Presente! Nachruf auf Doğan Akhanlı

Doğan Akhanlı bei Lesung und Debatte während der VS-Literaturtagung „Widerstand ist nichts als Hoffnung“ am 1. Juni 2019.
Foto: Heiner Wittmann

Doğan Akhanlı ist nicht tot! Einer wie er mag sterben, aber wenn man, wie es in Lateinamerika getan wird, seinen Namen ruft auf Demonstrationen und in Veranstaltungen, antworten die Anwesenden „Presente“ und heben die Faust. Das ist eine Faust gegen das Vergessen, gegen den Tod. Wenn wir also den Namen Doğan Akhanlı rufen, wissen wir: Er ist da! Presente!

Doğan Akhanlı wurde am 18. März 1957 in Şavşat, in der türkischen Provinz Artvin, geboren. Er starb, nach einer kurzen Krankheit, am 31. Oktober 2021. Wir trauern um ihn, um unseren Verlust. Wir kondolieren uns. Aber unsere Trauerarbeit, wie man so sagt, wenn man meint, dass der Schmerz zu spüren ist, tief, bohrend, darf es ja nicht bleiben, uns selbst für den Verlust zu betrauern. Das hätte der Tote nicht gewollt.

Der Schriftsteller Doğan Akhanlı ist ja nicht zu trennen von dem Menschen, der für eine bessere, freie, gerechte Welt sich selbst als Einsatz zu setzen bereit war. Nach dem blutigen, faschistischen Militärputsch 1980 ging er in den Untergrund. Er wurde Mitglied der Revolutionären Kommunistischen Partei der Türkei, nachdem er wegen des Kaufes einer linken Zeitschrift für fünf Monate in Untersuchungshaft gesteckt worden war. Das war fünf Jahre vor dem Putsch, also 1975. Als Akhanlı in den Untergrund ging, wusste er, wofür er kämpfte. Das mag ihn beseelt haben.

Im Mai 1985 wurde er verhaftet, zusammen mit seiner Frau Ayse und dem kleinen Sohn von 16 Monaten. Doğan Akhanlı wurde zweieinhalb Jahre eingesperrt und wiederholt gefoltert. Brechen aber konnten die Faschisten ihn nicht.

1991 floh er nach Deutschland, beantragte Asyl und wurde 1998 von der Türkei ausgebürgert, weil er sich weigerte, seinen Militärdienst in der Türkei anzutreten. Seit 2001 war er deutscher Staatsbürger.

Doğan Akhanlı schrieb über das, wofür er kämpfte. Über die Freiheit, die Verbrechen der Gegenwart und der Vergangenheit. Er trat dafür ein, den Völkermord an den Armeniern als ebendies anzuerkennen: Als Genozid, begangen von der damaligen türkischen Regierung, der Polizei und der Armee. Er trat ein für kulturellen Austausch, für die Menschenrechte, die er für unteilbar erachtete und für eine Welt, in der Mord, Gewalt, Unterdrückung, Ausbeutung und Diktatur nicht mehr das Leben so vieler bestimmen.

In einem Interview mit der Kulturzeitschrift „Rheinische Art“ sagte Doğan Akhanlı „Ich möchte meine schriftstellerische Arbeit von politischer Aktivität getrennt sehen. Die Literatur ist mir näher als die Politik. Doch sicherlich bin ich auch ein politischer Schriftsteller. Meine Themen sind politische Ereignisse. Doch politische Hintergrundgedanken können für ein Buch auch schädlich sein. Zuvorderst will ich eine gute Geschichte erzählen.“

Und doch wusste er im gleichen Interview auch zu sagen: „Was ich versuche, ist, über Probleme zu erzählen. Ich schreibe hauptsächlich subtile Geschichten, zum Beispiel in „Der letzte Traum der Madonna“ oder in „Die Richter des Jüngsten Gerichts“. Das war auch eine authentische Erfahrung für mich. Ich komme aus einem Land, in dem eines der schlimmsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts passierte. Die Türkei hat die Armenier 1915 und 1916 ausgelöscht. Und dann erreicht man ein Fluchtland, in meinem Falle die Bundesrepublik Deutschland, in dem man Freiheit genießt; und plötzlich lernt man, dass dieses Land eine noch fürchterlichere Geschichte hat, den Holocaust.“

Dies alles: Der Kampf zugleich um die Literatur, wie auch um das Schaffen von Kunst und der Kampf mit den Verhältnissen, die aus der Vergangenheit resultieren und in der Gegenwart die Zukunft schon gestalten, hat ihn zu einem großen Dichter gemacht. Für Doğan Akhanlı blieb Deutschland Exil, weil er in türkischer Sprache schrieb, von deren Entwicklung er sich jedoch abgekoppelt sah, wie er im gleichen Interview betonte.

Uns bleibt er als eines der Fundamente, auf die wir bauen können. Literarisch, wie in unserem Bemühen, aus dieser Welt eine bessere zu machen.

Und vielleicht passt deshalb zum Schluss des Nekrologs ein Vers des großen Wladimir Majakowski auf den großen Doğan Akhanlı und auf die Lebenden:

Sterben
ist hienieden
keine Kunst.
Schwerer ists:
Das Leben baun auf Erden.


Information vom 15. November: Die Beisetzung von Doğan Akhanlı erfolgt am 19. November in Köln auf dem Melaten-Friedhof.
Am Vortag wird im Kölner Bürgerzentrum „Alte Feuerwache“ eine Trauerfeier gestaltet.

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