Es geht um Stabilisierung, vor allem aber um Zukunft

"Uns steht das Wasser bis zum Hals", "Die Kultur geht baden" und "Die Not der Kunst ist groß" - Mit solchen Transparenten und Spielszenen machten hier in Fürth bereits im Juni 2020 Künstler*innen auf ihre Lage aufmerksam. Foto: Heinz Wraneschitz bildtext.de

Interview mit Holger Bergmann, Geschäftsführer des Fonds Darstellende Künste, zum Stand der Förderung im Rahmen des Neustart-Kultur-Programms

Im Oktober 2020 wurde im Rahmen von „Neustart Kultur“ ein 65-Millionen-Programm zur Förderung freischaffender Künstler*innen und freier Gruppen in der bundesdeutschen Theater-, Performance- und Tanzlandschaft bereitgestellt. Der Fonds Darstellende Künste organisiert die Förderung, 50 Millionen Euro sind bereits vergeben worden. Wir baten Geschäftsführer Holger Bergmann um eine Zwischenbilanz.

„#TakeThat“ hat der Fonds Darstellende Künste das umfassende Förderpaket zur Erhaltung und Stärkung der freien Szene genannt. Seit dem 1. Oktober 2020 konnten Anträge gestellt werden. Die einzelnen Programme sollen Vielfalt stärken und Existenzsicherung unter Pandemiebedingungen ermöglichen. Gefördert werden direkte künstlerische Arbeiten und Produktionen, aber auch Rechercheprojekte, Strukturvorhaben, Projekte zur Publikumsforschung und -entwicklung. Sie zielen auf frei produzierende Künstler*innen und künstlerische Gruppen aus allen Sparten der Darstellenden Kunst, auch auf Akteur*innen aus Tanz, Figuren- und Objekttheater, zeitgenössischem Zirkus, Off-Tourneetheatern oder Freilichtbühnen.

Herr Bergmann, in „normalen“ Jahren hatte der Fonds an die 200 Förderungen zu vergeben, erhielt etliche Hundert Anträge dafür. Nun haben Sie seit Oktober tausende „#TakeThat“-Förderanträge erreicht. Entsprach das den Erwartungen?

Holger Bergmann: Ganz aktuell sind wir jetzt bei 7.200 Anträgen, die einem Antragsvolumen von 110 Millionen Euro entsprechen Mit diesem Umfang haben wir so doch nicht gerechnet. Die Resonanz ist von Antragsrunde zu Antragsrunde auch noch größer geworden. Das weist darauf hin, dass es einen enormen Bedarf gibt. Durch den zweiten Lockdown – wen wundert es? – steigt dieser weiter an. Insofern ist die Vereinbarung der Koalitionsparteien, für die Kultur nochmals nachzulegen, natürlich sehr zu begrüßen.

Die „#TakeThat“-Beantragung sollte möglichst unbürokratisch erfolgen und es gab vom Fonds auch zusätzlich Beratung dazu. Hat sich das ausgezahlt?

Ganz überwiegend ja. Nur sehr wenige Anträge mussten aus formalen Gründen abgewiesen werden. Erforderlich war im Grunde eine Vorhabenbeschreibung von maximal zwei Seiten. Es gibt dazu ein klar strukturiertes Formblatt, was hilft, die Kernaussagen von Vorhaben miteinander zu vergleichen. Ein komplett online basiertes Antragsverfahren trug dazu bei, dass so viele Anträge möglichst schnell entschieden werden konnten.

Und was lässt sich zur Qualität der Vorhaben sagen?

Holger Bergmann ist Geschäftsführer des Fonds Darstellende Künste Foto: Benjamin Krieg

Die „#TakeThat“-Mittel sollen zur Stabilisierung und zum Erhalt der Vielgestaltigkeit der freien darstellenden Künste beitragen. Diese Vielgestaltigkeit spiegelt sich in den Anträgen wider. Wir haben ja generell eine große Qualität und Breite in den freien Darstellenden Künsten, angefangen bei festen Ensembles oder Figurentheatergruppen, die auf einem hohen Ausbildungs- und künstlerischen Niveau dieses Genre betreiben. Wir haben Straßentheater und Theater an öffentlichen Orten, die über viele Jahre bereits ihr Publikum erreichten, freie Häuser, die wegen ihres Qualitätsniveaus internationale Impulse setzen und Strahlkraft besitzen, aber auch viele Einzelkünstler*innen – alle arbeiten mit hoher Professionalität und sind nun ausgebremst. Nach meiner Einschätzung kamen anfänglich doch recht viele Anträge, die auch unter Nicht-Corona-Bedingungen hätten gestellt werden können. Vielleicht unter der optimistischen Voraussetzung, dass es bald wieder richtig losgehen könne. Solche, die die speziellen Pandemie-Herausforderungen in den Blick nehmen, folgten erst nach und nach – auch als die Dramatik der Situation weiter zunahm. In unseren Juryrunden hatten wir aber gar nicht das Ziel, nach Qualität als alleinigem Kriterium zu entscheiden.

Sondern?

Wenn es – wie hier – um den Erhalt von Ressourcen geht, müssen auch solche Kriterien wie Langfristigkeit der Arbeit oder gefestigte Strukturen eine Rolle spielen. Da geht es auch um lokale Rahmenbedingungen, Verankerung im regionalen Umfeld und ähnliche Faktoren.

Und wieviele Anträge sind nun bereits positiv beschieden?

Wir haben bisher etwa 4.500 Vorhaben mit einem Förderumfang von knapp 50 Millionen Euro bewilligt. Am 1. Februar ist ja die Antragsfrist für unser „#TakeCare“-Programm erst ausgelaufen. Deshalb prüfen wir weiter und es gibt weitere Bewilligungsrunden.

Wie „gerecht“ konnte es bei Zusagen oder Ablehnungen denn zugehen?

Entscheidungen für oder wider bestimmte Anträge haben mehr mit der Erfüllung der Antragskriterien zu tun als mit „Gerechtigkeit“. Wir haben üblicherweise schon 16 Personen mit spezieller Fachexpertise für einzelne Sparten und Genres in unserem Kuratorium. Für die „#TakeThat“-Programme haben wir aber jeweils eigene Jurys gebildet. In der Regel waren drei Kuratoriumsmitglieder mit Erfahrungen in der Antragsvergabe dabei, ergänzt durch bis zu vier Personen auf Vorschlag von Mitgliedsverbänden und Expert*innen der jeweiligen Genrebereiche. Insgesamt waren 51 Personen als Juror*innen beteiligt, die Arbeitserfahrung und Kenntnisse in den jeweiligen Bereichen einbringen konnten. So haben sehr unterschiedliche, auf die Programme zugeschnittene Jurys gearbeitet, keine Vergaberunde glich der anderen. Diese Vielfältigkeit sorgte dafür, dass möglichst viele Aspekte in die Entscheidungen eingebracht wurden. Ich sehe das schon als Garant für eine auch größtmögliche Gerechtigkeit.

Lässt sich noch Genaueres zu den bewilligten Anträgen sagen?

Ja. Unsere Förderquote liegt in allen Programmen zwischen 50 und 60 Prozent. Zum Vergleich: Bei unseren bisher üblichen Grundförderungen, wo es um das bundesweit Bedeutende und Bemerkenswerte geht, liegt die Quote bei etwa 15 Prozent. Wir setzen jetzt also ganz klar Zeichen in Richtung Erhalt und Stabilisierung. Noch arbeiten wir an der detaillierten Statistik, doch was wir schon sagen können: das Verhältnis von um die 50 Prozent bei Antragstellung und Bewilligung erstreckt sich tatsächlich auf die gesamte Bundesrepublik. Wir erreichen also nicht nur die urbanen Zentren, sondern auch die Flächenländer und strukturschwächere Regionen.

Und natürlich steht hinter unseren 4.500 Bewilligungen ein Vielfaches an geförderten Personen, schätzungsweise das Zehnfache. Die Fördersummen selbst sind nach den Programmen sehr unterschiedlich gestaffelt. Bei den „#TakeCare“-Förderungen ging es beispielsweise um Einzelanträge von Künstler*innen bis 5000 Euro, bei Strukturprojekten für größere Aufführungsorte konnten Summen bis 100 000 Euro beantragt werden. Bis Ende März wollen wir die kompletten Fördermittel vergeben haben.

Verfolgt der Fonds die geförderten Projekte weiter, gibt es am Ende eine Evaluierung?

Wie in Förderverfahren üblich und vorgeschrieben, erwarten wir von allen einen Verwendungsnachweis der Mittel und einen Erfahrungsbericht über die Durchführung des Projektes. Das wird von uns natürlich geprüft. Darüber hinaus gibt es begleitende Maßnahmen. Allein für die „#TakeCare“-Projekte haben wir eine Facebook-Gruppe gebildet, die mehr als 1000 Mitglieder hat, die sich gegenseitig über ihre Arbeiten austauschen. Evaluierung erfolgt auch über wissenschaftliche Begleitung und Forschungsaufträge. Wir arbeiten mit zehn Hochschulen zusammen, die sich mit diesem Feld beschäftigen und Förderstränge in Studien auswerten. Da geht es auch allgemeiner um Wirkmechanismen und Potentiale kulturpolitischer Förderinstrumentarien. Auch mit den Verbänden und Publikumsorganisationen gemeinsam werden wir hervorstechende Beispiele dokumentieren und bewerten. All das soll in unser „Bundesforum“ eingehen, das wir für den September vorbereiten. Dort wollen wir die Fördersituation im Bereich Freie Darstellende Künste auch gemeinsam mit Politik und Öffentlichkeit recht generell in den Blick nehmen und genauer analysieren. Wir wissen ja, dass noch eine schwierige Zeit auf die freien Künstler*innen zukommen wird.

Angesichts dessen fordern Sie als Fonds ja selbst „mittelfristige Perspektiven“ für die Freien und eine „nachhaltigere Förderung“. Wie könnte die aussehen – auch angesichts der in Aussicht gestellten zusätzlichen Milliarde an Kulturhilfen?

Kulturförderung ist ja nicht in erster Linie Bundesaufgabe. Doch haben wir gemeinsam mit der Arbeitsgruppe Darstellende Künste der Kulturministerkonferenz in bereits im Dezember 2020 eine Förderinitiative für die Freien Darstellenden Künste thematisiert, die bestenfalls in die nächsten drei Spielzeiten bis 2024 reichen soll. Bund und Länder gemeinsam sollten eine Förderung betreiben, die sich weiter von der unmittelbaren Projektförderung entfernen und etwa auf fünf Ebenen wirken könnte.

Das wären?

Zunächst Stipendien, die tatsächlich den betroffenen Einzelnen helfen und das künstlerische Weiterarbeiten sicherstellen. Die zweite Ebene wären nachhaltige Förderungen für die Residenzen, die wir jetzt bundesweit an vielen Produktionsorten im Blick haben. Die sollte künstlerischen Teams vor allem über längere Zeit Planungssicherheit geben, damit sie ihre Konzepte weiterentwickeln können. Die dritte Linie würde wegführen von der klassischen Projektförderung hin zur Unterstützung von Arbeitsprozessen, die nicht sofort auf ein klares Ergebnis hinzielen. Fixe Festschreibungen bereits in der Antragstellung bis ins Detail hinein sind nicht der Sinn freien Produzierens, da geht es auch ums Ausprobieren und Finden eines noch nicht immer festgelegten künstlerischen. ästhetischen oder formellen Wegs. Solche formatoffeneren Förderungen würden wir – gemeinsam mit Kofinanzierer*innen – künftig mehr unterstützen wollen. Aktuell zum Neustart der Kultur würden auch Förderungen für Arbeiten an theaterferne Orte wichtig sein. Wir möchten temporäre Aktionen zur kulturellen Belebung fördern –Aufführungen in Schulaulen, Altersheimen oder anderen zivilgesellschaftlichen Räumen. Schließlich und fünftens wollen wir auch Aktivitäten von Netzwerken und Produktionsorten unterstützen, die bundesweit über Ländergrenzen hinausgehen. All das würde nachhaltig zur Stabilisierung der freien darstellenden Künste beitragen. Wir haben diese Punkte der Arbeitsgruppe der Kultusminister*innen und der BKM vorgeschlagen und hoffen, dass mit der zusätzlichen Kulturmilliarde jetzt eine solche nachhaltigere Förderinitiative zu platzieren ist. Auch, um ein Signal an die Länder und Kommunen zu geben, indem wir sagen: Der Bund engagiert sich mit zusätzlichen Mitteln für diese besonders finanziell fragile aber künstlerisch so wertvolle Szene.

Sie sehen das als „Zukunftspaket“?

Unbedingt. Die Länder und Kommunen werden in Kürze anfangen, über die Kulturhaushalte nach Corona zu debattieren. Es geht jetzt und nicht erst nach der Bundestagswahl darum, gemeinsam in Kommunen, Ländern und Bund langfristige Planbarkeit und Sicherheiten für die freien Darstellenden Künste zu schaffen und solidarisch als Kulturlandschaft für die Theaterlandschaft nach der Pandemie einzustehen.

nach oben

weiterlesen

Vollbremsung, Innovationsboost und viele neue Ideen

Die Schaubühne Lindenfels als Theater- und Veranstaltungshaus gehört zum Leipziger Szene-Stadtteil Plagwitz wie das Kunstkraftwerk oder die berühmte ehemalige Baumwollspinnerei mit ihren Ateliers und Galerien. An allen hat das Corona-Virus heftig genagt. Dennoch blickt das Schaubühne-Team optimistisch in die Zukunft: Dank der Förderungen durch NEUSTART KULTUR ist der Erhalt des Hauses gesichert und es wird mehrgleisig geplant.
mehr »

Theatraler Blick in eine schöne neue Welt?

Vom 10. bis 21. März fand in der Kölner Kirche St. Gertrud das Theaterprojekt „Menschen von Morgen“ statt. In verschiedenen Szenen unter Mitwirkung von chronisch kranken Menschen, Migrant*innen und professionellen Schauspieler*innen inszenierte Regisseur Gregor Leschig gemeinsam mit ihnen einen Blick auf die eigenen Zukunftsentwürfe. Mit Performances, Streams, Einspielungen und Interaktionen, die auch das Publikum mit einbezogen. Die große Frage dabei: Wie sieht unsere Welt in Zukunft aus?
mehr »

Wir haben für uns den Jackpot geknackt

„Das neue Stück muss jetzt raus“, sagt Gianni Bettucci. Der Italiener managt nun schon viele Jahre den Betrieb von FAMILIE FLÖZ. Und er spricht von einer „kleinen Welle Optimismus“, dass „Feste“ – geplante Premiere am 20. April 2021 in der Komödie am Ku’damm im Schillertheater – tatsächlich live stattfinden könnte. Mit drei Personen auf der Bühne und Publikum. „Oder sonst irgendwie“. Auch hinter den Kulissen wird für die Zukunft gearbeitet, dafür gibt es nun Förderung.
mehr »

Was tun für faire Arbeit in Kunst und Kultur?

Die Coronakrise erschüttert die Kulturbranche im Fundament. Das strahlt weit in die Gesellschaft aus. Was aus der Situation für den Kulturbereich zu lernen ist, debattierte die Bundestagsfraktion Die Linke mit Gästen. „Kultur. Klasse. Krise“ war die gemeinsame Veranstaltung mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung am 9. März überschrieben. ver.di-Gewerkschaftssekretärin Lisa Basten und andere Experten waren aufs digitale Podium geladen.
mehr »