Das Museum: Eine Wundertüte, die immer voll bleibt

Mit Corona-Abstand auf dem Podium "Wie frei sind unsere Museen?": Hermann Parzinger, Ina Hartwig, Thomas E. Schmidt, Ulrike Lorenz, Thomas Müller-Bahlke (v.l.n.r.) Foto: SPK / photothek/Joerg Carstensen

„Proteste, Angriffe, Vorwürfe: Wie frei sind unsere Museen?“ Zu dieser Diskussion hatte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, in den großen Humboldt-Saal der Urania in Berlin eingeladen. „Was passiert mit der Kultur, wenn sich Gemeinsamkeiten in der Gesellschaft langsam auflösen“, war eine der Fragen dieses Abends. Die frühere „Gemütlichkeit der Museen“, sei vorbei, konstatierte Thomas E. Schmidt von der ZEIT, Moderator der Runde.

Vor den rund 80 Zuhörerinnen und Zuhörern, die sich am 10. September auf die wenigen, nicht verschnürten Sitze im Saal verteilten, verglich Schmidt die Museen früherer Jahre mit einem Baum für die Ewigkeit. Doch heute sei der „Baum umringt von Borkenexperten und auf jedem Ast sitzt ein Kritiker“. Heftiger Widerstand mit Morddrohungen gegen manche Ausstellungen wie „Muslim Fashion“ in Frankfurt am Main, die „Cancel Culture“ mit der Forderung einzelner Gruppen, für sie „Unzumutbares“ wie Kolonialerbe aus Ausstellungen zu entfernen oder diese ganz zu schließen: Den Museumsmacher*innen bläst heute von so manchen Akteuren heftiger Gegenwind ins Gesicht. Sie werden konfrontiert mit immer heterogeneren Publikumsgruppen. Wem schenken sie Gehör? Wo fängt die Zensur an? Gibt es noch einen gemeinsam geteilten Raum der Vergangenheit?

Sich immer neuen Fragen stellen

Für Parzinger, den Initiator dieser Diskussionsrunde, stehen dabei nicht nur Inhalte, sondern zurzeit auch Strukturen in der Debatte. Ein Gutachten des Wissenschaftsrats hatte die ganze Stiftungsorganisation im Sommer in Frage gestellt, aber auch auf mangelnde Finanzierung verwiesen. Der Gesamtbeirat der Stiftung sprach sich gegen eine Aufteilung aus. Eine Reformkommission für die SPK ist inzwischen etabliert.

Zurück zu den inhaltlichen Vorwürfen: „Sehen Sie sich einem grundsätzlichen Misstrauen ausgesetzt?“, fragte Schmidt die Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar, Ulrike Lorenz. Schließlich sei die Weimarer Klassik doch „weiß, männlich, bürgerlich und elitär“, alles, was zurzeit angegriffen werde. „Wir können die Vergangenheit nicht ändern“, sagte Lorenz. „Wichtig ist, was wir aus diesen Ressourcen machen.“ Die Fragen an die Exponate der Vergangenheit müssten aus unserer Gegenwart möglichst breit gestellt werden.

Auf mögliche Kritik an den Franckeschen Stiftungen, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts aufgebaut wurden, angesprochen, meinte deren Direktor Thomas Müller-Bahlke, er sei froh, „wenn das Museum ins Gerede kommt“, denn es entwickle sich zu einem „dritten Ort“, an dem man zusammenkomme und diskutiere: „Es geht immer um die Fragen, die ich an die Geschichte stelle. Geschichte ist eine Wundertüte, die immer voll bleibt, weil ich mit ganz unterschiedlichen und immer neuen Fragen an sie herangehen kann.“

Blockbuster-Trend gestoppt

In der Hauptstadt werde alles besonders heiß diskutiert, räumte Parzinger ein, es gebe oft massive Kritik von Aktivist*innen, „es ist anstrengend, zugegeben“. Aber der Druck erzeuge Energie und Dynamik in den Häusern, die auch durch Drittmittel-Einwerbung versuchten, dem Publikum mehr zu bieten. „Es wäre schlimm, wenn sich niemand dafür interessieren würde.“

Einen großen Boom mit internationalem Publikum und gewachsenen Aufgaben für die Museen der westlichen Welt konstatierte die Frankfurter Kulturdezernentin und Literatin Ina Hartwig bis zur Corona-Pandemie. Der Trend zu immer mehr „Blockbuster“-Ausstellungen sei nun erstmal gestoppt, die Aufgaben für die Stadtgesellschaft träten wieder mehr in den Vordergrund, die Digitalisierung werde forciert. In der Einwanderungsgesellschaft sei das Publikum viel weniger homogen als in früheren Zeiten. Museumslandschaften, so Hartwig, würden rund alle 50 Jahre Umbrüche erfahren, so 1918 und 1968, auch jetzt sei es wieder so weit: „Das ist ein Riesenglück, wir können darauf mit all unserer Expertise reagieren.“ In den Häusern müsse diskutiert werden: „Was ist das Politische an der kuratorischen Praxis? Diese Debatte hält das Erbe, das wir betreuen, locker aus.“

Es gebe Gruppen, so Schmidt, die wollten keinen Dialog mit der Mehrheitsgesellschaft, sondern sich „nur reindrängen“. Wenn die Museen so blieben, wie sie waren, wäre die Rückständigkeit ein gerechtfertigter Vorwurf, meinte Parzinger, doch bei aller Offenheit müssten Museen wissenschaftsbasiert sein. Allerdings ende die Aufgabe der Kurator*innen nicht mit dem Aufbau der Ausstellung und dann könnten die schlechter bezahlten Museumspädagog*innen sich kümmern. Kontextualisierung und auch emotionale Herangehensweise müssten mit konzipiert werden. Dann erreiche man auch ein junges Publikum, das den Vorstellungen des alten bürgerlichen Bildungskanons gar nicht entspricht. Dies hätten Berliner Programme mit Schüler*innen aus Wedding und Moabit, aber auch das Flüchtlingsprogramm „Multaka“ gezeigt. Ein emotionaler Zugang zu den Objekten bringe erfahrungsgemäß auch einordnende Nachfragen hervor. Der Knackpunkt sei, so Müller-Bahlke, wie man Wissenschaft so kommuniziere, dass das Publikum eigene Fragen stelle.

Ob Museen auch die Aufgabe hätten, unsere Demokratie zu stabilisieren? Lorenz antwortete, Stabilisierung dürfe keine Zementierung sein, sondern bedeute, Raum für Debatten zu schaffen. Schmidt hakte nach: Wie frei seien denn die Museen in Zeiten von Moralisierung, von Opfern, die eine Komplexität der Kunstwerke leugneten oder Rassismuskritisches als Rassismus begriffen, und wie könne man „politischen Kitsch verhindern“ bei „Cancel Culture“ und „Political Correctness“?

Auf Widerstand vorbereitet?

Es gebe Empörung bei Teilen des Publikums, wenn durch neue Forschung liebgewonnene Vorstellungen torpediert würden, wie sich bei der Emil-Nolde-Ausstellung kürzlich gezeigt habe, sagte Parzinger. Hier wurde Nolde nicht mehr als Widerständler (siehe “Die Deutschstunde“ von Siegfried Lenz) gezeigt, sondern als ein Maler, der sich den Nazis durchaus angedient habe.

Schrecken Museen nach Shitstorms nicht eher vor schwierigen Ausstellungen zurück? Sind sie auf solchen Widerstand überhaupt vorbereitet, wollte ein Zuhörer wissen. Kulturdezernentin Hartwig forderte, Haltung zu zeigen. Museen müssten aber auch die Rückendeckung der Politik bekommen. Museumsleitungen würden sich inzwischen zu solchen Fragen besser vernetzen.

Über Museen als Institution wird gerade auch in der „Berlin Art Week“ im Martin-Roth-Symposium diskutiert, unter anderem, ob das Museum in Zeiten von Inklusion und Dekolonisierung noch brauchbar ist oder eine Institution von gestern. Solche Gedanken hatte offenbar auch der letzte Frager des Abends in der Urania: Er meinte, durch die Digitalisierung könne doch viel Museales in Netz geschoben werden und die dann freiwerdenden Räume für Asylbewerber-Unterkünfte oder Frauenhäuser genutzt werden. Während Parzinger das zu kommentieren ablehnte, erklärte Lorenz sehr freundlich, dass die digitale Bekanntschaft mit Kunst durchaus die Lust auf die analoge Begegnung fördere, die Museumsräume also weiter gebraucht würden.

Livestream: https://campus.re-publica.com/mars2

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