Kulturpolitisches Fachforum: Frei und ohne Absicherung?

"Uns steht das Wasser bis zum Hals", "Die Kultur geht baden" und "Die Not der Kunst ist groß" - Mit solchen Transparenten und Spielszenen machten hier in Fürth bereits im Juni 2020 Künstler*innen auf ihre Lage aufmerksam. Foto: Heinz Wraneschitz bildtext.de

Die Hilfsangebote in der Corona-Pandemie haben für viele Künstler*innen, die nach Absage von Konzerten, Aufführungen oder Lesungen plötzlich ohne Einkommen waren, nicht gepasst und gingen an der Lebenswirklichkeit vorbei. Darin waren sich die Teilnehmer*innen der von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) organisierten Diskussion „Frei und ohne Absicherung?“ einig. Unkenntnis und Unwillen, die vielfältigen Beschäftigungsformen in diesem bedeutenden Wirtschaftssektor als Basis der Programme zu nehmen, hätten dazu beigetragen.

Das Kulturpolitische Fachforum der FES mit Organisatorin Franziska Richter hatte die Runde unter den Aspekt gestellt, „was uns die Corona-Zeit offenbart und was zu tun ist“. Moderatorin Birgit Kolkmann griff den bitteren Kommentar der Geigerin Anne-Sophie Mutter auf, die der Politik „Kulturverachtung“ vorwarf und fürchtet, dass junge Leute von einem Weg in die freie Kunstszene abgeschreckt würden.

Für Valentin Döring, der sich bei ver.di um die Kunst und Kultur sowie das Urheberrecht kümmert, handelt es sich weniger um Verachtung, als vielfach um Unkenntnis der komplizierten Beschäftigungslage mit freien Selbstständigen, unständig Beschäftigten und anderen Mischformen. Hinzu käme der Unwille, die geringer werdende Bedeutung des Langzeit-Arbeitsverhältnisses zur Kenntnis zu nehmen. Die Pandemie habe nicht nur die Künstler*innen betroffen, sondern auch viele Solo-Selbstständige im Backstage-Bereich wie etwa Veranstaltungstechniker*innen, die genauso ohne Aufträge da standen.

Arbeiten im Autorinnen-Hotel

Der Jazzmusiker Axel Müller hat in der Corona-Zeit den „Pro Musik-Verband“ gegründet, in dem freischaffende Musiker*innen vereint sind, um in der Politik mehr Gehör zu finden, da die Hilfsmaßnahmen „an der Lebenswirklichkeit freier Musiker*innen vorbei“ konzipiert seien. Laut Delphine de Stoutz, Schriftstellerin, Vorstandsmitglied des Netzwerks der Freien Literaturszene Berlin (NFLB) und Mitbegründerin des Netzwerks französischsprachiger Autorinnen in Berlin, griffen die Autorinnen zur Selbsthilfe. Sie waren nicht nur davon betroffen, dass durch den Wegfall von Lesungen gut Zweidrittel ihrer Einnahmen wegbrachen, sondern konnten zuhause nicht mehr arbeiten, da Homeschooling  ihre Arbeits-Freiräume beschnitt und der größte Teil der Familienarbeit an den Frauen hängenblieb. Die Literatinnen gründeten ein „Autorinnen-Hotel“, in dem Schriftstellerinnen mit finanzieller Unterstützung einen Monat lang in Ruhe schreiben konnten.

Die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Merkel, Präsidentin des Chorverbands Berlin und Vizepräsidentin des Deutschen Chorverbands, betonte als „Vertreterin der Amateurchöre“: die Sperre für Vereine, sei es in der Musik oder im Sport, gefährde den „sozialen Kitt der Gesellschaft“. Sie schilderte aber auch die schlechte Situation der professionellen Leiter*innen dieser Amateurchöre, die meist mehrere solche Posten und die Einnahmen aus den Konzerten für ihr wirtschaftliches Überleben brauchten.

Ein Bundes-Kultusministerium?

Die SPD-Politikerin Ulla Schmidt, frühere Gesundheitsministerin und im Bundestagsausschuss für Kultur und Medien aktiv, betonte die Schwierigkeit, Finanzhilfen für Künstler*innen durch den Bund zu gestalten, weil die Ausführung in den Händen der 16 Bundesländer liege. Begrüßenswert sei daher ein Bundeskulturministerium, das von der CDU/CSU aber abgelehnt werde. Die Einrichtung eines solchen zentralen Ministeriums wurde von den meisten Diskussionsteilnehmer*innen durchaus als Ziel unterstützt. Bei einer Arbeitslosen-Pflichtversicherung für Künstler*innen zum Beispiel als vierte Säule in der Künstlersozialkasse (KSK) gingen die Meinungen dagegen auseinander. Künstler*innen seien nicht arbeitslos, sondern in schlechten Situationen ohne Honorare. Hier gehe es eher um Beschäftigungssicherung wie in Frankreich für die „Intermittents“, die sogenannten Unständig Beschäftigten. Auf deren schwierige Lage hat auch der mit ver.di kooperierende Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS) vielfach hingewiesen. Für sie soll, so Schmidt, die Berechnungsgrundlage unbedingt von Tagen auf Monate umgestellt werden.

Auf die Frage Kolkmanns, ob dem deutschen Solidarsystem „Beine gemacht“ werden müssten, damit Missstände, die auch schon vor Corona klar waren, nun endlich angepackt würden, wies Döring darauf hin, dass ver.di ein umfassendes Solidarsystem fordere, in das auch Beamte und wirtschaftlich gesicherte Selbstständige einzahlen. Die Idee, an die KSK anzuknüpfen, sei zwar gut, aber die KSK komme aus einer Zeit, als es nur wenige selbstständige Künstler*innen und Publizist*innen abzusichern galt. Seither sei die Solo-Selbstständigkeit in vielen kunstnahen, aber auch -fernen Branchen stark ausgeweitet worden.

Wahlergebnis entscheidet

Dass die Förderungen viel zu langsam umgesetzt worden seien, kritisierte Müller. Im November war die Rede von der Neustarthilfe für Selbstständige, erst jetzt könne man sich registrieren lassen. Viele Freie hätten ihre gesamten Rücklagen verbrauchen müssen. Schmidt riet dringend, „jeder, der was vorhat, soll sich sofort registrieren lassen“. Kosten könnten von Registrierten auch im Nachhinein beantragt werden, alle Fonds würden zurzeit aufgefüllt.

Döring wünschte sich für die Zukunft, dass Solo-Selbstständige nicht wie große Unternehmen behandelt werden und einzelne Künstler*innen, die sich über Gagen austauschten, dadurch in Kartellverdacht gerieten. Zur Zukunft der sozialen Absicherung der Künstler*innen meinte er: „Es wird viel davon abhängen, welche Regierung wir im Herbst bekommen.“

 

 

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