Nürnberg: Nazirelikt künftig Kulturtempel?

Der nur als Torso fertiggestellte Kongresshallenbau der Nazis in Nürnberg, davor der Dutzendteich, der im Sommer mit Wasser gefüllt wird. Foto: Heinz Wraneschitz

Der Torso der Nürnberger Kongresshalle ist ein weithin sichtbares Zeichen für das Scheitern der Nazidiktatur: Das Bauwerk am Dutzendteich nahe des Reichsparteitagsgeländes wurde nie fertiggestellt. Doch im Februar dieses Jahres hat der Nürnberger Stadtrat grundsätzlich beschlossen: Genau hier soll die Ausweichspielstätte entstehen für das über 100 Jahre alte Opernhaus des Staatstheaters, wenn es für viel Geld ab 2025 einer Totalrenovierung unterzogen wird.

Drinnen oder draußen? Nur das ist jetzt noch die Frage. Aber was heißt schon „nur“? Für die einen ist der geeignete Platz für das unbedingt notwendige Opern-Interim innerhalb des weiten Rund der Kongresshallenwände. Andere, gerade dem Denkmalschutz Nahestehende, sähen den Ersatzbau lieber irgendwo außerhalb realisiert. Eine Bedingung steht fest: Nah am Torso muss die neue Spielhalle schon stehen. Denn eine Art Versorgungstunnel muss beide Orte verbinden, um Bühnenkräfte wie Material hin- und her transportieren zu können.

Deshalb scheint ein Spielort nahezu ausgeschlossen, auch wenn er noch so reizvoll wäre: Eine Halle mitten auf dem Großen Dutzendteich. Aber die Entfernung wäre zu groß, hört man von Prof. Hans-Joachim Wagner, dem Leiter der städtischen Stabsstelle Ehemaliges Reichsparteitagsgelände, der zuvor für die Stadt die erfolglose Bewerbung als europäische Kulturhauptstadt 2025 koordinierte. 

Ein Blick in den Innenhof des Kongresshallenbaus, möglicher Standort für die Interimsspielstätte. Foto: Heinz Wraneschitz

Profane Nutzung denkbar

Der Kongresshallen-Torso gilt als ein Ort, an dem sich Hitler und Co. gerne hätten präsentierten wollen. Hier wurde, anders als in Konzentrationslagern wie Dachau oder Flossenbürg, aber niemand umgebracht. Deshalb haben sowohl der Zentralrat der Juden in Deutschland als auch die Stiftung Bayerische Gedenkstätten nichts dagegen, dass die Kongresshalle einer profanen Nutzung zugeführt wird.

„Die Macht bricht man durch Freiheit, und die zeigt sich durch Kunst“, erklärte dieser Tage Gedenkstätten-Stiftungsdirektor Karl Freller im Angesicht des Nazi-Bauwerks. Er wünscht sich sogar, „dass der künftige Ersatzbau auf Dauer genutzt wird. Es ist eine große Chance, Kunst und Kultur hier einziehen zu lassen, dass diese Räumlichkeiten der ‚freien Szene‘ der Noris zur Verfügung gestellt werden“, denkt der Schwabacher CSU-Landtagsabgeordnete schon an die Zeit nach der Nutzung durch das Musiktheater.

Doch wer könnte dort, an diesem düsteren Ort mit Nazivergangenheit, überhaupt Kreativität ausleben? Freller sieht besonders „experimentelle Kunst“ am richtigen Fleck. ver.di-Mitglied Klaus Haas, studierter mittelfränkischer Experimentalkünstler, dagegen findet „es emotional dort nicht so toll. Es wird immer ein Nazianziehungspunkt bleiben.“ Immer wieder tauchen auf dem Areal sogar Extrem-Rechte auf.

Professor Holger Felten, der Präsident der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, sieht zwar im Torso ebenfalls „belastetes, böses Gedankengut. Das strahlt ab. Aber wer günstig einen Raum bekommt, kann pragmatisch sein. Das muss jede*r für sich selbst entscheiden.“

Offener Zeitplan

Doch bevor externe Künstler*innen dort einziehen können, steht noch nicht einmal die Zeit fest, in der das über 100-jährige Opernhaus am Richard-Wagner-Platz umgebaut werden wird. Zwischen 700 Mio. und einer Milliarde Euro schwanken die genannten Renovierungskosten. „Die Bauzeit für das Opernhaus wird sicher über zehn Jahre betragen“, wagte sich Nürnbergs Kultur-Bürgermeisterin Prof. Julia Lehner an eine Prognose.

Die Nazis hatten das außen 40 Meter hohe Monstrum in Hufeisenform eigentlich nur als Treppenhaus vorgesehen. Mittendrin hätte eine laut Plan 70 Meter hohe Halle für 50.000 Zuschauer*innen stehen sollen. Doch bekanntlich wurde 1945 die größenwahnsinnige Nazi-Herrschaft durch die alliierten Truppen 1945 beendet, die Kongresshalle deshalb nie fertiggestellt.

Apropos fertiggestellt: die baurechtliche Genehmigung, im „alten“ Opernhaus Aufführungen abzuhalten, läuft Mitte 2025 aus. Deshalb, und auch das wird gerne mal vergessen: Das „Opernhaus-Interim“ muss bereits in der Spielzeit 2025/26 bespielbar sein. Unter der Hand ist aus Stadtratskreisen zu hören: „Das kannst Du vergessen.“

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, Nürnbergs Bürgermeisterin Julia Lehner und Karl Freller, Chef der Gedenkstättenstiftung, (v. r. n. l.) besichtigten die leeren Gänge des Monstrums. Foto: Heinz Wraneschitz

Doch Markus Söder verkündet: „Nürnberg ohne Oper – das geht nicht!“? Wohl auch deshalb schwärmte Bayerns Ministerpräsident bei der Besichtigung mit Bürgermeisterin Lehner und Stiftungsdirektor Freller von der Kongresshalle als einem „Ort, der durch die Kontroverse nur so sprüht an Möglichkeiten“. Doch bis heute gibt es für den Ausweichbau nicht einmal eine klare Kostenschätzung. Die sollen wohl in jener Fast-Milliardensumme mit enthalten sein, sagt uns das nämliche Stadtratsmitglied, das nicht genannt werden will.

Für die Belegschaft des Staatstheaters und die Opern-Künstlerschaft aber war es bereits ein Erfolg, dass der Stadtrat überhaupt eine Interims-Entscheidung getroffen hat. Im November 2021 hatte die Personalvertretung noch in einem „Offenen Brief“ eine solche eingefordert; heute traut sich vom Personalrat uns gegenüber niemand mehr, etwas dazu zu sagen.

Die Dimensionen richtig erfassen

Anders der Nürnberger CSU-Landtags-Abgeordnete Markus Söder. Der hofft „auf eine gute und clevere Planung“, um hier „Gedächtniskultur und Zukunft zu verbinden“. Dabei hatte er kürzlich wohl zum ersten Male vor Ort wirklich „die Dimensionen erfassen können. Das fand ich wichtig.“

Wichtig für die Nürnberger wäre eine andere Aussage gewesen: Wie viel Geld schießt der Freistaat zum Opernumbau konkret zu? Söder sagte nur, „der Freistaat wird großzügig unterstützen“. Das wäre schon deshalb keine bloße Wohltat, weil sich die Nürnberger Städtischen Bühnen seit einigen Jahren „Staatstheater“ nennen dürfen, also 50 Prozent Zuschuss Pflicht sind.

Nebenbei brachte Bayerns Regierungschef den Bund als Zahlungsgeber ins Spiel: Die Kongresshalle sei „ein nationales Denkmal. Die Kosten müssen auf alle Schultern verteilt werden.“ Und auch mit Karl Freller ist sich Söder einig: „Es macht keinen Sinn, das Interim nachher abzureißen, es muss nachhaltig werden.“

„Die Stadt hat das Hinterher noch nicht beschlossen“; es sei sogar „gefährlich, schon jetzt die Nachnutzung festzulegen“, versuchte Kultur-Bürgermeisterin Lehner diese Idee zu relativieren. Doch wird jetzt erst einmal alles entmietet, was im Rundbau gegenwärtig genutzt ist –beispielsweise als Lagerraum von Vereinen oder Museen. Und wohl in diesem Sommer fällt dann die Entscheidung: drinnen oder draußen? Erst danach werden im Torso Büros, Werkstätten und sonstige notwendige Räume für das Personal des Staatstheaters hergerichtet.

Im Interim sollen ab 2025 Opern gespielt werden. Doch darf ein Wagnerstück auf nazibelastetem Gelände über die Bühne gehen? Darüber gehen in Nürnberg zurzeit die Meinungen ebenfalls schwer auseinander.

 

 

nach oben

weiterlesen

Gerechtere Arbeit in der Kulturellen Bildung

Gerechte Arbeitsbedingungen in der Kulturellen Bildung fordert ver.di. Die gewerkschaftliche AG Kunst und Kultur unter Leitung der gewählten Kunst- und Kulturbeauftragten hat dazu jetzt ein Papier mit acht klaren Forderungen vorgelegt. Scheinselbstständigkeit wird der Kampf angesagt, bessere Einkommen und Weiterbildungsangebote stehen ebenfalls obenan. Darauf zielt gewerkschaftlichen Arbeit. Die Forderungen sind aber auch an die Politik adressiert, sollen im Kulturbereich und darüber hinaus debattiert werden.
mehr »

Die Freiheit des Wortes aktiv verteidigen

„Demokratie wächst aus den Menschen“, war eine Ausgangsthese, als zum Auftakt der diesjährigen „Woche der Meinungsfreiheit“ über „Die Freiheit des Wortes unter Druck“ debattiert wurde. Zum zweiten Mal organisiert ein Bündnis aus 45 Partnern zwischen dem Internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai und dem 10. Mai, dem Gedenktag an die Bücherverbrennung in Deutschland, Debatten, Lesungen, Konzerte und Ausstellungen.
mehr »

Flashmob für faire Musikhonorare

Mit einem Musik-Flashmob vor dem Rathaus der Stadt Münster forderten am 26. April 2022 unter dem Slogan „Good Play. Fair Pay“ 120 Musikerinnen und Musiker aus ganz Deutschland höhere Mindesthonorare für Freischaffende. Sie folgten damit einem Aufruf der Deutschen Orchestervereinigung, die zeitgleich in der Stadt ihre nationale Delegiertenversammlung durchführte.
mehr »

Bildhaftes Gedächtnis unserer Gesellschaft

Ein bundesdeutsches Institut für die Fotografie, ein Ort für das fotokulturelle Erbe Deutschlands, soll entstehen. Das ist die gute Nachricht. Doch der Weg scheint noch weit. Schon seit 2019 wird daran geplant. Einem Konzept einer hochkarätigen Expertenkommission folgte eine Machbarkeitsstudie – mit dem Ziel, wie es die Initiatorin und ehemalige Kulturstaatsministerin Monika Grütters formulierte, ein „bildhaftes Gedächtnis unserer Gesellschaft zu bewahren“. Selbst Geld dafür ist eingeplant…
mehr »