Kreativität in Zeiten der Pandemie: Verdammt wichtig!

Screenshot: www.rosalux.de

Theatern und Kunstschaffenden steht das „Wasser bis zum Hals“, schrieben 23 Schauspieldirektoren und Intendanten an die Bundeskanzlerin. Die Sorge um das Fortbestehen kulturellen Lebens ist gerade in Berlin groß, das als Kulturstadt par excellence Touristen aus aller Welt anzieht. Die Forderungen an die Politik sind hoch. Was aber können Theaterleute selbst tun? Die Frage stand am 23. Juni 2020 per Livestream.

 Wie kreativ sind Theater in Zeiten der Pandemie? Darüber diskutierten aus dem Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlins Kultursenator Dr. Klaus Lederer, Dr. Christiane Theobald vom Staatsballett Berlin und Florian Stiehler vom Kinder- und Jugendtheater an der Parkaue, moderiert von der Kulturwissenschaftlerin und langjährigen ver.di-Fachsekretärin Sabine Schöneburg.

Geschlossene Häuser, keine Aufführungen, keine Ticketverkäufe, keine Zuschauer, die Pandemie trifft alle, wenn auch mit unterschiedlicher Intensität. In Einrichtungen wie der Stiftung Oper mit einem vorbildlichen Covid-19-Tarifvertrag sei die Not weniger groß als in der freien Szene, so Kultursenator Klaus Lederer. „Doch alle Einrichtungen schauen, was sie tun können. Künstlerinnen und Künstler versuchen, aus der Situation das Beste zu machen – mit Streaming, Aufführungen aus dem Archiv oder Freiluftveranstaltungen.“

Christiane Theobald, nach dem Scheiden von Intendantin Sasha Waltz kommissarische Intendantin des Staatsballetts, will nicht von Krise, sondern von Herausforderung reden. „Wir sind doch flexibel.“ Ihren 91 Tänzerinnen und Tänzern aus 30 Nationen will sie Sicherheit vermitteln. „Wir sind mental miteinander verbunden.“ Schon zu Beginn des Lockdowns mietete sie einen Caddy und ließ jeder und jedem ein Stück Tanzboden nach Hause liefern. Trainiert wurde digital, denn körperliche Fitness ist in der kurzen Tanzkarriere ausschlaggebend. Inzwischen kommen alle 91 wieder zu einer täglichen Trainingseinheit ins Haus, zu versetzte Zeiten, jeweils wenige auf 6 Meter Abstand. Schwierig, aber wichtig, denn: „Zuhause kann man nicht springen.“

Von einem Tag auf den anderen war Mitte März sein Haus zu, erinnert sich Florian Stiehler, geschäftsführender Direktor und kommissarischer Intendant des Kinder- und Jugendtheaters an der Parkaue. Als „nicht systemrelevant“ zu gelten, sei eine schmerzliche Erfahrung gewesen. Doch die erste Aufführung von Maria Stuart am 6. Juni mit 50 Zuschauenden im gebotenen Abstand habe die Sehnsucht offenbart: Endlich wieder Theater in Berlin! Und die Überzeugung vermittelt: „Wir sind verdammt wichtig!“

Coming out aus der Pandemie

Ja, wir sind systemrelevant, ist Theobald überzeugt, aber „wir müssen es zeigen, alle müssen es merken.“ Den Tanzenden eine Aufgabe zu geben sei gelungen. LAB_WORKS COVID_19 wird am 3. September in der Komischen Oper uraufgeführt. Diese in der Isolation entstandenen Choreografien von neun Tänzerinnen und Tänzern seien ein „Comingout aus der Pandemie – egal wie viele Menschen dann im Zuschauerraum sitzen“.

Auch die Solidarität von Ensembles untereinander ist ein Faustpfand zur Krisenbewältigung. So bietet das Staatsballett dem Ballett des Friedrichstadtpalastes – der momentan renoviert wird und bis zum Jahresende geschlossen bleibt – Trainingsmöglichkeiten in der Oper. „Wir müssen was zusammen machen.“

Deshalb auch hat Theobald die Gala „From Berlin with Love“ zusammengestellt. In der Deutschen Oper und der Staatsoper werden verschiedene Programme gezeigt mit Ausschnitten aus Klassikern wie dem Adagio aus „Schwanensee“ oder dem Tanz der beiden Solo-Wilis aus „Giselle“.

Den Kontakt zu den jungen Leuten und die Jugendspielclubs am Leben zu halten – daran arbeite sein Team die ganze Zeit, berichtet Stiehler aus dem Theater an der Parkaue. Zwei Jahre voraus zu planen wie sonst, sei jetzt unmöglich. Deshalb werden für die kommende Spielzeit neue Formate entwickelt: Szenisches Spiel auf dem Schulhof und in der Aula, Theater on demand, das Lehrkräfte anfordern können. „Wir sind gezwungen, Arbeitsprozesse zu verändern. Das ist eine Chance. Wir werden flexibler, schneller und sind gespannt, wie das laufen wird.“ Die Nachfrage sei da.

 Hunger nach Kultur

Performative Kunst mit Schauspiel und Gesang habe es hart getroffen. Sie sei als epidemologisch besonders gefährlich zu betrachten und müsste sich länger an Einschränkungen halten, schätzte Lederer ein. Deshalb sei es wichtig, an bereits bestehende Erfahrungen anzuknüpfen – gerade in puncto kulturelle Bildungsteilhabe. Fehlende Kulturangebote für die Schulen beispielsweise würden die schwierige soziale Balance weiter verschärfen.

„Der Wunsch nach analogen Begegnungen ist groß, es gibt einen Hunger danach,“ bekräftigte Stiehler. Wir entwickeln Formate mit Abstand und lernen aus der Pandemie, was möglich ist. Es gäbe dafür aus allen Kinder- und Jugendtheatern tolle Ideen. „Die Schnittstelle von Kultur und Bildung bringt kreative Früchte hervor.“

Die Bühne an der Parkaue in der kommenden Spielzeit für Partizipation zu öffnen, freie Gruppen – nicht nur aus Lichtenberg – inszenieren zu lassen, unterschiedliche Angebote mit Künstlern und der Stadtgesellschaft zu entwickeln, sind Stiehlers Vorstellungen. Ein Quereinstgeigerchor ist denkbar, ein Seniorenballett… „Wir überlegen, wen wir einladen, hoffen auf Öffnung und dass wir das hinkriegen.“

Spielzeitpause verschärft soziales Dilemma

Aussetzen zählt in einer kurzen Tanzkarriere zehnfach, Schutzklauseln im Tarifvertrag zum Ausscheiden nach 15 bzw. 19 Jahren sollten jetzt ausgesetzt bzw. überprüft werden, regte Moderatorin Schöneburg als ehemalige ver.di-Tarifsekretärin an.

Soziale Absicherung werde ständig diskutiert, versicherte Senator Lederer, dem von den Diskutanten „großartiger Einsatz“ für die Kultur in der Stadt bescheinigt wurde. Jetzt sei gelungen, dass freien Kulturschaffenden an den Häusern Ausfallhonorare gezahlt werden. Aber viele Bereiche – nicht nur der kulturelle – seien sehr belastet, vor allem, weil sie keine Tarifverträge hätten. „Private Betriebe haben keinerlei Absicherung.“

Ein Programm wie das vom März, das Soloselbstständige für drei Monate über Wasser hielt, sei von Berlin nicht mehr zu leisten. Umso dringender sei, auf die Kulturstaatsministerin und die Bundespolitik weiter einzuwirken, um die Bundeshilfen so zu öffnen, dass sie für Lebenshaltungskosten verwendet werden dürfen.

Besondere Sorgen machen die Clubs, denen alle Einnahmen weggebrochen sind und die noch Monate geschlossen bleiben werden. Für sie müssten Überwindungshilfen kommen. Ziel sei, die freie Szene nicht der Katastrophe preiszugeben. „Corona darf sie nicht sterben lassen. Ansonsten ist Berlin nicht mehr Berlin.“ Man arbeite an Möglichkeiten, damit diese Kulturszene ohne Existenzängste arbeiten kann. Aber, so Lederer, mehr könne er derzeit nicht verraten. (Inzwischen ist ein neues 1,8-Mrd.-Euro-Hilfspaket vom Bund und aus dem Berliner Landesetat für Wirtschaft, Kultur, Tourismus und Kongressveranstalter auf den Weg gebracht – die Red.)

 Über den Tellerrand hinausschauen

Einig waren sich die Diskutanten, dass die Krise nicht nur eine Herausforderung ist, sondern große Chancen für Solidarität bietet. Das habe sich schon erwiesen und werde bei der langsamen Rückkehr in den Alltag weiter nötig sein. „Es ist gut, über den eigenen Tellerrand zu schauen,“ meinte Stiehler. „Wie geht es den Nachbarn, was machen die, was brauchen die?“ Es wird weniger Geld da sein – wie wird das verteilt? Darauf sei zu schauen. „Ich hoffe“, so Stiehler, „dass wir das in unserer Gesellschaft schaffen.“

Link zum Livestream

Die jungen Ensembes des Friedrichstadtpalastes senden einen Feriengruß

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