Brot, Rosen und der Luise-Büchner-Preis für Florence Hervé

Die Preisträgerin 2021 (l.) und Agnes Schmidt, die Vorsitzende der Luise-Büchner-Gesellschaft Foto: Thomas A. Schmidt

„Wenn wir zusammengehen, kommt mit uns ein besserer Tag“, heißt eine Zeile aus dem Lied „Brot und Rosen“. Unter diesem Titel steht eines der ersten von Florence Hervé herausgegebenen Bücher über die „Geschichte und Perspektive der demokratischen Frauenbewegung“. Zahlreiche weitere Werke zu Friedens-, Gleichberechtigungs- und Widerstandsbewegungen folgten. Für ihr Lebenswerk hat die Publizistin am 12. Dezember in Darmstadt den „Luise Büchner-Preis“ erhalten.

In der Begründung der Jury heißt es: „Die deutsch-französische Germanistin und Feministin Dr. Florence Hervé engagiert sich seit Beginn ihrer publizistischen Tätigkeiten im Jahr 1969 nicht nur als Autorin, Journalistin, Übersetzerin und Herausgeberin für eine Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft. Seit den 70er Jahren ist sie darüber hinaus in der europäischen und internationalen Frauenbewegung politisch aktiv: Sie war u. a. eine der Mitbegründerinnen der Demokratischen Fraueninitiative und war von 1994 bis 2002 im Leitungsteam der Internationalen Demokratischen Frauenföderation (IDFF).“

Geboren wurde Florence Hervé im April 1944 im noch von den Deutschen besetzten Paris. Als 15jährige Schülerin lernt sie – wie Elisabeth Klaus bei der Verleihung mitteilte – auf dem Gymnasium Autoren des „anderen Deutschland“ kennen: Heinrich Heine, Franz Kafka und Bertolt Brecht. Die Laudatorin, Professorin am Fachbereich Kommunikationswissenschaft in Salzburg, skizzierte Florence Hervés Lebensweg von deren Studium am Dolmetscher-Institut in Heidelberg über das Studium der Germanistik in Bonn ab 1963, wo die mit der Studentenbewegung einsetzenden Veränderungen auch das künftige gesellschaftspolitisches Engagement der Preisträgerin bestimmen. Sowohl in ihrer journalistischen als auch wissenschaftlichen Arbeit. Es sind die Themen Demokratie, Frieden, Freiheit, Gleichheit und Menschenrechte.

In dem schon genannten Buch „Brot & Rosen“ beziehen sich die Beiträge mehrerer Autorinnen auf August Bebels Schrift „Die Frau und der Sozialismus“. Florence Hervé weist auf Bebels Studium der Arbeiter- und Frauenbewegung hin und zitiert seine Kernthese: „Es gibt keine Befreiung der Menschheit ohne die soziale Unabhängigkeit der Geschlechter.“ Als freiberuflich tätige Frau mit zwei Kindern macht Hervé auch persönlich die Erfahrung gesellschaftlicher Ungleichheit in der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Laudatorin Klaus bringt es so auf den Punkt: „Den Unmut gegen all diese Zumutungen zu artikulieren – gegen Rassismus und Rechtsextremismus, gegen Frauenunterdrückung und Benachteiligung, gegen soziale Ungerechtigkeit und Exklusion – und etwas dagegen zu unternehmen, wird zum Motor für Florence Hervés weiteres Handeln. … Kein Zweifel: Der Unmut über die gesellschaftlichen Zumutungen an Frauen ist der Ursprung der Leistungen der heute Geehrten, sein Inhalt aber ist die Ermutigung.“

Vorbilder

Die Aktivitäten und Publikationen der im VS organisierten sozialistischen Feministin zeigen, wer ihre und anderer Mitstreiterinnen Vorbilder sind und sein können. Man schaue sich das mehrfach erschienene und jeweils aktualisierte „Weiberlexikon“ an oder das „Lexikon der Rebellinnen“ sowie die Bücher über Flora Tristan, Clara Zetkin oder Louise Michel.

Antifaschismus und der Widerstand von Frauen gegen Faschismus und Krieg sind ein Lebensthema von Florence Hervé. Ein Buch über die Verbrechen und das Massaker im französischen Oradour sowie die im vergangenen Jahr erschienene Publikation „Mit Mut und List. Europäische Frauen im Widerstand gegen Faschismus und Krieg“ sind Beispiele dafür.

In ihrer Dankesrede zur Preis-Verleihung hat Hervé unter Bezug auf die Namensgeberin des Preises, Luise Büchner, zwei weitere Themen hervorgehoben: Die Pflege- und Sorgearbeit sowie die FrauenBildung.

Mit Unterstützung der Großherzogin und Freundin Alice von Hessen-Darmstadt hatte Luise Büchner 1867 einen Frauenverein für Krankenpflege gegründet. Seine Ziele waren die Ausbildung von Pflegerinnen, unabhängig von der Religion, sowie die Kranken- und Verwundeten-Pflege als bezahlter Frauenberuf. Deutlich äußert sich Hervé zu den schwierigen ja problematischen Bedingungen in der Pflege- und Sorgearbeit unter den aktuellen Pandemiebedingungen. „Corona hat gezeigt, dass eine geschlechtsgerechtere Verteilung der Arbeit und Sorgearbeit, die sich langsam und allmählich entwickelte, wieder zurückgenommen wird. Home-Office als Einstieg in den Ausstieg aus der Erwerbsarbeit? Untersuchungen belegen, dass Sorgearbeit und mehr Hausarbeit während der Pandemie zu ungleichen Teilen abgetragen werden. Dabei nimmt die Gewalt im häuslichen Bereich zu. Wir erleben einen Backlash in punkto Frauenrechte und Arbeitsverteilung.“ Es gehe deshalb nachdrücklich darum, diese Zustände zu ändern und die Gesellschaft gerechter, sorgsamer und solidarischer zu machen.

In der politisch verstandenen Frauenbildungsarbeit sei man/frau in den 70er Jahren schon einmal weiter gewesen. In den letzten zwanzig Jahren sei die politische Frauenbildung aber aus vielen Volkshochschulen zunehmend verdrängt worden. In Pandemiezeiten verstärke sich diese Tendenz. Dagegen gelte es anzugehen. Frauenbildungsarbeit bleibe eine ständige Herausforderung.

Zur Verleihung des Büchner-Preises gehören 2.500 Euro und eine Zeitungsseite im „Darmstädter Echo“. Dort hat Florence Hervé erklärt, dass sie diesen Preis gern annehme, stellvertretend auch für die vielen Mitstreiterinnen, die an ihrer Seite waren und sind. Auf die Frage des Redakteurs, warum sie seinerzeit das Bundesverdienstkreuz abgelehnt habe, erklärte sie: „Es gab Gründe dafür, es gab Gründe dagegen. Ich bin kein Mensch, der Medaillen sammelt. Ich fand es einfach seltsam, dass die meisten Rechte, für die ich gekämpft habe, in Opposition zur Regierung standen. Eine Regierung ehrt mich für etwas, das sie eigentlich nicht machen will – das hat für mich nicht gepasst. Hinzu kam unter anderem, dass ich mich in einer Reihe mit Preisträgern befunden hätte, die Nazis beziehungsweise Nazitäter waren.“ Da kann man nur sagen: Respekt! Außerdem wäre es vielleicht auch an der Zeit, dass der „Luise-Büchner-Preis für Publizistik“ dem literarischen ihres berühmten Bruders Georg angemessen gleichgestellt würde. Die Namensgeberin steht zwar nicht für dessen revolutionäre Haltung, gleichwohl ist ihr Credo von hoher gesellschaftlicher Aktualität.

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