Die Freiheit des Wortes aktiv verteidigen

„Demokratie wächst aus den Menschen“, war eine Ausgangsthese, als zum Auftakt der diesjährigen „Woche der Meinungsfreiheit“ über „Die Freiheit des Wortes unter Druck“ debattiert wurde. Zum zweiten Mal organisiert ein Bündnis aus 45 Partnern zwischen dem Internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai und dem 10. Mai, dem Gedenktag an die Bücherverbrennung in Deutschland, Debatten, Lesungen, Konzerte und Ausstellungen.

„Was können Medien- und Kulturschaffende tun?“, stand zugleich als Frage über einer Debatte im Netz, zu der der Börsenverein des Deutschen Buchhandels vorab am 29. April geladen hatte. Nina George, Präsidentin des European Writers‘ Council, begrüßte als Moderatorin und Mitdiskutantin kundige Partner*innen zu paarweisen Gesprächen.

Über die Rolle der Medien sprach sie mit Schriftsteller Sebastian Fitzek und Anna-Beeke Gretemeier, Reporterin und Chefredakteurin des „Stern“. Medien seien noch immer Grundlage der Meinungsbildung, allerdings mit dem Novum, dass nun „jeder einzelne von uns auch ein Medium darstellt und unter Umständen ein Millionenpublikum erreichen kann“, gab Fitzek zu bedenken. Zunehmend gehe es dabei jedoch „nicht mehr um Fakten, sondern um Meinungen“.

Nina George (l.) debattiert mit Sebastian Fitzek und Anna-Beeke Gretemeier. Screenshot: Zoom

Gretemeier – nach der „Stern“-Entscheidung von 2019 befragt, keine Fotos von Amok-Attentätern zu veröffentlichen, um Verbrechern keine unverdiente Popularität zu verschaffen – verwies auf die „wachsende Verantwortung“ von Journalist*innen: „Wir haben jeden Tag die Macht auszuwählen, was und über wen wir schreiben.“ Neutralität sei angesichts komplexer Vorgänge und des Risikos einer false balance fast nicht möglich. Doch sei zu fragen: „Was bewirken wir? Wie ausgewogen berichten wir?“ Pressefreiheit sei in Deutschaland grundgesetzlich gesichert und auch in der Praxis „noch immer gegeben“, allerdings verschlechtere sich die Lage nicht nur infolge direkter Angriffe im Zuge der Corona-Proteste oder durch SLAPP-Klagen.

Medienkompetenz stärken

Fitzek verwies auf die Rolle von Fake News, Trollen und Bots. Es werde im Alltag und im gesellschaftlichen Diskurs immer dringlicher herauszufinden, ob Meldungen stimmen oder fremdgemacht seien. Bereits in den Schulen müssten deshalb Medientrainings angeboten werden, in denen junge Leute „zumindest Grundzüge des Journalismus lernen und üben könnten, Quellen und Aussagen zu hinterfragen“. Da „Worte auch Waffen“ seien und speziell im Netz und in sozialen Medien neben nützlichen Informationen Hass und Hetze verbreitet würden, müsse Medientraining auch „Empathie-Schulungen einschließen, um Wirkungen auf andere klarzumachen“. Das Erlernen von „Regeln und Wissen über Nachrichten und Meinungsverbreitung besonders in emotionalen Situationen“ werde bislang nicht gewährleistet.

Medienkompetenz als Schulfach hielt auch Gretemeier „für absolut sinnvoll“, sie sprach sich für „ein Zusammenspiel mit Lehrern und Eltern“ aus. Social Media habe die Situation komplett verändert. Das spürten auch etablierte Medien, die inzwischen ganze Verifikationsabteilungen beschäftigten – beim „Stern“ mit Partnern gemeinsam etwa 120 Mitarbeiter*innen. Die Abteilung erhalte pro Monat allein 800 interne Analyseanfragen, um etwa den Wahrheitsgehalt von user generated content aufzuklären und für Endkonsumenten entsprechend aufbereiten zu können. Auch Agenturen müssten so arbeiten.

„Wenige wissen, was Meinungsfreiheit eigentlich bedeutet“, warf Sebastian Fitzek ein und sah darin auch eine Herausforderung für Buchautoren. Zunehmend müssten sie „mutig sein und einen Standpunkt vertreten“, auch wenn die Angst vor Shitstorms und Anfeindungen wachse. Es gelte Autor*innen darin zu bestärken, die hyperkomplexe Welt zu erklären. Von diesem Angebot müssten aber auch alle partizipieren können. Angesichts von 6,4 Millionen funktionalen Analphabeten allein hierzulande sei es, so Fitzek, eine immense Aufgabe, „dafür zu sorgen, dass das Buch populär bleibt“. Das gelte umso mehr, da in den Medien das Rezensionswesen gerade weiter schrumpfe.

Nina George fragte die Chefredakteurin nach ihren Erfahrungen mit dem Kinderbuch „Märchenland für alle“, das der „Stern“ jetzt in Deutsch herausbrachte und weiter verbreiten möchte. Laut Gretemeier habe das Buch in Ungarn im Herbst 2020 eine scharfe politische Kontroverse ausgelöst, weil es bekannte Kindermärchen neu interpretiere und in diverse Zusammenhänge setze. Das sei unter Orban als schädlich für Kinder eingeschätzt, der Verkauf des Buches massiv behindert worden. Ein Autor habe aus Budapest darüber berichtet, beim „Stern“ aber angeregt, mehr zu tun. So sei eine Übersetzung der 17 Geschichten für den deutschsprachigen Raum zustande gekommen. Nun setze sich die Redaktion dafür ein, „das Buch in 14 EU-Ländern in die Kinderzimmer zu bringen, um Kindern zu helfen, ihr authentisches Ich zu finden“, so Gretemeier.

Internationale Bühne der Meinungsfreiheit schaffen

Über das Risiko, in undemokratischen Ländern das freie Wort zu verbreiten und der Gefahr zu begegnen, zu verstummen, verfolgt oder gar exekutiert zu werden, sprach George anschließend mit Margit Ketterle, Sprecherin der IG Meinungsfreiheit des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, und mit Ralf Nestmeyer vom PEN-Zentrum Deutschland.

George, Ketterle (r.) und Nestmeyer. Screenshot: zoom

Die IG Meinungsfreiheit sei 2017 mit Blick auf die Verfolgung von Autoren in der Türkei gebildet worden und habe dort noch immer viel zu tun, wie die Verurteilung Osman Kavalas aktuell zeige. Aber auch die hiesige Auseinandersetzung mit rechten Verlagen oder nunmehr der Krieg gegen die Ukraine bildeten Handlungsfelder: „Wenn es jetzt heißt, wir dürften Puschkin nicht mehr lesen, zeigen sich Grenzen der Meinungsfreiheit auch hierzulande“, gegen die man ankämpfen müsse, so Ketterle. „Freedom to publish“ müsse neue Bücherverbannungen ausschließen, wie sie leider aus US-amerikanischen Bibliotheken bekannt würden und dort Kontroversen hervorriefen. Ketterle berichtete von europaweiten Vorhaben wie der Etablierung eines „Davos der Meinungsfreiheit“ im norwegischen Lillehammer. Mit einem „World Expression Forum“ als internationaler Bühne für das Thema Meinungsfreiheit sollten vor allem junge Menschen an die Demokratie herangeführt werden.

Nestmeier, der das „Writers in Prison“-Programm des PEN leitet, das seit 1960 Fälle dokumentiert und Einzelschicksale publik macht, sah die Situation für Autor*innen und das freie Wort weltweit akut „eher verschlechtert“. Er nannte Beispiele aus der Türkei, aber auch aus China, Eritrea oder Mexiko. Zugleich sprach er von praktischer Hilfe, vom „Writers in Exile“-Programm, das es dem deutschen PEN-Zentrum mit Bundesmitteln ermögliche, zwölf – künftig 15 – bedrohte Autor*innen hierher zu holen. Stipendien sicherten ihnen ungehindertes Schreiben und Publizieren, man unterstütze sie bei der Suche nach Verlagen. Das sei ein weltweit einmaliges Projekt.

Nach Möglichkeiten zur Erhaltung und Stärkung von Meinungsfreiheit auch hierzulande befragt, erklärte Ketterle: „Bildung und Erziehung helfen, die weltweit nicht selbstverständliche Freiheit des Wortes auch zu benutzen.“ Uns koste das vergleichsweise wenig, anderswo sei das mit Gefahren für Leib und Leben verbunden. Doch gelte es gerade auch in Deutschland, mehr Geld und Energie in diese Aufgabe zu investieren. Mit Blick auf die EU forderte sie, „digitale Bürgerrechte verstärkt zu nutzen“, ein digitales Grundgesetz zu schaffen, um die „informationelle Selbstbestimmung nicht den Geschäftsinteressen großer Plattformen zu opfern“.

Umfangreiches Veranstaltungsprogramm

Unter dem Claim #MehrAlsMeineMeinung will der Börsenverein des Deutschen Buchhandels als Initiator die diesjährige Aktionswoche der Meinungsfreiheit befördern. Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, erklärte das Ziel, „als breites gesellschaftliches Bündnis ein weit sichtbares Zeichen“ zu setzen für Demokratie, die Menschenrechte und den Frieden. „Dabei geht es uns nicht nur um symbolische Handlungen, sondern um ernsthafte inhaltliche Debatten.“ Das Programm enthalte mehr als 50 Veranstaltungen im gesamten Bundesgebiet. Organisiert werden sie von Partner aus Verlagen, Buchhandel, Pressehandel, Bibliotheken, Gewerkschaften, Kirchen, Musikszene, Vereinen, Verbänden und Stadtverwaltungen. Auch eine Bücherauswahlliste kann genutzt werden. Für die begleitende Werbekampagne hätten sich zahlreiche Prominente zur Verfügung gestellt.

Plakat für die „Woche der Meinungsfreiheit“ 2022 Screenshot: www.woche-der-meinungsfreiheit.de
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