Buchtipp: Ich bin doch gar nicht dein Kind

Am 15. April 2021 starb siebenundneunzigjährig Walter Kaufmann – ein erfolgreicher Reporter und Romancier, der in der DDR Weltläufigkeit ausstrahlte. Er war von seinen Adoptiveltern 1939 mit einem Kindertransport nach England verschickt worden, was ihm das Leben rettete. Die sorgfältige Edition der Briefe, die er in den Jahren danach bis zu deren Ermordung von den Eltern erhielt, hat Kaufmann nicht mehr erlebt, obgleich er die Originale über acht Jahrzehnte bewahrte. Sie zeugen von persönlicher Nähe und familiären Bindungen, sind aber auch beeindruckende zeitgeschichtliche Dokumente.

1955 aus dem Exil zurückgekehrt, war er den Anfang der fünfziger Jahre gegen Westemigranten gerichteten Repressionen nicht mehr ausgesetzt gewesen: Seinen australischen Pass durfte er behalten. Damit konnte er für Reportagen in Ländern wie die USA und Israel recherchieren, die für normale DDR-Bürger unzugänglich waren. Schon als blutjunger „schreibender Seemann“ in Australien erfolgreich, hat er sich seine geistige Unabhängigkeit nie nehmen lassen. Seinem flotten Stil war anzumerken, dass er an der anglophonen Shortstory geschult war.

Der Schriftsteller Walter Kaufmann in den 1970er Jahren. Foto: privat

Aus dem Berliner Scheunenviertel

Weltbürger zu werden war dem im Berliner Scheunenviertel unehelich geborenen Jizchak Schmeidel nicht in die Wiege gelegt. Als Dreijähriger wurde er von dem jüdischen Rechtsanwalt Sally Kaufmann und seiner Frau Johanna aus Duisburg adoptiert. Da er auch von deren weitläufiger Verwandtschaft voll akzeptiert wurde, verlebte er eine glückliche Kindheit.

Sie fand am 19. Januar 1939, seinem fünfzehnten Geburtstag, ein abruptes Ende. Um ihn vor Diskriminierung und Schlimmerem zu schützen, meldeten ihn seine Eltern für einen Transportzug jüdischer Kinder nach England an. Walter konnte es sich lebenslang nicht verzeihen, dass er seiner unglücklichen Mutter zuletzt zurief: „Weine nicht, ich bin doch gar nicht dein Kind!“ Nur ein Dienstmädchen hatte den Zehnjährigen einmal als Adoptivkind angeredet, was er verdrängt hatte. Erst jetzt, als er die Mutter trösten wollte, fiel es ihm wieder ein.

Walter Kaufmann konnte noch die Transkription, nicht mehr die sorgfältige Edition der Briefe erleben, die ihm seine Eltern nach der Trennung schrieben. Dass aus dem ersten Jahr über hundert Briefe vorliegen, bezeugt die tiefe familiäre Bindung. Neben Sorgen um verzögerte Antwort und um die Gesundheit des Sohnes geht es auch um Nachsendungen von Praktischem: Socken, Flöte, Augensalbe, Leckereien. Schon nach wenigen Wochen fordern die Eltern, dass Walter ihnen auf Englisch schreibt – weil sie eine gemeinsame Zukunft in den USA anstreben.

Verzweifeltes Bemühen um Kontakte

Den Entzug der Berufserlaubnis und die zeitweilige Verschleppung des Vaters ins KZ Dachau, sowie die Demolierung der elterlichen Wohnung in der „Kristallnacht“ hatte Walter noch miterlebt. Da man mit Zensur der Auslandspost rechnen musste, erzählen die Briefe kaum etwas von den weiteren Bedrängungen und Einschränkungen, denen Juden unterworfen wurden. Großen Raum nehmen Berichte ein, wie sich Verwandte, Freunde und Bekannte um Emigration bemühen, die bis Kriegsbeginn noch möglich war – vorausgesetzt man verfügte über Beziehungen und Vermögen. Auch in diesen Nachrichten klingen nicht nur bittere Abschiede an, sondern auch Hoffnung auf ein neues, vielleicht sogar besseres Leben. Das in „Judenhäusern“ erzwungene Zusammenrücken derer, die noch nicht fliehen konnten, schildern die Briefe oft als gemütliches Beieinander.

Walter mit seinen Eltern 1937 in Duisburg.
Foto: Privatarchiv Kaufmann

Da Sally Kaufmann als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Duisburgs gezwungen wurde, nicht nur die Angelegenheiten der Zurückbleibenden, sondern auch der Abreisenden zu „verwalten“, bieten die Briefe viel, publizistisch bislang wenig beachtetes Material über Hektik und Hoffnung, die die Perspektive der Emigration prägten. Der von seiner neuen Lebenssituation stark geforderte Sohn wird ständig mit Adressen von Ausgewanderten versorgt und angehalten, ihnen und den Zurückgebliebenen zu schreiben, zu Geburtstagen zu gratulieren und bei Todesfällen zu kondolieren. Vor allem in diesem verzweifelten Bemühen, Kontakte zu sichern, kann der heutige Leser die Existenzangst erkennen, die die jüdische Gemeinschaft erfasste.

…dann sind halt die Ereignisse stärker als wir

Die im Krieg erschwerte Korrespondenz musste teilweise über emigrierte Verwandte und Freunde gehen. Und als der sechzehnjährige Walter als «Ausländer aus Feindesland» (enemy alien) aus seinem Internat gerissen und als Kriegsgefangener nach Australien deportiert wurde, erreichten nur noch wenige Briefe die besorgten Eltern. Immerhin erfuhren sie, dass Walter nicht wie von ihnen gewünscht, einen im Exil praktischen Handwerkerberuf ergreifen, sondern unbedingt „Dichter“ werden wollte. Doch erhielten sie zuweilen Nachrichten von ihm über nun weltweit verstreute Dritte.

Obwohl sie sich auch schon 1938 um Emigrationsmöglichkeiten, u. a. nach Chile, bemüht hatten, blieb Sally und Johanna Kaufmann die Ausreise versagt. 1943 wurden sie nach Theresienstadt verschleppt und in Auschwitz ermordet. Walter erreichte die am Tag der Deportation geschriebene Nachricht: „Hoffen auf ein Wiedersehen“.

L-Joseph Heid (Hg), Johanna Kaufmann, Sally Kaufmann: Alles Schreiben hat ja das Ziel, daß wir drei wieder zusammenkommen. Nachrichten an den Sohn Walter Kaufmann 1939-1943, Duisburger Geschichtsquellen, Band 15, Klartex Verlag 2021, 24,95 Euro, ISBN: 978-3-8375-2097-2


Über Walter Kaufmann:

https://vs.verdi.de/themen/nachrichten/++co++57261c14-b1ac-11e8-8a46-525400afa9cc

https://weltnetz.tv/video/2441-mit-australischem-pass-der-ddr-teil-1

https://weltnetz.tv/video/2442-mit-australischem-pass-der-ddr-teil-2

 

„Walter Kaufmann – Welch ein Leben“ heißt ein neuer Kinodokumentarfilm von Karin Kaper und Dirk Szuszies. Nach Voraufführungen auf Festivals und einer Gala-Vorführung am 28.09.2021 in Berlin folgt der bundesweite Kinostart am 30. September.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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