Tabori Preise für Ensembles mit besonderem Ausdruck verliehen

Der Tabori-Preis 2021 für Contanza Macras Screenshot: https://www.fonds-daku.de

Am 21. Mai 2021 hat der Fonds Darstellende Künste in einer Preisverleihung zum zwölften Mal den Tabori Preis und die Tabori Auszeichnungen an Ensembles und Protagonisten der Freien Theaterszene vergeben. Die Verleihung erfolgte online. Geehrt wurden drei Ensembles mit eigener künstlerischer Handschrift. Die meisten werden durch Frauen geleitet und geprägt. Durch den Abend führte – aus einer Strech-Limousine – das Theaterkollektiv Gob Squad, das im vergangenen Jahr mit dem Tabori Preis ausgezeichnet worden war.

Drei Mitglieder von Gob Squad besuchten Pandemie-konform die ausgezeichneten Künstler*innen an ihren Schaffensorten, um dort die Preise zu überreichen.

Glücksbringer von Gob Squad melden sich aus dem Inneren ihres „Raumschiffs“:
Screenshot: https://www.fonds-daku.de

Die circa 40-minütige Veranstaltung wurde durch den Geschäftsführer des Fonds Darstellende Künste, Holger Bergmann, eröffnet. Es folgten Grußworte des Vorstandsvorsitzenden Prof. Dr. Wolfgang Schneider und von Sabine Bangert (Bündnis 90/Die Grünen).

Die Choreografin Constanza Macras und ihr interdisziplinäres Ensemble Dorky Park erhielten den mit 20.000 Euro dotierten Tabori Preis 2021.

Die Tabori-Preisträgerin 2021: Constanza Macras
Screenshot: https://www.fonds-daku.de

Damit würdigt die Preisjury „die künstlerische Kontinuität dieser langjährig arbeitenden Company [und] die einmalige, unverkennbare Handschrift ihrer interdisziplinären, wegweisenden Praxis, die ästhetische Maßstäbe auf internationalem Niveau setzt“. Die argentinische Choreographin und Leiterin der Compagny habe gemeinsam mit Dramaturgin Carmen Mehnert seit der Gründung von Dorky Park 2003 eine Tanzsprache entwickelt, die verschiedene Stile miteinander kombiniere.

„Hillbrowfication“, choreografiert von Constanza Macras und Lisi Estaras mit den Ensembles Constanza Macras/Dorky Park und dem Outreach Foundation’s Hillbrow Theatre Project (2018).
Foto: John Hogg/Dance Umbrella.

Das Publikum sei seither in unterschiedliche soziale und künstlerische Räume mitgenommen worden, womit die Macher*innen die soziale und politische Funbktion von Theater- und Tanzräumen behauptet und immer aufs Neue um den Erhalt der Compagny gekämpft hätten.

Eine der beiden Tabori Auszeichnungen mit 10.000 Euro ging  an die Performance-Gruppe Flinn Works.

Ensemblemitglieder trafen sich am Spreeufer zur Preisverleihung.
Screenshot: https://www.fonds-daku.de

In der Jurybegründung heißt es, dass Flinn Works‘ „einzigartige Handschrift des dokumentarischen Recherchetheaters […] national wie international auf Missstände aufmerksam“ mache.

Screenshot: https://www.fonds-daku.de

Das seit 1997 bestehende Ensemble widmet sich Fragestellungen von Globalisierung, Kapitalismus, Feminismus und Postkolonialismus und bereichere durch verschiedene Formen, das Publikum einzubeziehen, zugleich das Dokumentartheater.

Die Choreografin Ligia Lewis wurde als „aufstrebende Künstlerin, die durch ihre besondere Ästhetik eine neue Form der poetischen Choreografie und Performance entwickelt hat“, von der Preisjury mit der zweiten Tabori Auszeichnung geehrt.

Ligia Lewis mit ihrem Preis Screenshot: https://www.fonds-daku.de

Sie greife beherzt Themen und Ästhetiken auf, die aus einer europäisch-westlichen Theatertradition kommen und hole sie in eine schwarze und/oder queere Perspektive. Besonders hervorzuheben seien drei Arbeiten aus den Jahren 2014 bis 2018 „Sorrow Swag“, „minor matter“ und „Water Mill“, die als Triptychon gelesen werden könnten.

Screenshot: https://www.fonds-daku.de

Abwechslungsreiche Einspieler gaben einen Einblick in die Vielfalt der Arbeiten der ausgezeichneten Künstler*innen. Abgerundet wurde das Programm durch die verlesenen Jurybegründungen der Juror*innen Carena Schlewitt (HELLERAU – Zentrum für die Europäischen Künste), Franziska Werner (Sophienӕle) und Prof. Dr. Hans-Joachim Wagner (Stadt Nürnberg) sowie der digitalen Aftershowparty im virtuell nachgebauten HAU Hebbel am Ufer.

„Digital dezentral aber eben doch zusammen“, konnte laut Holger Bergmann an diesem Abend „die Wichtigkeit der Szene“ zelebriert werden. Mit Blick auf die kommenden Monate erläuterte Bergmann weiterhin, dass „nun die Planungssicherheit der bundesweiten Freien Darstellenden Künste im Mittelpunkt stehen wird und noch einmal über 60 Millionen Euro aus NEUSTART KULTUR mit dem #TakeThat-Folgeprogramm #TakeHeart […] in die künstlerische Arbeit fließen werden.“

In seinem Grußwort dankte der Vorsitzende des Fonds, Prof. Dr. Wolfgang Schneider, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters für das Zukunftsprogramm NEUSTART KULTUR das umfangreiche #TakeThat-Maßnahmenpaket des Fonds Darstellende Künste ermöglichte. Mit Blick auf die Herausforderungen, denen sich die Freien Darstellenden Künste in den kommenden Jahren werden stellen müssen, appellierte er: „Es gilt jetzt nachhaltig die Weichen für das künftige künstlerische Arbeiten und die Perspektiven der Freien Darstellenden Künste zu stellen. Hierzu sind kulturpolitische Positionierungen notwendiger denn je, damit der Lohn zukünftig zum Leben reicht und die Kreativität als systemrelevantes Gut ihre entsprechende Wertschätzung findet.”

Sabine Bangert (Bündnis 90/Die Grünen), Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und Vorsitzende des Ausschusses für Kulturelle Angelegenheiten, betonte in ihrem Redebeitrag die Vitalität der Freien Darstellenden Künste auch in Zeiten der Krise: „Sie beglücken und bereichern uns mit ihren großartigen künstlerischen Interventionen.“ Dies gälte einmal mehr für den Umstand, dass mehrheitlich weibliche Künstler*innen ausgezeichnet wurden. Darüber hinaus machte sie deutlich, dass „strukturelle Diskriminierungen, Rassismus, Machtmissbrauch und Frauenfeindlichkeit“ auch im Kunst- und Kulturbereich zu finden sind und diese Problematiken nachhaltig bearbeitet werden müssen.

Der Tabori Preis wurde erstmals am 31. Mai 2010 anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Fonds Darstellende Künste vergeben. Der Namensgeber George Tabori inszenierte zuletzt bis zu seinem Tod 2007 am Berliner Ensemble und war Zeit seines Lebens Grenzgänger zwischen Freier Szene und Stadt- und Staatstheatern. Der Preis würdigt nicht nur Werk und Leben des Autors und Regisseurs, er legt vor allem besonderen Fokus auf den für Tabori so wichtigen Ensemble-Gedanken. Im Gedenken an George Tabori wird die Verleihung traditionell rund um den Geburtstag des Namensgebers ausgerichtet.

Der Stream der Preisverleihung steht unter https://www.fonds-daku.de/tabori-preis-2021/.

 

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