Gerechtere Arbeit in der Kulturellen Bildung

Speziell Kinder mit Migrationshintergrund werden im Berliner Projekt Mitmach Musik außerschulisch von Profis angeleitet. Foto: Christian von Polentz

Gerechte Arbeitsbedingungen in der Kulturellen Bildung fordert ver.di. Die gewerkschaftliche AG Kunst und Kultur unter Leitung der gewählten Kunst- und Kulturbeauftragten hat dazu jetzt ein Papier mit acht klaren Forderungen vorgelegt. Scheinselbstständigkeit wird der Kampf angesagt, bessere Einkommen und Weiterbildungsangebote stehen ebenfalls obenan. Darauf zielt gewerkschaftlichen Arbeit. Die Forderungen sind aber auch an die Politik adressiert, sollen im Kulturbereich und darüber hinaus debattiert werden.

Die kulturelle Bildung ist ein wichtiges Betätigungsfeld vor allem freier Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen fast aller Sparten. Das erfuhr die ver.di-Kulturbeauftragte Anja Bossen bereits kurz nach ihrer Wahl im Herbst 2019, als sie die ver.di-Kunstfachgruppen besuchte und sich dort über die jeweilige Situation informierte. Zahlen, wie viele Musikerinnen, Schriftsteller, Malerinnen, Schauspieler, Museums- oder Theaterpädagoginnen tatsächlich an Schulen, in Freizeiteinrichtungen, in Klubs und Vereinen mit Arbeitsgemeinschaften, Lesungen, Workshops oder Kursen zur kulturellen Bildung im weitesten Sinne beitragen, gab es allerdings nicht. Auch keine detaillierten Aussagen zu den Arbeits- und Einkommensbedingungen in diesem Bereich. „Bevor wir uns an eine genauere Analyse machen konnten, kam zunächst Corona. Während der Lockdowns hatten dann alle andere Sorgen“, erklärt Anja Bossen. Doch sei das Thema nicht vergessen worden.

Spezifik und Gemeinsamkeiten

Sobald es ging, im Herbst 2021, startete ver.di dann eine umfassende Umfrage mit dem Ziel, genauer herauszufinden. „Wer schafft wann und wo Kultur?“ Anonym wurden Angaben zu den jeweiligen Arbeitsrealitäten erfragt. „Ein Ergebnis: ein beträchtlicher Anteil besonders freier Kreativer ist auch oder fast ausschließlich in der kulturellen Bildung tätig“, so Anja Bossen. Bei Musikern, speziell Musikschullehrern, sei das erwartbar gewesen. Aber auch bildende oder darstellende Künstler*innen, Schriftsteller und Autorinnen erzielten nach eigenen Angaben einen nicht geringen Teil ihrer Einnahmen in der kulturellen Bildung. „Wir erfuhren darüber hinaus von teils prekären Arbeitsbedingungen, von Scheinselbstständigkeit, befristeten Honorarverträgen, die trotz langjähriger Tätigkeit in der gleichen Einrichtung vielfach jährlich neu errungen werden müssen. Und davon, dass keine Honoraruntergrenzen existieren“, so die ver.di-Kulturbeauftragte.

Dr. Anja Bossen ist die Kunst- und Kulturbeauftragte von ver.di.
Foto: Christian von Polentz

Man habe sich mit der inzwischen bei ver.di geschaffen AG Mindesthonorare kurzgeschlossen, für die die kulturelle Bildung ebenfalls einen Teil ihres Wirkungsbereichs bildet. „Es geht uns ja um verbindliche und branchenspezifische Mindesthonorare. Diese Forderung haben wir auch in einer Arbeitsgruppe des Fachausschusses Bildung im Deutschen Kulturrat erfolgreich eingebracht. Wie wichtig sie ist, erleben wir zum Beispiel im Land Brandenburg, wo zwar Mindesthonorare beschlossen wurden, die aber mit zahlreichen Ausnahmegenehmigungen durch die Politik selbst torpediert werden“, so Anja Bossen. Der branchenspezifische Aspekt habe sich klarer herauskristallisiert, nachdem die AG Kunst und Kultur in den ver.di-Kunstfachgruppen auch die speziellen Probleme abgefragt hatte.

Mit Blick in die Zukunft

Anja Bossen verdichtete alle Erkenntnisse und formulierte Forderungen dann in einem ersten Arbeitspapier, das weiter debattiert und schließlich in der Sitzung der ver.di-AG Kunst und Kultur Ende März beschlossen wurde. Einig war man sich dort auch, mit den Forderungen an die Öffentlichkeit zu gehen, an Verbände wie die Bundesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ), an soziokulturelle Vereinigungen, aber auch an Landes- und Bundesministerien für Kultur und Bildung heranzutreten. „Auf Nachfrage habe ich zum Beispiel vom Bundesministerium für Bildung und Forschung erfahren, dass für das dortige Programm „Kultur macht stark“ Mindesthonorare gelten, die zwischen 50 und 75 Euro für 45 Minuten liegen und sich damit durchaus sehen lassen können“, so Anja Bossen. „Im Gegenzug werden wir das Bundesministerium nun über unseren Forderungskatalog informieren.“ Das sei auch deshalb wichtig, da bekanntlich ab 2026 ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an deutschen Grundschulen gilt. Aktivitäten in Sachen kultureller Bildung dürften dadurch sicher einen zusätzlichen Schub erhalten. Auch in den Bundestag und die Landesparlamente solle mit den ver.di-Forderungen hineingewirkt werden. „Dabei erhoffen wir uns auch Unterstützung und Ideen aus den ver.di-Landesfachgruppen“, so Anja Bossen.

Das Forderungspapier steht auf der ver.di-Webseite des Bereichs Medien, Kunst und Industrie und kann dort auch heruntergeladen werden:

Gerechte Arbeitsbedingungen in der Kulturellen Bildung

Forderungen der AG Kunst und Kultur der ver.di

Kulturpädagogische Angebote eröffnen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Perspektiven und Chancen. Die Möglichkeit zur kulturellen Teilhabe, unabhängig von Herkunftsmilieu und Haushaltseinkommen, stärkt den sozialen Zusammenhalt in Deutschland. Kulturelle Bildung leistet einen großen gesellschaftlichen Beitrag, doch die Kulturarbeiterinnen und -arbeiter sind oft schlecht bezahlt, hangeln sich von Projekt zu Projekt und ihre Arbeit wird nicht genug wertgeschätzt. ver.di setzt sich dafür ein, dass die Arbeitsbedingungen in der Kulturellen Bildung nachhaltig verbessert werden.

  1. Scheinselbstständigkeit vermeiden!
    Festanstellung überall dort umsetzen, wo eine Einbindung in den Regelbetrieb bzw. längerfristige oder wiederholte Beschäftigung vorliegt.
  2. Einkommen verbessern!
    Mindesthonorare müssen als verpflichtende Voraussetzung jeglicher staatlicher Förderung und Finanzierung von kultureller Bildung festgesetzt werden. Der Bund, die Länder und Kommunen müssen dementsprechend ihre Förderrichtlinien anpassen. Für Einzelveranstaltungen, wie z.B. Lesungen oder Workshops von Schulen, müssen ebenfalls verbindliche branchenspezifische Mindesthonorare gelten.
    Tarifvereinbarungen dienen als Vergleichsrahmen. Die Vor- und Nacharbeit, Wegzeiten, Materialein-satz usw. müssen entlohnt werden. Qualifikationen der kulturellen Bildnerinnen und Bildner sind zu berücksichtigen.
  3. Fort- und Weiterbildungen vergüten!
    Honorarkräfte und Selbstständige haben ein Recht auf Fort- und Weiterbildung, der Bildungsaufwand soll in dem Umfang der Honorare abgebildet werden. Fort- und Weiterbildungen müssen, wenn sie vom Arbeits-/Auftraggeber erwartet werden, auch bei Honorarkräften und Selbstständigen vergütet werden.
  4. Antragstellung direkt ermöglichen!
    Die Antragstellung soll den ausführenden, selbstständigen Künstlerinnen/Künstlern und Schriftstellerinnen/Schriftstellern direkt bei den jeweiligen Projektträgern möglich sein. Dadurch wird die Abhängigkeit der Künstlerinnen oder Künstler von Bildungsinstitutionen und Vereinen verringert und Prozesse werden vereinfacht.
  5. Transparenz in der Bearbeitung und Entscheidung von Anträgen!
    Die Entwicklung und Erstellung von Projektanträgen erfordert häufig beträchtliche Arbeitszeit. Antragstellenden und ihren Einreichungen soll daher wertschätzend begegnet werden. Transparenz über Zusammensetzung von Jurys sowie die Offenlegung von Entscheidungskriterien müssen Standard sein.
  6. Langfristige Arbeitsperspektiven schaffen!
    Die projektbasierte Kurzzeitfinanzierung von kontinuierlichen Bildungsangeboten muss reduziert und durch langfristige Förderzusagen, reguläre Arbeitsverhältnisse sowie institutionalisierte Finanzierung ersetzt werden. Nur nachhaltige Strukturen und Finanzierungszusagen ermöglichen eine finanzielle Absicherung und Planungssicherheit der Kulturarbeiterinnen und Kulturarbeiter. Eine Verengung der Förderung auf wenige Themen und bestimmte Zielgruppen durch spezifische Projektförderung ist zu vermeiden.
  7. Kooperationsgebot jetzt!
    Die Durchlässigkeit der Finanzierungsmöglichkeiten kultureller Bildung zwischen Bund, Ländern und Kommunen soll ermöglicht werden.
  8. Kulturelle Bildung auch als Bestandteil der schulischen Bildung anerkennen!
    Kulturelle Bildung muss bei der Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen sowie bei der Einführung von Ganztagsschulen Bestandteil schulischer Bildung werden. Bereits bestehende, öffentlich geförderten Bildungsstrukturen, wie z.B. Musik- und Kunstschulen, müssen eingebunden werden.
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