Verlag aber auch andere Bereiche, unser Fachverlag veranstaltet Tagungen und Messen, die mussten wir natürlich absagen. Wir haben Fachzeitschriften, die sind durch Anzeigenrückgänge getroffen. Daher: Ja, in der Summe haben wir deutliche Einbußen.

Sie selbst haben auch im Home-Office gearbeitet?     

Ja, der ganze Verlag ist innerhalb von 48 Stunden ins Home-Office umgezogen, 230 Leute. Auch ich war zu Hause und es hat erstaunlich gut funktioniert. Allmählich gewinnt aber die Normalität wieder Oberhand.

 

 

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