Lauter Lichtblicke: Zum 30. Jubiläum des VS Brandenburg

Licht und Schatten an diesem Abend auf dem Kleist-Museum in Frankfurt/Oder, das neben dem historischen Gebäude 2013 einen modernen Erweiterungsbau erhielt. Foto: neh

Ein wetterwendiger Tag, dieser 27. Mai 2021. Doch zu Lesungsbeginn strahlte Abendsonne in den Foyersaal des Kleist-Museums in Frankfurt/Oder. Dreißig angemeldete Gäste durften leibhaftig teilnehmen an dieser ersten Veranstaltung nach langer Schließung: der nachgeholten Feier zum 30. Jubiläum des brandenburgischen Landesverbands des VS. Dabei vorgestellt wurde die gerade erschienene Anthologie „Hier ist herrlich arbeiten. Begegnungen mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus Brandenburg“.

Nur kurz erläuterte Carmen Winter, die Vorsitzende des Brandenburger Verbandes der Schriftstellerinnen und Schriftsteller, das Programm des Abends und die Konzeption des Buches: Kolleginnen und Kollegen waren angefragt worden, Beiträge von 30 Zeilen zu dieser Jubiläums-Anthologie, der bereits sechsten des Verbands,  beizusteuern. Man hoffte am Ende auf 30 druckbare Texte – Lyrik und Prosa. Das Vorhaben gelang, auch wenn nun mit 18 Autorinnen und 14 Autoren mehr Literaten im Band vertreten sind, sich aber längst nicht alle an die Längenvorgabe hielten.

Doch, so die Herausgeber im Vorwort, sei wie in einem Mosaik aus ganz unterschiedlichen Texten ein Bild als Momentaufnahme der Vielfalt entstanden. Der schön in Hardcover mit Halbleinen gestaltete Band erhält durch Illustrationen, die in erstmaliger Kooperation mit sechs bildenden Künstler*innen aus Brandenburg entstanden, eine zusätzliche Dimension.

Die Museumvertreterin begrüßt (r.) auf dem Podium: Thomas Bruhn, Rita König, Carmen Winter und Till Sailer (v.l.n.r.) Foto: neh

Die Lesung von Texten übernahmen an diesem denkwürdigen Abend neben der Vorsitzenden die VS-Vorstandsmitglieder Rita König, Till Sailer und Thomas Bruhn. Musikalische Programmpunkte setzte Regine Daniels-Stoll mit Cello-Solo-Stücken von Britten, Bach und Amanti.

Einen Rückblick auf die vergangenen 30 Jahre – der VS Brandenburg wurde exakt am 21. März 1991 gegründet – gab Till Sailer in wenigen Worten und mit seinem Text “Welches Land in welchem Staat?“. Der Autor, einer der noch aktiven Gründungsväter des brandenburgischen Verbandes, erinnerte an die Situation 1990: „Es gab in diesem eiligen Jahr ständig Veränderungen: Der VS, Schriftsteller-Organisation der Bundesrepublik, wollte ohne nähere Prüfung alle Autoren des Ostens per Antrag als Mitglied aufnehmen. Und der DDR-Verband werde, so hieß es, per Briefwahl seine Auflösung zum 31. Dezember beschließen.“ Einen eigenen Landesverband zu gründen, erschien dringlich, da man sonst kein Mitspracherecht besäße…

Rückschau nahmen auch Texte wie „Abschied“ von Carmen Winter oder „Martin macht Musik“ von Ulrike Liedtke. Die amtierende brandenburgische Landtagspräsidentin blickt darin zurück in den Oktober 1989, als ihr Elfjähriger mit anderen Thomanern an Leipziger Montagsdemos teilnahm, sie wenig später in die SDP, den Ostableger der SPD, eintrat und Bauarbeiter ihr in der Sprechstunde als neugewählte Bezirksverordnete zuriefen: Ihr seid jetzt an der Macht, nun macht was draus. Jana Frankes „Wendezeiten“ berichtet von einer Chorsängerin, die nach einer Protestaktion in eben jenem Oktober einige Stunden im Kellergewölbe des Dresdner Polizeipräsidiums festgehalten wird und über die Konsequenzen nachsinnt. Freigelassen, wird sie am Abend in der Semper-Oper zur „Fidelio“-Premiere singen.

Auch Matthias Körners Text „Hottas Welt“, den Thomas Bruhn las, überblickt 30 Jahre. Der Protagonist, ein ehemaliger „schreibender Arbeiter“, sinniert in der örtlichen „Cocktailbar“ mit wechselvoller Geschichte, aber überkommender, funktionstüchtiger Musikbox aus DDR-Zeiten über das Leben: Das Universum drifte immer weiter auseinander, vom Unendlichen ins noch Unendlichere. „Wie soll man da herausfinden, was die Welt im Innersten zusammenhält, verstehste, Susi?“, geht dann die Frage an die ahnungslose Wirtin.

Erläuterungen zum Zwecke des Bewahrens schließlich hat sich Rita Königs Zusammenstellung „Von ABV bis Zuckerrübenernte“ vorgenommen, mit der die Autorin Abkürzungen und Begriffe aus DDR-Zeiten konservieren will für alle, die sie nicht kennengelernt haben. „Ich möchte sie in Texte knüpfen, die vom Leben erzählen. Ohne mich zu rechtfertigen.“

Bei weitem nicht alle Beiträge des Bandes sind historisch angelegt. Vera Kissels Verse „der beigeb“, die bei der Lesung vorgetragen wurden, huldigen etwa der Natur und der Liebe. Auch Ines Gerstmanns Gedicht „siebzehn“, das im Buch direkt folgt, verbindet Natur- und Gesellschaftsbetrachtungen sehr heutiger Art. Gegenwärtig auch die Geschichte „Der Dezimensprung“, in der Klaus Körner die von Musik begleitete Annäherung eines Paares beschreibt. Thomas Bruhn trug sie den Jubiläumsgästen vor.

Vertreter des Verlages für Berlin-Brandenburg, in dem die Anthologie gerade erscheinen ist, konnten bei der Premiere in Frankfurt/Oder leider nicht dabei sein, sie hatten Termine auf der ebenfalls vorsichtig geöffneten Leipziger Buchmesse. Noch so ein Lichtblick.

Foto: neh

Wie auch die wieder zugängliche Sonderausstellung im Kleist-Museum, die durchaus als thematische Erweiterung der Jubiläumslesung gesehen werden könnte: „Günter de Bruyn – Märkische Schreibwelten“ werden hier vorgestellt.

Und an diesem Abend wurden die Besucher, die ein Auge dafür hatten, zudem von einem Regenbogen über der Oder entlassen.


„Hier ist herrlich arbeiten. Begegnungen mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus Brandenburg“, Verlag für Berlin-Brandenburg 2021, 128 Seiten, 18 Euro, ISBN 987-3-96982-007-0

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