Neue Anthologie: Mein zweisprachiges Ich

Buchcover

Re-Literarisierung des VS!, war vor zwei Jahrzehnten eine laute Forderung. Wir wollten nicht nur als Gewerkschafter wahrgenommen werden, sondern als Verband von Autor*innen. Um dieses Schlagwort ist es still geworden. Doch stillschweigend haben etliche Landesverbände begonnen, wichtige Anliegen auf genuin literarische Weise zu verfolgen, nämlich durch Lesebücher oder Anthologien. Eine besondere erschien jetzt in NRW.

„Mein zweisprachiges Ich“ ist ein herausragendes Produkt dieser stillen Bewegung. Der nordrhein-westfälischen VS-Landesverband legte diese aktuelle Blütenlese – so die deutsche Wiedergabe von Anthologie – vor. NRW ist seit jeher ein Schmelztiegel. Viele Generationen polnischer Einwanderer verhalfen der dortigen Bergwerksindustrie zu ihrer Blüte. Und Köln, die Metropole des Bundeslandes, trägt schon seit fast zwei Jahrtausenden sein zweisprachiges Ich im Namen, denn in einer Kolonie gibt es mindestens eine Herrschafts- und eine Eingeborenensprache. Im besten Fall bereichern sie sich gegenseitig. (Im Falle Kölns war die Eingeborenensprache ein Germanendeutsch.)

Ich würde noch weitergehen, nicht vom Verschmelzen reden, sondern vom Verdoppeln. Jede Sprache ist ein Kunstwerk, das nichts weniger als die Welt ausmalt. Wer zweisprachig lebt, kann seine Umwelt in ganz neuen Farben wahrnehmen. Dieses Buch zeugt davon. Und wer, wenn nicht der VS als der Verband aller Literaturschaffenden in Deutschland, sollte den Mut und den Weitblick haben, dem Reichtum der Welt eine Stimme zu sein?

Worum geht es also in diesem Lesebuch? Um nicht weniger und nicht mehr als um alle unsere Kolleg*innen mit Migrationshintergrund. Dieser biografische Umstand, soviel ist nach dem Gesagten bereits klar, ist kein Makel. Vielmehr bereichert er neben dem privaten auch den gesellschaftlichen Kosmos. 13 Männer und 21 Frauen sind es, denen wir auf den 248 Seiten des Lesebuchs beispielhaft begegnen. Lassen wir zunächst außer Betracht, ob die Migration freiwillig geschah oder ob sie – wie leider nur allzu oft – eine gefährliche Flucht gewesen ist. Das werden die Geschichten der Autor*innen weisen. Sven j. Olsson, stellvertretender Bundesvorsitzender des VS, schreibt in seinem Nachwort: „Die Geschichten und Gedichte dieser Sammlung werfen den Leser tief hinein in diese Schicksale, in diese Leben in zwei Welten.“

Die Beiträge der Autor*innen sind in alphabetischer Reihenfolge gelistet. Das mutet leicht pedantisch an, ist aber auch gut demokratisch. Und welches ordnende Prinzip, bitteschön, gäbe es denn für diese kunterbunte Welt, das nicht sofort in Frage zu stellen wäre? Zaira Aminova aus Dagestan, Russland, kommentiert ihre Lyrik: „Neue Dichtung ist wie Himmelslohn. Ich ersinne diese nur für dich …“ Danke dafür (unter uns gesagt). Wie kam sie nach Deutschland? „Ich fliege heute los nach Düsseldorf. / Die Flügel frieren langsam und sich wandelnd.“

Ähnlich selbstbewusst wie Aminova stellt sich eine andere Dichterin aus dieser Weltgegend vor, Irma Shiolashvili: „Ich komme aus dem sonnigen Kaukasus und würde mich freuen, wenn meine Gedichte euch erwärmen.“ Dagegen bittet Orhan Aras schlicht und ergreifend: „Deutschland, gib mir ein wenig Liebe.“ Ein berechtigter Wunsch. Und doch hat er Voraussetzungen. Man muss sich selber auch ein wenig liebenswert geben. Das Urteil aber sollten wir in Demut fällen, zumal, falls wir selber in warmen Wohnungen sitzen. Kemal Astare aus Ostanatolien dichtet für unser Gästebuch: „Jeder Mensch ist ein Geschenk an die Welt, / jeder erfüllt seine Aufgaben bis zum Ende …“

Wir müssen nicht immer an die Ränder Europas und darüber hinaus schauen, auch nicht allein auf den Flüchtling, um dem zweisprachigen Ich zu begegnen. Das weiß ich seit jeher aus eigenem Erleben, und deshalb fühle ich mich allen Schreibenden, die hier zu Wort kommen, besonders nahe. Ich komme von einer Insel mit einer eigenen Sprache, aber wenn ich meine Nase jenseits von Familie und Wasserkante in den Wind stecke, wird Deutsch gesprochen.

Florence Hervé entbietet in der vorliegenden Anthologie die Grüße einer „Französin zwischen dem Rhein und dem Atlantik“. Seit vierzig Jahren pendelt sie zwischen Deutschland und Frankreich. Sie schreibt über das Trennende und das Beglückende der Zweisprachigkeit. „Hinter der Sprache stecken Geschichte und Geschichten. Die Sprache als Instrument der Kommunikation und Integration erlaubt, das Wort zu ergreifen, sie kann verzaubern und Gefühle freilassen.“

Auch mit dem Verlag hat der VS NRW eine glückliche Wahl getroffen. Das Buch ist nicht nur hervorragend ausgestattet und ein haptischer Genuss. Lijepa Rueč – Schönes Wort ist ein zweisprachiger Verlag aus Bosnien. Einst als Flüchtling im Bosnienkrieg nach NRW gekommen, teilt sein Verleger Simo Esič mittlerweile das Leben und die literarischen Aktivitäten zwischen beiden Ländern auf. In seiner Heimat ist er ein bekannter Kinderbuchautor. Einmal habe ich ihn in Sarajevo erlebt, als er eine leichte Verkehrsübertretung beging (unerlaubtes Wenden). Den drei Polizisten, die uns daraufhin stoppten, schenkte er einige seiner Werke. Mit einer Ermahnung und einem dreifachen Lächeln durften wir weiterfahren. Was für ein tolles Autorenleben, in dem kleine Sünden mit Büchern gesühnt werden können. Eine Kostprobe seines Schreibens findet sich ebenfalls in dieser Anthologie.


Mein zweisprachiges Ich. Gedichte und Geschichten von in NRW lebenden SchriftstellerInnen aus vielen Ländern, hg.v. Pilar Baumeister und Dragica Schröder, Verlag Lijepa Ruec – Schönes Wort, Tuzla, Bosnien-Herzegovina 2019, 248 S., ISBN 978-9926-427-66-5

 

 

 

 

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