#MeToo: Über Machtmissbrauch in der Musikszene

Die #metoo-Bewegung hat auch in der Musikszene Fälle von sexuellem Missbrauch aufgedeckt – etwa den des Opernsängers Plácido Domingo oder der Münchner Musikprofessoren Siegfried Mauser und Hans-Jürgen von Bose. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagen die „Harfenduo“-Musiker*innen Laura Oetzel und Daniel Mattelé, die sich dafür engagieren, die Hintergründe dieses Machtmissbrauchs aufzudecken und Betroffene von Übergriffen zu unterstützen.

Im Interview gewähren die beiden Einblicke in die hierarchische Struktur und prekäre Ausbildungs- und Arbeitswelt der Musikbranche, die diesen Machtmissbrauch ermöglichen.

kuk | Seit 2018 berichtet ihr auf eurem „Harfenduo“-Blog unter #metoo über Machtmissbrauch in der Musikszene. Was war der Auslöser für euer Engagement?

Daniel Mattelé | Wir haben zufällig aus der Zeitung vom Fall Mauser erfahren. Ich habe selbst in München studiert, während Siegfried Mauser dort Musikhochschul-Präsident war, habe aber von den Vorfällen überhaupt nichts mitbekommen. Das hat mir zu denken gegeben. Wir haben uns dann dazu entschlossen, auf unserem Blog darüber zu berichten.

Siegfried Mauser wurde 2018 wegen sexueller Nötigung zu einer Haftstrafe verurteilt. Warum hat euch der Fall so betroffen gemacht?

Daniel Mattelé | Wenn man sich einmal mit der Thematik beschäftigt hat, kann man nicht mehr wegsehen. Sexuelle Übergriffe und physische Gewalt sind nur die Spitze des Eisbergs – Machtmissbrauch fängt viel früher an, das haben wir auch selbst erfahren. Wenn man noch einmal über verschiedene Erlebnisse im Studium nachdenkt, dann bewertet man manches anders.

Laura Oetzel und Daniel Mattelé sind das „Harfenduo“. Foto: Franca Wohlt

Welche Erlebnisse im Studium waren das?

Laura Oetzel | Wir hatten während unseres Studiums größtenteils sehr nette Lehrkräfte – die gibt es nämlich auch! Doch ich weiß von mehreren meiner Kommiliton*innen, die Gewalt erlebt haben und einigen, die ihre Traumata nur mit therapeutischer Hilfe überwinden konnten. In einem Gastbeitrag für den Bad Blog of Musick haben wir Geschichten gesammelt und in anonymisierter Form veröffentlicht. Eine Professorin demotivierte und demütigte Studierende z. B. mit Kommentaren wie: „Du spielst wie Müll“ oder: „Ist dein Vater eigentlich Alkoholiker? Das würde erklären, wie du spielst.“ Oder ein Student sollte sich in die Hochschule einschließen lassen, um die ganze Nacht lang für die Probe am nächsten Tag zu üben. Andere Lehrkräfte haben ihre Schüler*innen gegängelt, indem sie etwa verlangten, dass sie zehn Minuten vor jedem Auftritt einen Schokoriegel essen oder während des Studiums keine Beziehung führen. Oder Professor*innen nahmen sich Sonderrechte heraus, kamen etwa nicht zu den Konzerten ihrer eigenen Klasse.

Daniel Mattelé | Viele Lehrkräfte sind sich ihrer Machtposition nicht bewusst, nutzen sie aber aus, um missliebige Hochschulregeln zu umgehen und drängen damit Studierende in starke Abhängigkeiten. Zwei Beispiele: Manche Lehrkräfte prüfen nicht nach der geltenden Prüfungsordnung, sondern ändern die Anforderungen nach ihrem Gutdünken. Oder sie unterrichten nur einmal im Monat, obwohl die Studierenden Anspruch auf wöchentlichen Unterricht haben.

Was begünstigt hierarchische und einschüchternden Strukturen in Musikhochschulen, was unterscheidet sie von anderen Hochschulen?

Laura Oetzel | Im „normalen“ akademischen System haben Professor*innen eine lange Ausbildung durchlaufen. Bis zur Habilitation steigt der Anteil an Verantwortung und Lehre langsam an. Unsere Professor*innen sind auch hervorragend ausgebildet – aber eben „nur“ auf künstlerischer Ebene. Eine pädagogische Ausbildung wird nicht vorausgesetzt. Auch der Einzelunterricht, der bei uns üblich ist und den wir sehr schätzen, kann zum Problem werden. Diese sehr intime und direkte Art zu unterrichten wird von den Hochschulen zu wenig kontrolliert.

Was macht diese besondere Art der Ausbildung mit Studierenden?

Daniel Mattelé | Unter den Studierenden ist die Einzelkämpfer-Mentalität sehr verbreitet, weil wir einen enormen Konkurrenzdruck haben. Auch bei der studentischen Organisation hinken manche Musikhochschulen anderen Unis hinterher. In diesem Umfeld trauen sich viele Studierende nicht, Vorfälle zu melden.

Wirkt sich das Klima in der Ausbildung auf das spätere Berufsleben als Musiker*in aus?

Laura Oetzel | Wir haben das Gefühl, dass viele Studierende glauben, dass sie, wenn sie diese „harte Schule“ klaglos durchlaufen, besonders gute Karrierechancen hätten. Doch das Gegenteil ist der Fall: Wir kennen eine ganze Reihe von Musiker*innen, die aufgrund traumatischer Erlebnisse im Studium ihren Beruf nur erschwert ausüben können.

Daniel Mattelé | Unsere Hochschulen legen immer noch den Schwerpunkt der Ausbildung auf die Orchesterlaufbahn in Festanstellung und die Solist*innenkarriere. Doch erst 2017 wurde in einer Studie festgestellt, dass etwa acht von zehn Absolvent*innen keine feste Orchesterstelle finden und frei arbeiten.

Ihr beide arbeitet freiberuflich, konzertiert als „Harfenduo“, aber verdient euren Lebensunterhalt auch als Honorarkraft in der Musikschule und als Aushilfe im Orchester. Ist die Arbeitswelt hier auch hierarchisch strukturiert und einschüchternd für die dort Arbeitenden?

Laura Oetzel | Aus dem Studium sind wir Musiker*innen starke Hierarchien gewöhnt. Wir haben gelernt, dass man Kritik besser nicht äußert und stellen deshalb prekäre Arbeitsverhältnisse wie Honorarverträge an Musikschulen selten in Frage. Wir sind also oft weder fachlich noch menschlich auf diese Arbeitswelt vorbereitet. Für unsere Harfenduo-Konzerte brauchen wir beispielsweise viele „Softskills“ wie Management und Buchhaltung. Das spielte in unserem Studium noch keine Rolle.

Daniel Mattelé | Als Orchesteraushilfe erlebe ich oft, wie wichtig den Musiker*innen ihr Status ist. Wenn ich zum ersten Mal in einem Orchester arbeite und den festangestellten Kolleg*innen gefällt, wie ich spiele, fragen sie sofort, in welchem Orchester ich denn angestellt sei. Sie sind dann ganz überrascht, dass ich Freiberufler bin. In den Köpfen vieler ist es fest verankert, dass Menschen ohne feste Stellen auch keine guten Musiker*innen sein können.

Wie versucht ihr, Betroffene von Übergriffen und Machtmissbrauch zu erreichen?

Daniel Mattelé | Zu Beginn unserer Arbeit haben wir einen #metoo-Aufruf auf unserem Blog gestartet. Der Rücklauf war leider sehr bescheiden, und die wenigen, die sich bei uns gemeldet haben, haben einer Veröffentlichung ihrer Geschichte nicht zugestimmt – noch nicht einmal anonymisiert. Im starken Kontrast dazu erzählen uns Musiker*innen, die wir persönlich ansprechen, sofort etwas aus ihren Karrieren. Wir können daraus nur schließen, dass die Dunkelziffer sehr hoch ist und die meisten sich nicht trauen, darüber öffentlich zu sprechen. Eine Ausnahme ist die Sängerin Maria Collien: Sie war die Nebenklägerin im Prozess gegen Siegfried Mauser, der sie in seinem Büro dreimal sexuell bedrängte, als sie sich um einen Lehrauftrag bewarb. Unsere Blogartikel zu Maria Collien werden hoffentlich andere Betroffene inspirieren, für ihre Rechte einzutreten!

Laura Oetzel | Nach wie vor gilt unser Angebot an Musiker*innen: Wenn ihr eine Geschichte zu erzählen habt, kontaktiert uns gerne! Wir sprechen mit euch und können – falls ihr das wollt – auch etwas dazu auf unserem Blog veröffentlichen. Wir versuchen, für das Thema zu sensibilisieren, wo wir können. Wir führen viele private Gespräche mit anderen Musiker*innen, die sich mit uns vernetzen möchten. Kürzlich haben wir mit dem AStA einer deutschen Musikhochschule eine Diskussionsrunde gemacht. Das würden wir gerne ausbauen, denn wenn die kommende Generation von Musiker*innen die Strukturen nicht mehr so akzeptieren möchte, hätten wir viel erreicht.

Was könnte Betroffenen von Machtmissbrauch helfen? Gibt es schon gute Beispiele? Was fehlt?

Daniel Mattelé | In Hamburg haben sich Studierende zu einem „Awareness-Team“ zusammengeschlossen, um gegen Machtmissbrauch und Diskriminierung zu protestieren. Inzwischen sind sie eine offizielle Arbeitsgruppe des Gleichstellungsbüros und veranstalten Vorträge. Das ist eine tolle Initiative, davon bräuchten wir mehr!

Laura Oetzel | Ein anderes gutes Beispiel ist, dass immer mehr Honorarkräfte an Musikschulen gegen ungerechte Arbeitsbedingungen protestieren. Es ist nur schade, dass überall Grundlagenarbeit getan werden muss; die Engagierten vor Ort stehen meist zu Beginn allein da. Das liegt auch daran, dass gewerkschaftliche Organisation unter Musiker*innen leider wenig verbreitet ist – mit Ausnahme der Deutschen Orchestervereinigung DOV, die 90 Prozent der Musiker*innen in Orchestern und Rundfunkchören organisiert. Es müssen mehr Möglichkeiten geschaffen werden, Kritik sicher zu äußern. Das fängt bei den Hochschulen an: Sie haben eine besondere Verantwortung, ihre eigene Lehre genauer zu begutachten und zu kontrollieren.

Daniel Mattelé | Ein Weg dazu wäre eine umfassende Studie zum Thema Machtmissbrauch an Musikhochschulen. Wir wissen nämlich auch nicht, wie groß das Problem wirklich ist, weil wir nur einzelne Geschichten zu hören bekommen. Wichtig wäre, dass eine solche Studie von einer externen, unabhängigen Einrichtung durchgeführt wird. Das würden wir sehr begrüßen!

Was wünscht ihr euch für die Musikszene – in Ausbildung und Arbeitswelt?

Laura Oetzel | Wir wünschen uns, dass über das Thema Machtmissbrauch endlich offen gesprochen wird. Wir müssen solidarisch sein mit denen, die von sexueller, physischer oder psychischer Gewalt betroffen sind. Unsere Studierenden müssen sich stärker politisch engagieren; unsere Lehrkräfte müssen sich pädagogisch fortbilden; unsere Institutionen müssen das Thema ganz oben auf ihre Agenda setzen. Die klassischen Musiker*innen müssen endlich aufwachen! Es hilft nichts, die Augen zu verschließen und üben zu gehen.

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