Portal der Darstellenden Kunst: Eine Million Medien vernetzen

Aus dem Jahr 1985, etwas unscharf, aber zum Nachschauen bereitgestellt: "Anna Blume ist rot", hieß das abendfüllende Stück der Tanzfabrik Berlin, zu dem hier eingeladen wird. Screenshot: archiv.mimecentrum.de

Ob Tanzbriefmarken, Aufführungen, Schauspieler*innen oder Theatertexte, wer so etwas sucht, kann sich an den Fachinformationsdienst Darstellende Kunst (FID DK) wenden. Um die Summe der „Schätze“, die über das FID-Portal „www.performing-arts.eu“ zu finden sind, noch zu vergrößern, fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die Arbeit von künstlerischen Mediatheken für die nächsten zwei Jahre.

Recherchieren können Interessierte beim FID-Portal zurzeit nach über einer Million „Ressourcen“ wie den Tanzbriefmarken einer Dresdener „Cigarettenfabrik“, Büchern zu Theaterinterpretationen oder Ausführungen zu dänischen Stummfilmen. Über 123.000 Datensätze geben bisher Auskunft zu Personen oder Körperschaften, über 42.000 zu „Ereignissen“ wie Aufführungen, etwa aus dem 19. Jahrhundert. Über 2000 Datensätze zu Werken und Produktionen können eingesehen werden. Für historische Theaterzettel gibt es sogar ein eigenes Themenportal.

Vorreiter und Vernetzung

Seit Mai fördert die DFG im Bereich Theater- und Tanzwissenschaften die Vernetzung der Mediatheken der Darstellenden Kunst.

Abspieltechnik in der Universitätsbibliothek in Frankfurt am Main Foto: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg

Antragsteller und Koordinatoren sind die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg/Fachinformationsdienst Darstellende Kunst in Frankfurt am Main und das Internationale Theaterinstitut Deutschland/Mediathek für Tanz und Theater Berlin in Zusammenarbeit mit der Wissenschaftlichen Videothek und Audiothek des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaften der Universität Wien. Das Mediatheken-Projekt, das nach den technisch orientierten DFG-Vorgaben für „e-research-Technologien (Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme)“ genehmigt wurde, verbindet infrastrukturelle und universitäre Arbeit in Frankfurt am Main und Wien mit den außeruniversitären Tanz- und Theaterfachleuten im Berliner Kunstquartier Bethanien. Gearbeitet wird jeweils in technisch-fachwissenschaftlichen Tandems, erläutern die Berliner Projektleiterin Christine Henniger und ihre Kollegin Sara Tiefenbacher, die für das Projekt in Frankfurt und Wien im Einsatz ist.

Besucher der Mediathek im Berliner Kunstquartier Bethanien werden hier empfangen. Foto: Internationales Theaterinstitut/ Mediathek für Tanz und Theater

Zu diesen Vorreiter-Institutionen, den sogenannten PrototypPartnern, stoßen im Lauf der zweijährigen Projektzeit noch vier weitere hinzu, die zwar von Anfang an eingebunden sind in das Projekt, sich aber an den Datenvorarbeiten der PrototypPartnern im Verlauf des Projekts orientieren können. Zu dem Quartett gehören das Forschungsinstitut für Musiktheater der Uni Bayreuth, beheimatet im idyllisch gelegenen Schloss Thurnau, das Institut für Theaterwissenschaft der FU Berlin, das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Uni Gießen und das Institut für Theaterwissenschaft der Uni München.

Mediatheksdaten zur Darstellenden Kunst sind in vielen Instituten der Theater- und Tanzwissenchaft schon vorhanden, oft aber in unterschiedlicher Form aufbereitet. Durch das geförderte Projekt soll ausgelotet werden, wie vorhandene, teils umfangreiche audiovisuelle Sammlungen am besten für das gemeinsame Suchportal des Fachinformationsdienstes Darstellende Kunst strukturiert erfasst werden können. Audiovisuelle Forschungsdaten digital zugänglich zu machen und zu kuratieren ist das zentrale Anliegen des Mediatheken-Projekts.

In der rechtlichen Grauzone

Ein wichtiger Aspekt der Arbeit ist aber nicht nur die Strukturierung der Daten, sondern auch die rechtliche Seite, erklären Henniger und Tiefenbacher. Denn bei etlichen Videos in den Sammlungen handelt es sich um private Mitschnitte von Theatersendungen im Fernsehen oder Videoaufnahmen von Aufführungen, die durch die Videotechnik seit den 1980er Jahren auch Nicht-Kamera-Profis möglich waren. Gedacht für eigene Forschungsarbeiten, für Lehrveranstaltungen oder auch einfach zur Erinnerung angefertigt, sind viele in den Archiven der Institutionen gelandet.

Bei solchen Aufzeichnungen sind urheberrechtliche Fragen zu klären, ob und inwieweit solche Bestände über www.performing-arts.eu öffentlich zugänglich gemacht werden dürfen. Auch ist in diesem „Bereich der grauen Archive“ nicht immer klar, woher das Material eigentlich stammt. Dann sind Nachforschungen nötig, um zu wissen, wie mit dem Material umgegangen werden darf.

Die Nutzer*innen der Mediatheken der darstellenden Kunst sind meist Künstler*innen und Forscher*innen, Studierende oder in der Dramaturgie Tätige. Je besser die Daten verknüpft sein werden, desto interessanter wird es auch für Kunstinteressierte. Schon jetzt kann Tiefenbacher von Familienforscher*innen berichten, die nach Theatermitgliedern unter ihren Vorfahren fahnden.

Wie groß das Interesse an Theater- und Tanzaufführungen ist, die man sich zuhause per Internet anschauen kann, das habe die Corona-Zeit mit all ihren Streaming-Angeboten aus dem künstlerischen Bereich gezeigt, sind Henniger und Tiefenbacher überzeugt. Ein niedrigschwelliges Angebot, das Lust auf mehr machen kann.

Auch die Projektkoordinatorinnen hoffen auf mehr, und zwar auf mehr Förderung durch die DFG. Wenn im kommenden Mai die Halbzeit der Förderdauer erreicht ist, werden sie einen Nachfolgeantrag vorbereiten. Zu tun wird es dann sicher noch genug geben für die Vernetzung der Mediatheken der darstellenden Kunst, vielleicht über das Theaterspektrum hinaus in die Videokunst. Dem DFG-Gremium war wohl klar, dass hier wertvolle Pionierarbeit geleistet wird. Ein Antrag auf Fortsetzung des Projekts könne mit Wohlwollen aufgenommen werden, so die Signale nach der ersten Genehmigung.

 

 

 

 

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