Heart’s Fear-Lesung in München: Kreative im Hartz-IV-Stress

Lost in Papers. Bettina Kenter-Götte liest im Münchner Gewerkschaftshaus.
Foto: Irene Gronegger

„Was ist das für ein System, in dem alles davon abhängt, an welchen Menschen ich zufällig im Jobcenter gerate?“ Die Kunstfachgruppen von ver.di München hatten die Autorin und Schauspielerin Bettina Kenter-Götte eingeladen. Rund 30 Interessierte kamen am 20. November zu Lesung und Debatte mit Spielszenen rund um Hartz IV ins Gewerkschaftshaus.

Im Publikum überwogen die Frauen sowie die Altersgruppen über 50. Kenter-Götte selbst ist Jahrgang 1951, war lange als Schauspielerin für Theater und Fernsehen tätig, hinzu kamen Aufträge als Synchronsprecherin. Im Jahr 2018 veröffentlichte sie das Buch „Heart’s Fear. Hartz IV. Geschichten von Armut und Ausgrenzung“, um der Armut ein Gesicht zu geben: Viele Schauspielerinnen können nicht durchgehend von ihrer Arbeit leben, dennoch ist das Thema Armut in der Branche tabu.

Bettina Kenter-Götte war im Lauf ihres Lebens als Alleinerziehende, später durch die Pleite des Leo-Kirch-Konzerns und schließlich durch gesundheitliche Probleme in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Krankengeld gab es nicht, denn Schauspielerinnen sind nicht in der Künstlersozialkasse versichert. Als die Rücklagen zu Ende gingen, musste sie einige Jahre Arbeitslosengeld II beziehen. Ihre persönlichen Erlebnisse flossen 2011 in ein preisgekröntes Theaterstück oder „Hartz-Grusical“ ein, das noch auf YouTube zu finden ist, später auch in das Buch und die Lesungen.

Szenen aus dem Leben mit Hartz IV

Bettina Kenter-Götte eröffnet mit einem Zitat von Peter Hartz aus dem Jahr 2002: „Heute ist ein schöner Tag für die Arbeitslosen in Deutschland.“ Sie rattert Schlagworte aus dem Amtsdeutsch rund um das SGB II herunter. Sie setzt zum Telefonat mit dem Jobcenter an, die Zuhörerin erwartet einen gespielten Dialog, doch es ertönt nur die Ansage aus der Warteschleife.

Der ausgedruckte Hartz-IV-Antrag entpuppt sich als ein ganzer Packen an Formularen, welche die Schauspielerin vor den Zuhörern einzeln benennt und dann vor ihnen auf den Boden segeln lässt. Demütigungen rund um Hartz IV werden von einer Figur namens „Frau Peininger“ repräsentiert, die das Publikum feindselig zur unfreiwilligen Schulung begrüßt.

Im echten Leben war die Schauspielerin in einen Buchhaltungskurs geschickt worden. Um tatsächlich vom Amt ausgezahlt zu bekommen, was ihr an Leistungen zustand, hatte Bettina Kenter-Götte mehrfach den Rechtsschutz von ver.di eingeschaltet und sogar einmal den Bürgermeister ihres Wohnortes, weil Unterlagen im Amt verlorengegangen waren.

Sanktionen und Restetisch

Eine Tonspur von Kenter-Göttes Rekorder verkündete Absurdes: Eine Eingliederungsvereinbarung sei freiwillig. Doch komme es nicht zur Vereinbarung, könne sie durch Sanktionen erzwungen werden.

Das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts hat die oft verhängten Sanktionen in Hartz IV zumindest begrenzt, eine vollständige Streichung aller Leistungen wurde für unzulässig erklärt. Wer dies noch erlebt hatte, musste sich mit den Resten von der Tafel und eventuell einem Lebensmittelgutschein arrangieren.

Im Lauf der Diskussion outeten sich außerdem eine anwesende Mitarbeiterin des Jobcenters sowie ein ehemaliger Beschäftigter, der das Jobcenter nach einigen Jahren wieder verlassen hatte. Sie vermittelten sehr unterschiedliche Eindrücke von ihren Handlungsspielräumen und dem Druck im Jobcenter, der auch die dort Beschäftigten treffen kann. Bettina Kenter-Götte kommentierte: „Was ist das für ein System, in dem mein Schicksal, mein Berufsweg, in dem alles davon abhängt, an welchen Menschen ich zufällig im Jobcenter gerate.“

Das Publikum diskutierte mögliche Alternativen zum jetzigen System – vielleicht eine Rückkehr zur alten Arbeitslosenhilfe, ein Grundeinkommen und wenn ja, welches Modell? Zum Abschluss formulierte die Münchner Gewerkschaftssekretärin Agnes Kottmann einige politische Forderungen für Freie und Selbstständige im Arbeitslosengeld-II-Bezug: Sie sollten nicht in fachfremde Jobs und Umschulungen gezwungen werden. Und die Mieten für Büros oder Ateliers müssten als notwendig anerkannt werden.

 

 

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