Ruhrfestspiele 2019: Es bleibt alles ganz anders

In diesem Jahr warten die Ruhrfestspiele Recklinghausen mit diversen Neuerungen auf. Zunächst gibt es eine neue Leitung. Die macht etliches anders – manches gezwungenermaßen, da weniger Geld im Topf ist. Alles steht in diesem Jahr unter dem Motto „Politik und Poesie“. Es blieb zwar beim großen Kulturvolksfest am 1. Mai, doch sonst gibt es bis zum 9. Juni im Programm einige Veränderungen. Offener soll es werden, die Stadt Recklinghausen und ihre Bürger stehen noch mehr im Mittelpunkt.

Der bisherige Leiter Frank Hoffmann wurde nach 14 erfolgreichen Jahren in den Ruhestand verabschiedet. Sein Nachfolger ist Olaf Kröck, seit 2010 als Dramaturg und Regisseur an verschiedenen Theatern – zuletzt Intendant in Bochum – im Ruhrgebiet tätig. Das riecht nach Stallgeruch, ein Geruch, der trotz Strukturwandel und/oder Krise eine gute Voraussetzung ist für eine erfolgreiche Arbeit.

„Politik und Poesie“ hat Olaf Kröck seinem ersten Programm als Titel verpasst. Dass Hauptsponsor Evonik unmittelbar nach dem Ende der Festspielsaison 2018 verkündete, die Ruhrfestspielen mit ca. 1 Million Euro weniger zu unterstützen, hatte aufhorchen lassen. Olaf Kröck nahm die Vorlage elegant auf, indem er verkündete auf „Hollywoodgrößen“ zu verzichten. Aber natürlich hatte die Ansage Konsequenzen: das Programm wurde insgesamt verschlankt, auf das bislang obligate zweite Theaterzelt wird verzichtet. Gottseidank, ist man geneigt zusagen, denn im Gewusel der diversen Festivals im Festival, zu denen Frank Hoffmann immer neue Einfälle produzierte, war es schon immer schwer sich zu orientieren.

Der Unterschied zur Hoffmann-Ära macht sich vor allem im Auftakt zur Eröffnung der Ruhrfestspielsaison bemerkbar. Natürlich bleibt es beim großen Kulturvolksfest am 1. Mai. Aber dann: Früher große Premiere in geschlossener Vorstellung plus Empfang für geladene Gäste am 3. Mai – diesmal beginnt es um 19 Uhr im Festspielhaus mit einer Rede von Judith Schalansky. Daran schließt sich ein internationaler Tanzabend des Maqamat Dance Theatre Lebanon an. Offen für alle. Weiter geht am Tag darauf mit einer Open-Air-Performance auf dem Rathausplatz. Olaf Kröck und die Produzenten stellen unter dem Titel „What is the City but the People?“ die Stadt Recklinghausen und ihre Bürger in den Mittelpunkt. Nach Vorstellung der Macher sollen ausgewählte Bürgerinnen und Bürger auf einem Laufsteg sich und ihre Geschichte präsentieren, untermalt von Musik und großformatigen Bildern. Begründung: Was macht die Stadtgesellschaft denn anderes aus als das Zusammenleben und Erleben der Bewohner? Anschließend kann man im Kleinen Haus die Uraufführung „Das Heerlager der Heiligen“ besuchen, eine Dystopie von Jean Raspail aus den frühen 1970er Jahren, in der eine Armada von Indern sich vor Frankreichs Küsten festsetzt, um am Wohlstand der Europäer teilhaben zu wollen.

Aktueller dürfte in den letzten Jahren kaum ein Titel aus dem großen Reservoir der sich überschlagenden Novitäten gewesen sein. Und wer danach Lust verspürt, sich zu amüsieren, geht zur Eröffnungsparty im Kohlefoyer. Natürlich spielt der Strukturwandel im Ruhrgebiet immer noch eine Rolle. Ist doch gerade erst das letzte Steinkohlebergwerk geschlossen worden. Die Schicht im Schacht greift das Team um Olaf Kröck sehr gewitzt auf. Im Bürgerhaus Süd wird auf – deutsch gespielt und auf Türkisch gesungen. Vorgeführt wird eine verkehrte(?) Welt: Nicht Türken kommen auf der Suche nach Wohlstand und Glück ins Ruhrgebiet sondern umgekehrt, Deutsche ziehen ins ferne Istanbul. Und sie erleben die Probleme des Überlebens in einer fremden Kultur und Sprache…

Poesie und Politik – schon immer Antipoden oder Teamplayer im Theater, kommen in Recklinghausen dieses Jahr ganz besonders zur Geltung. Mit den Antipoden Peter Brook und Bertolt Brecht ist die Spannweite erfasst. Der eine bringt einen leeren Raum zum Klingen und Leuchten, der andere erklärt mehr oder weniger gültig und aufwändig Geschichte. Trotz seiner 94 Jahre erarbeitet Peter Brook in „seinem“ Theater immer noch neue Dramen. Die neueste Produktion „The Prisoner“ stellt die uralte Frage nach Schuld und Sühne wieder einmal neu. Von Bertolt Brecht wird Heiner Müllers legendäre Inszenierung von 1995 „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ zu sehen sein. „Er ist ein Klassikanischer“ wird der Schauspieler, der Ui Unterricht geben soll zwecks Medien- und Massentauglichkeit charakterisiert. Das ist Brecht auch schon seit längerem.

Und zwischen Peter Brook und Heiner Müller/Bertolt Brecht ganz viel Tanz, ganz viel Nuoveau Cirque. Nachwuchspflege findet im Kinder- und Jugendtheater statt, nach wie vor wird das Kabarett gepflegt, Literatur wird einerseits gelesen, andererseits mit Denis Scheck personalisiert: Er präsentiert drei Jahrhundertbiografien im Gespräch: Herta Müller, Georg Stefan Troller und Louis Begley – Exilanten alle drei – werden aus ihrer Erfahrung mit Diktaturen und dem Zurechtkommen in  neuer Umgebung berichten.

So bleibt wirklich alles anders bei diesen Ruhrfestspielen Recklinghausen 2019 unter neuer Leitung.

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