Potsdamer VS-Geburtstagsfeier mit Rück- und Ausblick

VS-Vorsitzende Carmen Winter begrüßt die corona-konform platzierten Gäste. Foto: Heinrich Bleicher-Nagelsmann

Der VS Brandenburg packt energisch weitere Zukunftsaufgaben an. Dieses Fazit lässt sich nach der offiziellen Veranstaltung zum 30. Jahrestag ziehen. Die Geburtstagsfeier am 29. Juli im „Seminaris“-Hotel in der Landeshauptstadt war musikalisch heiter-stimmungsvoll von Reglindis Rauca und Christian Pross eröffnet worden. Sie wurde nachgeholt, denn exakt am 31. März 1991 hatten 48 Teilnehmende auf einer Versammlung in Potsdam den brandenburgischen Landesverband des VS begründet.

Carmen Winter, die amtierende Landesvorsitzende, freute sich, viele Mitglieder des Verbandes sowie ehemalige Vorsitzende und Gäste begrüßen zu können. Ende Mai hatte es bereits eine Lesung der jüngsten Anthologie des Landesverbandes „Hier ist herrlich arbeiten“ gegeben. Ministerpräsident Woidke bezeichnete den Band inzwischen als „eine Liebeserklärung an Brandenburg“.

Bei der nun möglichen größeren Feier anwesend waren u.a. der 1991 gewählte 1. Vorsitzende, Dietrich Hohmann, sowie seine Nachfolgerin Ingrid Protze. Winter dankte ihnen und allen Mitgliedern, die in den vergangenen Jahren an der erfolgreichen Arbeit des Verbandes mitgewirkt hatten, sehr herzlich.

Die Landtagespräsidentin Prof. Ulrike Liedtke gratulierte dem VS zum Geburtstag und lobte in solidarischer Haltung seine erfolgreiche Arbeit. Ein weiteres Grußwort für ver.di sprach Susanne Stumpenhusen, die jahrelang mit großer Freude gemeinsam mit anderen in der Jury des Literaturpreises zusammengearbeitet und den Verband in seiner Arbeit unterstützt hatte.

Till Sailer, der erste stellvertretende Vorsitzende des VS Brandenburg, erinnerte an die schwierigen Anfänge des Landesverbandes nach 1990. Damals gab es die ersten gemeinsamen Treffen Brandenburger Autor*innen. Die Zahl der Autor*innen und Übersetzer*innen, die damals die förmliche Gründung eines Verbandes als notwendig ansahen, war gering. Doch nach mehreren Treffen wurde die Gründung eines selbständigen Landesverbandes innerhalb des DDR-Verbandes vereinbart. Im Herbst 1990 warben Mitglieder des VS (Verband deutscher Schriftsteller in der IG Medien) auch bei den Autor*nnen Brandenburgs um ihren Beitritt; annähernd 70 wurden Einzelmitglied.

Till Sailer bei seinen Ausführungen. Foto: Heinrich Bleicher-Nagelsmann

Es gab allerdings auch einige Schwierigkeiten. Der VS-Bundesvorstand hatte in einem Brief gebeten, den Beitritt von 23 Kollegen des ehemaligen DDR-Verbandes „noch einmal zu überdenken“, da diese im Verdacht stünden, während der DDR-Zeit Kollegen Schaden zugefügt zu haben. Trotz kontroverser Auffassung stimmte die Mehrheit der Versammlung für die Aufnahme dieser Mitglieder. Gemeinsam packte man die Aufbauarbeit des neuen Verbandes an.

Deutlich wurde dann, dass im Einigungsvertrag für die neu gebildeten Bundesländer, die soziale Frage der Autorinnen und Autoren im Bundesgebiet „ausgespart geblieben war“. Die VG Wort schaffte mit einem Sonderfonds erste Abhilfe. Über einen weitergehenden, grundlegenden Schritt berichtete Till Sailer:

„Einen wesentlichen Vorstoß unternahm die IG Medien auf ihrem Gewerkschaftstag vom Oktober 1990 in Stuttgart. Uwe Friesel, als VS-Vorsitzender, brachte dort einen Initiativantrag zur Abstimmung, der mit großer Mehrheit von den Delegierten angenommen wurde. Der Antrag ‚Zur Verbesserung der Lage selbstständiger KünstlerInnen und PublizistInnen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR‘ forderte vom Gesetzgeber ‚die Schaffung von Voraussetzungen dafür, daß selbständige KünstlerInnen und PublizistInnen Leistungen aus dem Recht der Arbeitsförderung beziehen können‘. Er forderte ‚zumindest für einen Übergangszeitraum von 5 Jahren die Einbeziehung der selbständigen Künstler in die Arbeitslosenversicherung‘ und ‚Anerkennung der vor dem 1.7.90 liegenden Zeiten sozialversicherungspflichtiger selbständiger Tätigkeit auf den Gebieten Kunst und Publizistik zur Erfüllung der Anspruchsvoraussetzungen des Arbeitsförderungsgesetzes‘. Aus diesem Initiativantrag entstand eine Gesetzesvorlage und nach dem mühevollen Gang durch die Instanzen wurde tatsächlich im Juni 91 das ‚Gesetz zur Änderung arbeitsförderungsrechtlicher und anderer sozialrechtlicher Vorschriften‘ vom Bundestag verabschiedet.“

Wie entscheidend auch heute noch der Einsatz nicht nur für politische Fragen, sondern auch für weitere sozialrechtliche Belange ist, verdeutlichte Carmen Winter in ihrer Rede. In der Zukunft bleibe noch einiges zu tun. Viel leiste hier der Brandenburgische Literaturrat, bei dessen Geschäftsstelle die Vorsitzende sich nachdrücklich bedankte. Aber auch er selbst bedürfe weiterer Förderung und einer erweiterten finanziellen Unterstützung.

Hier einige von der Vorsitzenden gemeinsam mit Mitgliedern zusammengestellte dringende Themen und Wünsche:

  • Eine Weiterführung der Stipendienprogramme auch nach Corona wie 2021
  • Ein Literaturhaus als Ort der Begegnung für AutorInnen untereinander und mit ihren Leserinnen und Lesern, mit einem Arbeitsort (Schreiberwohnung) und mit Platz für ein Archiv für die Nachlässe Brandenburger Autorinnen und Autoren sowie Raum für Fortbildungen.
  • Eine Wiederbelebung des Umwelt-Literaturpreises des Landes Brandenburg. Gerade jetzt wäre ein solcher Preis ein wichtiges Signal!
  • Alle Bibliotheken sollten so ausgestattet werden, dass sie Lesungen mit Brandenburger Autor*nnen finanzieren können.
  • Mehr regionale Kulturkonferenzen wie die in Beeskow, um die Vernetzung mit anderen Kunstsparten (z.B. Theater) zu unterstützen.
  • Finanzierung von interdisziplinärer Arbeit, z.B.: Honorare auch für Musiker*nnen, wenn Autor*nnen und Musiker*nnen mit gemeinsamen Programmen (Lesekonzerte) auftreten.
  • Die Wiederherstellung der Quotenregelung bei den Wiepersdorfer Stipendien. In Wiepersdorf müssen Autor*nnen aus dem Land Brandenburg regelmäßig arbeiten können!

Ein besonderes Kapitel ist die Präsenz und Vertretung der Schriftsteller*nnen in den Medien. Hier brauche es wieder einen Platz im rbb-Rundfunkrat Berlin-Brandenburg oder eine andere Möglichkeit, auf das Programm Einfluss zu nehmen, in dem viel zu selten relevante Literatur aus Brandenburg eine Rolle spiele.

Die Anwesenden signalisierten Zustimmung zu allen Wünschen mit anhaltendem Beifall. Zum genussvoll-gemütlichen Teil der Feier mit persönlichen Gesprächen leiteten dann Reglindis Rauca und Christian Pross mit weiteren hervorragenden musikalischen Beiträgen über.

 

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