Theatraler Blick in eine schöne neue Welt?

Real oder Projektion? Theaterprojekt "Menschen von morgen" in der Kölner Kirche St. Gertrud. Foto: Wilfried Urbe

Vom 10. bis 21. März fand in der Kölner Kirche St. Gertrud das Theaterprojekt „Menschen von Morgen“ statt. In verschiedenen Szenen unter Mitwirkung von chronisch kranken Menschen, Migrant*innen und professionellen Schauspieler*innen inszenierte Regisseur Gregor Leschig gemeinsam mit ihnen einen Blick auf die eigenen Zukunftsentwürfe. Mit Performances, Streams, Einspielungen und Interaktionen, die auch das Publikum mit einbezogen. Die große Frage dabei: Wie sieht unsere Welt in Zukunft aus?

Die Sprachprüfern als Projektion an einer Wand. Ihr gegenüber: ein Mann aus dem Schwabenland, der beweisen soll, dass er der deutschen Sprache mächtig ist. Doch die Prüfung gerät zu einer Machtprobe über die Macht der Sprache.

„Betreutes Denken 01“ heißt das kurze Stück, das die beiden Darsteller*innen Frank Muth sowie Bettina Muckenhaupt geschrieben haben. „Alle zwei Jahre müssen unsere Neubürger*innen mit sprachlichen Eigenarten ins ‚Amt zur Einbürgerung von Migrant:innen aus sprachlich benachteiligten Regionen’“, erklärt der Begleittext mit der entsprechenden Ironie, „hier wird getestet, ob ihre sprachliche Kompetenz für das Leben in einer offenen Gesellschaft ausreichend ist. Das trifft auch F., der aus dem Schwabenland kommt.“

Foto: Wilfried Urbe

Die Szene ist Teil einer Collage über den „Menschen von morgen“. Bereits letztes Jahr hätte das Projekt stattfinden sollen, an verschiedenen Orten und vor Publikum. Aber das hatte die Corona-Pandemie erstmal gestoppt, aber nicht endgültig verhindert. Regisseur Gregor Leschig und seine Mitstreiter*innen entwickelten ein neues Konzept, einen Mix aus realen und digitalen Elementen, der letzte Woche in der Domstadt in einer ungewöhnlichen Location aufgeführt wurde: Mit den großen und asymmetrischen hohen Wänden aus Sicht- und Waschbeton sah das Theaterteam in dem „futuristischen Kirchenschiff“ von St. Gertrud ein ideales Bühnenbild für einen „Ort der Zukunft“.

„Wir haben verschiedene Szenen entwickelt, die wir mit der Kamera vorab aufzeichneten oder direkt als Livestreaming sendeten“, berichtet der Regisseur. Zusätzlich gab es interaktive Konferenzen über Zoom. Sogar als Avatare, die vom Publikum gelenkt werden konnten, waren einige Schauspieler*innen im Einsatz.

Auslöser für die Reihe waren Eindrücke auf dem letzten „Sommerblut“ – Kulturfestival, das sich als inklusiv versteht. „Das war für uns der Auslöser, sich mit unterschiedlichen Zukunftsperspektiven von Menschen zu beschäftigen“, so Leschig, der zu diesem Zeitpunkt bereits mit chronisch Kranken und Migranten zusammengearbeitet hatte. „Ich erhielt den Eindruck, dass sich chronisch kranke Menschen schon an der Schnittstelle Mensch/Maschine befinden“, so der Kreative, „die Geräte, die oftmals mit ihren Körpern verbunden sind, machen sie zu so etwas wie Cyborgs.“ Einer der „Menschen von Morgen“ – Schauspieler hat beispielweise eine seltene Rheumaerkrankung. Damit er die Schmerzen lindern kann, nutzt er einen Schmerzregulator, der in seinem Rücken implantiert ist und den er über elektrische Impulse steuern kann.

„Künstliche Intelligenz, IT, der Gesamtzusammenhang mit der Frage, wann wir der künstlichen Intelligenz das Menschsein zusprechen werden – das durchzieht die Stücke“, erklärt der Regisseur weiter. Diese und die generelle Frage, was den Menschen der Zukunft ausmacht hat das 14köpfige Team in großer Runde diskutiert. Die beiden Darsteller von „Betreutes Denken 01“ beispielsweise setzten sich dabei mit dem Thema Sprache auseinander und dachten darüber nach, wie Sprache das Bewusstsein beeinflusst und welche Macht ihr zukommt, wenn mit ihr Aussagen darüber formuliert werden, wer wir sind.

Aber wie sind die beiden mitwirkenden Gruppen miteinander verbunden? Die Macher*innen erklären das so: „Für Menschen mit chronischen Erkrankungen hat einerseits die Zukunft schon eingesetzt, zum anderen ist sie begrenzt und auch angstbesetzt. Auf der einen Seite wird ihr Leben vielfach erst lebbar gemacht in der Kombination mit Technik und Biotechnologie – komplexe Rollstühle, Implantate zur Schmerzlinderung und auch zur neuronalen Steuerung von Gehirnfunktionen und Prothesen.“ Mit ihren technischen Implantaten oder ihrer Angewiesenheit auf technische Geräte seien sie Mischwesen aus Mensch und Maschine. Gleichzeitig ist ihre eigene Zukunftsperspektive begrenzt und auch angstbesetzt.

Junge Migrant*innen dagegen stehen zwar noch am Anfang ihres Lebens. Allerdings sei auch ihre Zukunft von zum Teil traumatisierenden Erfahrungen und zahlreichen Unwägbarkeiten geprägt: befristete Aufenthaltserlaubnisse, Trennung von ihren Familien, schlechte Jobangebote, leben in einem Land mit anderen kulturellen Gebräuchen. Gleichzeitig sind auch sie über Smartphones und Tablets schon eng mit Technologie und auch mit künstlicher Intelligenz verknüpft – eine zwingende Voraussetzung, um zum Beispiel mit ihren Familien und Freunden in ihrem Herkunftsland eng verbunden zu bleiben.
Leschig: „Diese beiden unterschiedlichen Perspektiven auf eine mögliche und auf die gewünschte Zukunft haben wir in ‚Der Mensch von Morgen‘ zusammengeführt.“

Fast alle Projektarbeiten sind bereits online auf www.morgenleute.jetzt zu sehen.

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