Mit Goethe-Institut künftig ohne Altersbegrenzung nach China

Wer sich als Künstler*in für eines der aktuellen Residenzprogramme des Goethe-Instituts bewerben will, sollte drei Voraussetzungen erfüllen: Eine professionelle künstlerische Tätigkeit ausüben, den Lebensmittelpunkt in Deutschland haben und über gute Englischkenntnisse verfügen. Bis vor einiger Zeit gab es noch einen zusätzlichen Punkt: Man sollte nicht älter als 40 Jahre sein. Um diese Bedingung wurde jetzt gerichtlich gestritten.

„Das Goethe Institut China führt im Jahr 2019 in Zusammenarbeit mit I: Project Space zwei Residenzprogramme in den Bereichen Darstellende Kunst und Bildende Kunst durch. Im Rahmen des dreimonatigen Residenzprogrammes haben Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland die Möglichkeit an eigenen, chinabezogenen Projekten zu arbeiten, neue künstlerische Impulse aufzunehmen und Kontakte mit chinesischen Kunst- und Kulturschaffenden zu knüpfen“, hieß es in einer Ausschreibung von 2018.

Darauf bewarb sich auch Rike Reiniger. Die 54-jährige Künstlerin ist Verfasserin mehrere Bücher und Theaterstücke und hat für ihre Arbeit bereits Preise und Stipendien erhalten. Für das Residenzprogramm in China reichte sie das Konzept eines Theaterstückes  ein, in dem es um die Wahrnehmung von Alter und Jugend in China und Europa gehen sollte. Die Bewerbung wurde abgelehnt. VS-Mitglied Rike Reiniger meint, wegen ihres Alters. Das Goethe-Institut hingegen macht ausschließlich künstlerische Gründe dafür verantwortlich. Jetzt kam der Streit um Altersdiskriminierung vor das Münchner Amtsgericht, obgleich das Institut aufgrund Reinigers Protest die vierte Voraussetzung bereits vorher fallen ließ.

In der Güteverhandlung am 10. Juli 2020 ging es zunächst darum, ob unter Bezugnahme auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das Menschen vor Ungleichbehandlung bei Arbeit und im Zivilrechtsverkehr schützt, hier überhaupt ein Verfahren wegen Altersdiskriminierung eröffnet werden könne. Die Klägerin hatte einen Schadensersatz von 1400 Euro für die Bewerbung und ein Schmerzensgeld von 6000 Euro eingefordert. Ihr Anwalt machte geltend, dass Reiniger nach einer ersten Berufsausbildung als Theaterpädagogin relativ spät mit ihrer künstlerischen Karriere begonnen habe. Sie sei also trotz ihres Alters als Nachwuchskünstlerin anzusehen. Zwar belege der vom Goethe-Institut herausgegebene E-Mail-Verkehr zwischen den Juroren keine Bezugnahme auf das Alter, aber – so der Rechtsanwalt – Diskriminierung geschehe „sublim“, also nur mit großer Feinsinnigkeit wahrnehmbar. Er verwies auf das Beispiel Orchester: Seitdem das Vorspielen dort hinter einer Sichtblende geschehe, habe sich der Frauenanteil in den Klangkörpern deutlich erhöht.

Die Richterin sah das Tor für die Eröffnung eines Verfahrens zu „90 Prozent offen“, gab aber zu bedenken, ob das Gericht der richtige Ort zur Austragung des Streites sei. Man müsse dann die Jury-Mitglieder als Zeugen laden, was bedeute, dass zum Beispiel Professoren aus China anreisen müssten. Die Kosten dafür müsste zwar zunächst das Goethe-Institut vorstrecken, da die Beweislast wegen der Ausschreibung dort läge. Würde die Klägerin das Verfahren jedoch verlieren, bekäme sie diese voraussichtlich mehrere zehntausend Euro dann selbst auferlegt.

Angesichts dessen – die Rechtsfindung hat auch viel mit dem Geldbeutel zu tun – einigten sich die Parteien auf einen Vergleich. Dabei verzichtet das Goethe-Institut – wie schon geschehen – künftig auf die Nennung einer Altersgrenze bei Ausschreibungen. Die Künstlerin erhält eine Aufwandsentschädigung von 300 Euro. Wer die Gerichtskosten trägt, darüber entscheidet das Gericht.

„Ich bin damit zufrieden“ kommentierte Rike Reiniger den Vergleich, ihr komme es darauf an, dass ein Bewusstseinswandel stattfinde, da habe die Klage ja schon etwas bewirkt.

 

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