Corona-Schockwellen: Neue Normalkultur?

Recht zügig lag sie im August vor, die Anthologie „Echoräume des Schocks“, in der Kulturschaffende und Kreative darüber nachdenken, „wie uns die Corona-Zeit verändert“. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hatte bei Referent*innen ihrer Kulturpolitischen Jahrestagung nachgefragt und 25 Beiträge gebündelt, die von Ängsten und Hoffnungen im Ausnahmezustand des Corona-Alltags künden, davon, wie weiter versucht wird, sichtbar zu bleiben und dagegen anzukämpfen, dass Kultur als nicht „systemrelevant“ gesehen wird.

Buchcover

Der Schock, den Corona und die nachfolgenden Maßnahmen auslösten, war besonders im Kulturbereich groß und hält immer noch an, solange es keinen Neuanfang zu den alten Bedingungen gibt. Manchmal wünsche sie sich nichts mehr, „als das mein Leben wieder so ist wie zuvor“, bekennt Dramaturgin und Autorin Peggy Mädler. Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat setzt dagegen: „Normal, so wie früher, nein, so wird es wohl nie mehr werden.“ Wie eine Seifenblase sei das Sicherheitsgefühl der Menschen zerplatzt.

Schon allein die Gelder, die vor Corona nicht überreichlich in die „freiwillige“ Aufgabe Kunst und Kultur flossen, werden auf längere Sicht merklich knapper werden. „Zu erwarten ist eine tiefe und langfristig Krise der Kulturfinanzierung“, beginnt denn auch Michael Schindhelm seine erste These. Die zweite lässt eine „intensive Debatte“ darüber erhoffen, welche Rolle Kultur in unserer Gesellschaft dennoch spielen kann, eingeschlossen die Frage nach einem „neuen Kulturauftrag“. Es folgen zwölf weitere Thesen, die u.a. auch einen harten Überlebenskampf zwischen „institutionalisierter und freier Kunst“ prophezeien. Lustig wird all das sicher nicht. Doch endet Schindhelm in der Hoffnung, dass europäische Kultur eine maßgebliche Triebkraft der Gesellschaft bleiben werde. Insofern stehen seine „Vermutungen zur New-Normalkultur“ für den inhaltlichen Bogen, der mit den Beiträgen gezogen wird, von einer – oft recht persönlichen – Bestandsaufnahme über ein Nachdenken über Konsequenzen bis hin zu Lehren, die für die Zukunft zu ziehen sind. Die gute Nachricht laute „Wir haben es selbst in der Hand“, ist Staatsministerin Michelle Müntefering überzeugt: „Am besten: gemeinsam, solidarisch und demokratisch“ sei die Krise zu bewältigen, sagt sie und beschreibt Handlungsfelder auch für Auswärtige für Kultur- und Bildungspolitik.

Schade, aber das wird an der Liste der Angefragten liegen, dass im Buch mehr Kulturwissenschaftler*innen,  -manager*innen und Politiker*innen zu Wort kommen als praktizierende Künstler*innen. Ausnahmen wie Manaf Halbounis „Quarantänebericht“, Annett Gröschners „Hygieneinspektion“ oder Jasmin Mittags Anregungen zu einem minimalistischen Lebensstil tun da wohl. Auch die Corona-Fotoserien von Andreas Rost und Jürgen Matschie bieten mehr als rein illustrative Erhellung. Alles in allem: Zwischenbilanzen als Anregung zum Weiterdenken, keine Lösungen. Wie auch?

Franziska Richter (Hg.): Echoräume des Schocks. Wie uns die Corona-Zeit verändert. Reflexionen Kulturschaffender und Kreativer. Eine Anthologie. Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Bonn 2020, 192 Seiten Klappenbroschur, 16 Euro, ISBN: 978-3-8012-0589-5

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