Gibbet Fisch oder gibbet kein Fisch? – Ein Zwischenruf

Der Spruch stammt von meinem Musiker-Kollegen, mit dem ich als Autor in den 90iger Jahren, also in den guten analogen Zeiten, auf Lesereise war. Ein paar Bier, ein Abendessen und das Eintrittsgeld waren immer drin, und selbst wenn am Ende der Lesung der Hut rumging, kam ein nettes Sümmchen zusammen. Zeiten, von denen man heute nur noch träumen kann. Heute finden Lesungen statt auf youtoube, twitch, alfaview, Zoom oder wie sie alle heißen. Oft genug mit wackligen Bildern in schlechter Tonqualität, aufgenommen von einem Smartphone, das in China produziert wird.

Es verdienen andere an deinen Geistesblitzen und Fingerfertigkeiten – Plattformen, die hierzulande nicht einmal Steuern dafür zahlen, dass sie deine Musik, Aktionen, Einfälle mit Werbung einrahmen, die sich dann, welch ein Zufall, bei den Usern wiederfindet, die deinen Livestream betrachtet haben.

Worte, Ideen, Gedankenspiele – eine Ware? Und tatsächlich, schaut man in das Impressum von twitch, wo der ver.di-Schriftstellerverband lesen lässt, wird einem ganze schlecht bei dem Gedanken, wer alles von deinen Ergüssen profitiert. Selbst die Digitale Bibliothek der Bundesrepublik Deutschland stellt deine Werke kostenlos ins Netz, als Autor siehst du nicht einen einzigen Cent oder gar Euro dafür! Aber, so bescheinigt man dir, es ist kulturell wertvoll, was du da geschrieben hast! Doch Moment mal, gibt es da nicht das sogenannte Copyright! Da müsste doch eigentlich…

Tatsächlich beschloss das Bundeskabinett eine Reform des Urheberrechtes, um die Regeln an das digitale Zeitalter anzupassen. Der Gesetzentwurf sieht vor, dass Kreative und Verwerter „fair an den Gewinnen der Plattformen“ beteiligt werden sollen. Schon hagelt es Kritik von allen Seiten: Nutzungsrechte der Verbraucher kämen zu kurz, sogenannte Uploadfilter seien weiterhin unvermeidbar. Wo bleibt das freie Internet!?

Allerdings setzt die Bundesregierung mit diesem Gesetzentwurf das um, wozu sie das EU-Recht verpflichtet. Vier Monate noch besteht die Möglichkeit, das nationale Gesetz zu verschärfen oder zu entkräften. Schon jetzt stehen so mancher „Netzaktivist“ oder andere „Piraten“ in den Startlöchern, und ehe du dich versiehst, siehst du deine Bücher „for free“ auf ominösen Plattformen feilgeboten.

Denn die Meinungsfreiheit sei gefährdet! Das Internet solle kontrolliert werden, möglicherweise werde es teuer, wenn man sich informieren will! Eine Zensur der Inhalte sei zu befürchten! Nur noch 160 Zeichen eines Textes, also eine „geringfügige Nutzung“ seien erlaubt, sonst müsse der Nutzer bezahlen!

Tatsächlich sieht der Gesetzentwurf vor, dass die Plattformen Lizenzen für die hochgeladenen Inhalte von den Produzenten erwerben sollen. Recht so! Aber werfen die uns dann genügend in den Hut? Reicht das, die Kreativen „fair“ zu entlohnen?

Für mich fehlen im Gesetz bisher wirksame Schutzmechanismen für die Einzelnen, die nur durch starke Gewerkschaften und andere Urheberverbände entwickelt werden können. Also gibbet doch kein Fisch? Besser wär`s! Immerhin ist noch bis Juni Zeit, dafür zu trommeln, dass der Bissen auf dem richtigen Teller landet!

Foto: wikimedia.org

Jost Baum ist Journalist und Autor. Er veröffentlicht bei technisch/naturwissenschaftlich orientierten Verlagen und Zeitschriften, schreibt Kriminalromane sowie Beiträge für verschiedene Rundfunksender.

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