Kultur-Fallschirm nicht als reine Luftnummer

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In Zeiten, in denen Künstler*innen sich und ihre Arbeit nicht mehr vor einem Live-Publikum präsentieren können, hält das Internet die Möglichkeit bereit, wenigstens Streamingangebote zu machen. Sie werden von vielen, die zu Hause sitzen müssen, gern angenommen. Die Bezahlung der Künstler*innen für digitale Auftritte bleibt aber meist aus. Der „Club Quarantäne“ schafft stattdessen eine Bühne nicht nur mit leeren Worten.

Ausgesprochen viele Künstler*innen sind aktuell digital unterwegs, mit erstaunlich viel Publikum. Finanziell sind die Kreativen trotzdem auf staatliche Unterstützung angewiesen. Reichen in einigen Bundesländen die Soforthilfen für Kulturschaffende schon nach kürzester Zeit nicht mehr aus bzw. sind sie nicht auf die Besonderheiten künstlerischer Berufstätigkeiten zugeschnitten, zeigt sich gleichzeitig die Politik hellauf begeistert von Kultur-Streamingangeboten. Die Bereitschaft der Kunstschaffenden, sich auf diese Weise zu präsentieren, macht schließlich der Bevölkerung das Kontaktverbot erträglicher.

Sonntagsreden ohne Ansteckungsgefahr

 Einige Landes-Kulturministerien haben mittlerweile eigene digitale Plattformen eingerichtet, auf die das Publikum von zu Hause aus zugreifen kann. „Mit #KulturBB gegen Corona“ titelt etwa die Plattform „Digitale Kultur in Brandenburg“ und ruft Akteure dazu auf, diesen virtuellen „Marktplatz“ mit Angeboten zu füllen. Und er füllt sich tatsächlich. Viele staatlich geförderte Kulturinstitutionen des Landes Brandenburg sind dem Aufruf bereits gefolgt. Auch einzelne Freie Künstler*innen beteiligen sich. Vom Ministerium heißt es: Der Vorteil: Kulturschaffende können ihre digitalen Formate auf einem zentralen Portal präsentieren, die Nutzer können gezielt ihr Kulturprogramm auswählen – ohne Ansteckungsgefahr“. Begeistert äußert sich auch die Baden-Württembergische Kulturstaatssekretärin Petra Olschowski: „Ich bin beeindruckt, was für einen Ideenreichtum und was für ein großes Engagement die Kultureinrichtungen unseres Landes an den Tag legen, um ihre Angebote weiterhin für die Menschen bereitzustellen und auch in der jetzigen Zeit verfügbar zu machen. Kreativ, bunt und vielfältig. Glücklicherweise geht Kultur auch digital! Gerade in diesen Tagen zeigt sich, wie sehr wir das gemeinsame Kunst-Erleben vermissen, ja, was für einen enormen Stellenwert Kunst und Kultur in unserer Gesellschaft einnehmen.“ Doch soll mit solchen Angeboten im Ernst auch den Künstler*innen geholfen sein? Um wessen „Vorteil“ geht es hier eigentlich?

Kunst als Ehrenamt?

So positiv virtuelle Kulturangebote als Alternative zu Echtzeit-Veranstaltungen sein mögen – die Bezahlung der Künstler*innen für die digitalen Angebote bleibt meist völlig unerwähnt. Das mag für staatlich geförderte Kulturinstitutionen weniger problematisch sein, sofern sie ohnehin ausfinanziert sind, doch was ist mit den vielen Freien  Künstler*innen? Hat die Politik vergessen, dass sehr viele eben nicht an irgendwelchen Kulturinstitutionen fest angestellt sind und ihr Gehalt regelmäßig weiter beziehen, sondern gerade Hartz IV beantragen müssen? Kunst für Freie als Ehrenamt? Das ist erschreckend naiv oder –  noch schlimmer – einfach nur ignorant. Dabei gibt es durchaus Möglichkeiten, über Ticket-Anbieter auch Streams zu verkaufen. Oder ist das erwartete Engagement der Freien Künstler*innen etwa als eine Art Gegenleistung für die Grundsicherung oder für staatliche Soforthilfen gedacht, sofern sie von den Kulturschaffenden überhaupt in Anspruch genommen werden können?

Natürlich sollen Kunst und Kultur auch in Krisenzeiten sinnstiftend wirken und die Gesellschaft zusammenhalten. Doch über Möglichkeiten einer Entlohnung macht man sich auf politischer Ebene keinen Kopf – wieder mal! Und das, obwohl es eine Gruppe arbeitender Menschen betrifft, deren schon vor der Coronakrise meist sehr geringes Einkommen mittlerweile dem letzten Politiker bekannt sein dürfte.

Es geht auch anders

Dass und wie es mit der Wertschätzung auch anders gehen kann, zeigt die private Initiative „Club Quarantäne e.V.“. Der Club ist eine Non-Profit-Organisation und ein Sofort-Hilfe-Projekt, das Künstler*innen während der Corona-Krise unterstützt und ihnen eine Online-Plattform bietet, die vorübergehend als virtueller Ausstellungsraum oder Bühne fungieren soll.

Der in Berlin lebende multidisziplinäre Künstler Monty Richthofen und Kristina Jahreis, Teil des Kunstkollektivs „Sachsentrance“, haben den Verein gegründet, nachdem ihnen selbst und ihrem Freundeskreis mehr und mehr Einnahmen wegbrachen. Sie versuchen damit, betroffenen Künstler*innen schnell und unbürokratisch Hilfe zu leisten, wollen aber auch zeigen, dass die Thematik der Krise auch aus anderen Perspektiven gesehen werden kann: Viermal wöchentlich soll über die Online-Plattform von „Club Quarantäne“ eine Künstler*in aus den Bereichen Film, Musik, bildende Kunst oder Literatur mit seiner/ihrer Arbeit vorgestellt und dafür mit 500 € unterstützt werden, der Betrag wird direkt an die Künstler*innen ausgezahlt. Bewerben können sich Künstler*innen aller Kunstsparten mit einem Online-Exposé, in dem sie sich und ihre Arbeit vorstellen. Einzige Bedingung ist, dass ihr Wohnort in Deutschland liegt. Eine aus Künstler*innen verschiedener Sparten und verschiedener Generationen zusammengesetzte Jury wählt nach den Kriterien „Aktualitätsbezug“ und „Kontext“ diejenigen Arbeiten aus, die tatsächlich vorgestellt werden, erläutert Jahreis.

Kristina Jahreis macht Kunst in Corona-Zeiten praktikabel.
Foto: Club Quarantäne

Am Ende des Projekts, nach der Auflösung des Versammlungsverbots, wollen die Initiator*innen ein Festival veranstalten, bei dem eine Auswahl der vorgestellten Arbeiten präsentiert wird. Mit diesem Projekt möchten Monty Richthofen und Kristina Jahreis in Zeiten, in denen auch die Kultur in Quarantäne gehen muss, einen Kultur-Fallschirm bieten, der möglichst viele Künstler*innen unterstützt und Kultur erhält, indem ihr ein neuer Raum gegeben wird. Kuratorisch wird der „Club Quarantäne“ von Brigitte Woischnik unterstützt.

Die Kunstfachgruppen in ver.di halten das für eine gute Sache. „Club Quarantäne“ behält ein würdevolles künstlerisches Arbeiten im Blick und betrachtet die 500 € differenziert als „Anerkennung“ und keineswegs als „angemessenes Honorar“. Hieran könnte sich auch die Politik orientieren, statt die bereits in Vor-Corona-Zeiten verbreitete doppelzüngige Strategie der scheinbaren Wertschätzung von Kunst und Kultur bei gleichzeitigem Nulltarif zu propagieren. Die „AG Kunst und Kultur“ von ver.di wird das Projekt „Club Quarantäne“ mit unterstützen, damit Künstler*innen mit Wertschätzung vorgestellt werden können. − Ein kleines Zeichen der Solidarität, nicht mehr und nicht weniger.

Ideenreich und innovativ durch die Krise

Fragen an Monty Richthofen, Mitinitiator des „Clubs Quarantäne“

kuk: Welche Resonanz auf das Projekt gibt es bisher? Und können noch weiter Bewerbungen abgegeben werden?

Monty Richthofen: Es gibt inzwischen schon etwa 80 Bewerbungen aus allen Bereichen, die meisten aus der Bildenden und Angewandten Kunst. Aber auch Literatur und Film sind gut vertreten, so dass wir unseren Plan umsetzen können, jede Woche aus jedem Bereich einen Beitrag online zu stellen – also wöchentlich vier. Und ja, es dürfen gern noch weitere Angebote kommen. Wir werden bis zum Ende der harten Einschränkungen, also bis zum 3. Mai, das Bewerbungsportal auf unserer Webseite offenhalten. Dort ist sehr übersichtlich erklärt, wie das läuft.

Korrekt mit Maske: Monty Richthofen
Foto: Club Quarantäne

Und wovon lässt sich die Jury bei der Auswahl leiten?

Ganz klar von Qualitätskriterien. Es geht uns aber auch darum, eine gewisse Ausgeglichenheit der Kunstsparten, eine Balance zwischen den Geschlechtern zu haben und einen Querschnitt durch die Bevölkerung, indem junge und ältere sowie Künstler*innen mit Migrationshintergrund vorkommen. Inhaltlicher Schwerpunkt ist natürlich die Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Corona-Krisensituation. Wir suchen innovative und interaktive Ideen, aber auch persönliche Sichten und Erfahrungen auf und mit dem momentanen Krisen-Modus.

Am Ende soll ein ganzes Festival stehen?

Zunächst ein Online-Festival, wo wir alle gezeigten Beiträge und ihre Macher*innen vereinen. Erst wenn sicher ist, dass das Versammlungsverbot aufgehoben ist, soll es auch noch ein „echtes“ Treffen geben. Wie das genau aussehen soll, darüber denken wir konkret nach, wenn es soweit ist und wenn wir wissen, wieviel Geld wir dafür zur Verfügung haben werden.

Es kann weiter gespendet werden?

Unbedingt. Wir haben ein Crowdfunding eingerichtet. Unsere Töpfe sind inzwischen aber mit Spenden so weit gefüllt, dass wir auf jeden Fall 16 oder 20 Künstler*innen vorstellen und unterstützen können.

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