Jedes Objekt eine Zukunftsmaschine

Jeden Sonntag um 14.30 Uhr bietet das Museum für Antike Schiffahrt in Mainz Führungen zu wechselnden Themen an. (Foto: RGZM / N. Hanssen)

Gerade hatten die acht Forschungsmuseen der Leibniz- Gemeinschaft Ende Oktober die Auftaktveranstaltung zu ihrem Aktionsplan „Eine Welt in Bewegung“ auf Youtube hinter sich gebracht, da war es mit publikumswirksamen Aktionen in den Museen durch den neuern Lockdown erst mal vorbei. Mobilität und Migration sollen – analog und digital – im Mittelpunkt des geplanten zweijährigen Dialogs von Wissenschaft und Gesellschaft stehen.

Die acht Leibniz-Forschungsmuseen, denen jeweils Leibniz-Forschungsinstitute angegliedert sind, sollen im Rahmen dieses Aktionsplans mit Unterstützung des Bunds und der Länder „Menschen aller Altersklassen, verschiedener Herkunft und mit diversem Bildungshintergrund“ ansprechen. Die Museen selbst kommen aus verschiedenen Sammel- und Wissensgebieten: Zu den Leibniz-Forschungsmuseen gehören technisch ausgerichtete Häuser wie das Deutsche Museum in München, das Bergbau-Museum in Bochum oder das Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven. Naturkundliche Sammlungen wie das Museum in Berlin, das Zoologische Forschungsmuseum Alexander König in Bonn und die Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung mit ihren drei Standorten in Frankfurt am Main, Görlitz und Dresden zählen ebenso dazu wie das kulturhistorisch ausgerichtete Germanische Nationalmuseum in Nürnberg und das Römisch-Germanische Zentralmuseum in Mainz mit seinem archäologischen Schwerpunkt.

Zukunftsorientierte Dialogplattformen

Die Forschungsmuseen „wollen sich stärker als bisher als vertrauenswürdige Plattformen für einen demokratischen Dialog positionieren“, erklärte Volker Moosbrugger von der Senckenberg-Gesellschaft, gerade in einer Zeit, in der Fakten und Institutionen angezweifelt würden. Die „Welt in Bewegung“ als Motto des Aktionsplans ist dabei nicht nur geographisch gemeint, wie die Zusammenarbeit des Naturkunde-Museums in Berlin mit der Jugendbewegung „Fridays for Future“ zeigt. Hier sind die Teilnehmer*innen bereits seit etlicher Zeit nach den Freitagsdemonstrationen eingeladen, sich in den Museumsräumen mit Wissenschaftler*innen auszutauschen.

Die Vielzahl der im Aktionsplan vertretenen Forschungsrichtungen unterstrich Alexandra Busch vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, denn die vielfältigen Herausforderungen des Anthropozäns, des Zeitalters des Menschen, seien nicht mit nur einer Wissenschaft zu lösen, sondern immer nur im Wissensverbund. Diese Bündelung von Energien sei auch notwendig um eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. Dabei könne man auch, wie sie es in Mainz gezeigt hat, mit spielerischen Straßenaktionen Neugier wecken und „niedrigschwellige“ Wissensangebote liefern. Museen sollten Werteorientierung bieten und vor allem darstellen, was die aktuellen Forschungsansätze den Menschen bringen an Erkenntnissen, auch an Handlungshilfen.

Museen können in die Bresche springen

Etienne Denk von „Fridays for Future“ bescheinigte den Schulen und Hochschulen beim wichtigen Wissen zur Klimakrise und zur weltweiten Klimagerechtigkeit „grandios versagt“ zu haben, „Museen können in diese Bresche springen“, auch etwa bei der Diskussion um Rassismus. Die Aufgabe der Museen, betonte Johannes Vogel vom Berliner Naturkundemuseum, sei nicht das Bewahren der Exponate, sondern sie immer wieder neu zu befragen: Was sagen uns die überlieferten Objekte zum Klimawandel, zur gesellschaftlichen Entwicklung damals und heute? „Jedes Objekt ist eine Zukunftsmaschine“, wenn aktuelle, relevante Fragen gestellt würden.

Zur besseren Öffentlichkeitswirkung müssten Museumsmacher*innen zuhören, lernen und auch Fehler machen dürfen. Denn Museen können und müssen „lernende Organisationen“ sein, unterstrich Vogel. Digitale Angebote der Museen seien kein Wert für sich, erklärte Busch, sondern müssten immer „einen Mehrwert bringen“. Museen müssten auf jeden Fall in der digitalen Welt der „sozialen Medien“ vertreten sein, um Leute auf sich aufmerksam zu machen, zu deren Freizeitplanung ein Museumsbesuch normalerweise nicht gehöre, sagte Denk und forderte, dass Museen sich „als politische Akteure“ begreifen müssten.

Die Chancen für Aufmerksamkeit, die publikumswirksame Serien wie „Game of Thrones“ mit ihren mittelalterlichen und feudalistischen Elementen böten, sollten Museen besser für sich nutzen, empfahl der Kulturjournalist Andreas Kilb, und an diese Medieneffekte in ihrer Öffentlichkeitsarbeit anknüpfen. Museen könnten Wissenschaft als Prozess „für die breite Masse nachvollziehbar“ machen und sollten daher einen größeren Teil des Bildungsetats erhalten.

Forschungsmuseen, resümierte Moosbruger vom Senckenberg-Museum die Auftaktveranstaltung, müssten sich als vertrauenswürdige und faktengestützte Dialogplattformen profilieren sowie emotionale Aspekte in ihren Ausstellungen stärker ansprechen. Es gelte die „Trägheit des Geistes“ zu überwinden, damit die Gesellschaft bei den globalen Herausforderungen „vom Wissen zum Handeln“ kommt.

 

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