Blindheit und andere Themen im Werk von Pilar Baumeister

Pilar Baumeister, 1948 in Barcelona geboren, lebte seit 1975 in Deutschland. Sie studierte deutsche, englische und russische Philologie. Nach ihren Werken „Estados Interiores“ und „El Antro de los Extraños“ auf Spanisch schrieb sie seit vielen Jahren auf Deutsch. Hiezulande trat sie bei Tagungen des Verbandes Deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) in ver.di auf, bei Lesungen im Dunkeln und Lesungen mit zweisprachigen, zugewanderten Autor*innen. Seit 2019 war Dr. Pilar Baumeister Beisitzerin im VS-Bundesvorstand. Sie starb am 19. Dezember 2021.

Pilar Baumeister hielt häufig Vorträge in Schulen und Kulturzentren von Madrid und Segovia in Spanien. Seit 2006 hatte sie zudem ein bundesweites Projekt geleitet: Lesungen von Autor*innen mit Migrationshintergrund in deutscher Sprache. Hierzu gehört das von ihr organisierte „Festival der multikulturellen Literatur NRW“, das 2015 zum ersten Mal in Köln stattfand. Sie war seit 1999 Sprecherin der Schriftsteller*innen mit multikulturellen Wurzeln im VS-NRW, seit 2018 Mitglied im PEN.

Pilar Baumeister Foto: privat

Pilar Baumeister schrieb vorwiegend Kurzgeschichten, aber auch Lyrik, Romane und literarische Essays. Thematisch bezog sie sich oft auf ihre Blindheit und die Reaktionen der Gesellschaft darauf, auf ihre doppelte Heimat (Deutschland und Spanien), auf Zweisprachigkeit, Multikulturalität, Krisensituationen und das Zusammenleben mit Familie, Freunden oder Fremden. Einen Einblick gibt ihre Webseite.

Susanne Konrad verfasste vor einigen Monaten Texte über Pilar Baumeister und ihr Schreiben, die zuerst in Juni-Heft 2021 von eXperimenta. Magazin für Literatur, Kunst und Gesellschaft erschienen. Mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Magazin veröffentlichen wir hier Auszüge in Würdigung und zur Erinnerung an Pilar Baumeister:

Mich bewegt die Fragestellung, welche Rolle ihre Behinderung und ihre Migrationserfahrung in Pilar Baumeisters Texten spielen und wie dies das Spektrum ihrer Werkgenese geprägt hat. Baumeister schreibt literaturwissenschaftliche Studien und literarische Texte.

Sie hat zahlreiche Erzählungen, eine Novelle und ein Kinderbuch veröffentlicht. Die große Nähe zum Erzählgegenstand, die sich im Werk Pilar Baumeisters findet, dazu die starke Einbeziehung körperlicher Sinneswahrnehmungen wie Riechen, Schmecken, sexuelle Gefühle, mag manchem Leser als recht direkt erscheinen. Diese Nähe ist jedenfalls nicht typisch für die deutsche Literaturtradition, in der mehr vom An-Blick und der Verdrängung des Körperlichen ausgegangen wurde. Ich vermute, dass dieser Umstand die Rezeption von Pilar Baumeisters Schriften in Deutschland erschwert hat, obwohl es gerade von Mut zeugt, der herkömmlichen Überbewertung des Sehens im Vergleich zu anderen Sinneswahrnehmungen etwas entgegenzusetzen.

Die literaturwissenschaftliche Arbeit ist fest in ihrer Produktivität verankert. 1991 erschien ihre Doktorarbeit „Die literarische Gestalt des Blinden im 19. und 20. Jahrhundert“. 2010 veröffentlichte sie eine weitere Studie: „Wir schreiben Freitod. Schriftstellersuizide in vier Jahrhunderten“. Diese entstand als freies Projekt, ohne Anbindung an eine akademische Prüfung. Das zeigt, dass literaturwissenschaftliche Schriften ein essentieller Bestandteil von Baumeisters Schaffen sind.

Manchmal erscheint das Leben großartig und manchmal grauenvoll
Interview mit Dr. Pilar Baumeister

Susanne Konrad: Hat sich seit deiner Dissertation 1990 in der Darstellung der Blindheit in der Literatur etwas geändert?

Pilar Baumeister: Da ich später mehr mit anderen Themen involviert war: Suizid, Arbeitsalltag in einem Büro, Migrantenschicksal, Reisen, Tod von Angehörigen, Einsamkeit und Älterwerden – habe ich Publikationen über den Zusammenhang Sehende und Blinde in der Literatur wenig verfolgt. In den Ergebnissen meiner Untersuchung hatte ich aber bereits darauf hingewiesen, dass das 20. Jahrhundert eine Öffnung zur Inklusion hin darstellt. Gesellschaftskritik findet statt und die Mündigkeit der Blinden als Menschen wird wahrgenommen. Diese Tendenz setzt sich in unserem Jahrhundert fort, obwohl noch viele alte Klischees leider vorhanden sind.

Susanne Konrad: Wie beurteilst du die heutige Situation blinder Schriftsteller*innen?

Pilar Baumeister: Wir haben es schwer wie alle Minderheiten. Worüber können Blinde schreiben? Nur über die Blindheit, denken einige. Wir werden manchmal gerufen, um Biographisches preiszugeben. Wie kann man einem Blinden am besten helfen? Somit werden wir teilweise gezwungen, Aufklärungsarbeit zu leisten. Ja, wir sind blind, aber wir sind vor allem Menschen und interessieren uns für alle möglichen Themen, und noch dazu sind wir Autor*innen wie John Milton, Hermann Hesse, Jean-Paul Sartre, James Joyce, Jorge Luis Borges etc., die auch irgendwann in ihrem Leben blind waren oder wurden.

Susanne Konrad: Was hat dich zu der Studie „Wir schreiben Freitod – Schriftstellersuizide in vier Jahrhunderten“ motiviert?

Pilar Baumeister: Das Leiden im Allgemeinen. Das Leben ist eine Mischung aus Leiden und Freuden. Manchmal erscheint es großartig und manchmal grauenvoll. Die Menschen, die endgültig darauf verzichten, und besonders Schriftsteller*innen haben mich immer interessiert. Erkenntnisse aus meiner Arbeit über beinahe 500 Autor*innen, die ab dem 17. Jahrhundert den Freitod wählten, habe ich auch literarisch verarbeitet u.a. in der Erzählung: „Die Menschen mit denen ich lebte“ aus dem Buch: „Frauenstimmen im Weltraum“. Psychologie bildet die Hauptquelle meines Schreibens, das nicht realistisch, sondern surrealistisch bezeichnet werden kann.

Susanne Konrad: Beeinflusst deine Blindheit dein Schreiben?

Pilar Baumeister: Ich glaube schon. Ich beschreibe kaum Landschaften, das Äußere der Menschen, Möbel oder Kleidungsstücke. Dafür aber intensiviert sich die Schilderung des Inneren. Ängste, Gedanken und Stimmungen der Figuren werden hauptsächlich durch innere Monologe oder Gespräche mit anderen wiedergegeben. Der Dialog ist eine Art Handlung, Bewegung und gleichzeitig Charakterisierung, Atmosphäre. Ich habe ihn viel lieber als die erzählenden Passagen in einem Werk. Aber hat das direkt mit der Blindheit zu tun? Henry James hatte auch viele Dialoge geschrieben. Fedor Dostojewski und Franz Kafka schrieben hauptsächlich über das Innere ihrer Figuren. Dafür brauchten sie nicht blind zu sein.

Trotz meiner Blindheit recherchiere ich häufig im Internet nach Informationen zu möglichst interessanten Themen für meine Erzählungen wie zum Beispiel: „Können Erwachsene adoptiert werden?“ „Wie ist das Schicksal unehelicher Kinder von Diktatoren?“ „Wie läuft eine Heiligsprechung vor sich?“ „Was ist aus den schönen Miss Deutschland und Miss Universum im Laufe der Jahre geworden?“

Susanne Konrad: Beeinflusst deine Migrationserfahrung dein Schreiben?

Pilar Baumeister: Ja. Die vielen Sprachen, die ich gelernt habe, vor allem Spanisch und Deutsch, aber auch die anderen, die ich studiert habe – Englisch, Russisch, Französisch, Italienisch – erweitern meinen Horizont nicht nur menschlich. Auch literarisch machen sie mich erfinderisch und reich, mit viel Kontakt zu Menschen der Außenwelt verschiedener Länder und Kulturen.

Susanne Konrad: Was hat für dich einen höheren Stellenwert – deine literaturwissenschaftlichen oder deine literarischen Schriften?

Pilar Baumeister: Die kreativen Werke, meine Lyrik, Kurzgeschichten und meine drei Romane (auch wenn diese noch nicht veröffentlicht worden sind). In meinem Buch: „Wir schreiben Freitod“ gibt es neben der literaturwissenschaftlichen Sammlung von Biographien auch ein Kapitel, das Fiktion ist, eine imaginäre Begegnung zwischen Sylvia Plath und anderen Autorinnen, die sich das Leben nahmen.

Ständig analysiere ich meine Figuren, deren Gedanken und Motive. Um sie besser zu verstehen, erzähle ich aus verschiedenen Perspektiven, collagiere Autobiografisches mit erfundenen Situationen und Menschen. Nicht ich bin Mittelpunkt meines Schreibens, sondern die Charaktere, die ich erschaffen will.

Susanne Konrad: Was reizt dich an der kurzen Form, der Erzählung?

Pilar Baumeister: Die Dichte und Intensität wie bei der Lyrik, aus der Perspektive eines oder mehrerer Augenblicke eine ganze Existenz zu sehen.

Susanne Konrad: Bist du mit der Rezeption deines Werkes in Spanien zufrieden?

Pilar Baumeister: Ich lebe nicht dort und von hier aus fällt es mir schwer. Erst jetzt habe ich einen kleinen Verlag für meine Kurzgeschichten gefunden. Im März wird mein Buch „De vivos, muertos y otros misterios“ Online vorgestellt.

Susanne Konrad: Bist du mit der Rezeption deines Werkes in Deutschland zufrieden?

Pilar Baumeister: Bei Lesungen ja. Ich lese interaktive Gedichte in Schulen und auch bei Erwachsenen. Ich versuche, dass das Publikum mitspricht und an kurzen Stellen Rollen meiner Figuren übernimmt. Meistens machen die Zuhörer gerne mit.

Susanne Konrad: Wie ist deine Erfahrung mit Verlagen in Deutschland und in Spanien?

Pilar Baumeister: Nicht gut. Ich gehöre nicht zu den großen Namen und die kleinen Verlage haben wenig Geld. Sie greifen eher auf ihren alten Stamm an Autor*innen zurück, als neue dazu zu nehmen. Und in Madrid versuche ich es erst jetzt, aber meine meisten Werke, 16, sind auf Deutsch.

Susanne Konrad: Wie stehst du zu marktkonformem Schreiben?

Pilar Baumeister: Ich möchte es nicht. Mein Bestreben ist immer, etwas Originelles zu bieten, etwas, was zum Nachdenken bringt. Die kommerziellen Thriller irritieren mich, besonders wenn sie die 200 Seiten überschreiten und von einem Familienplot zu dem nächsten übergehen.

Susanne Konrad: Was war dein schönstes Erlebnis auf einer deiner Lesungen?

Pilar Baumeister: Ich klopfte auf den Tisch, und jedes Mal, wenn ich schlug, sagten die Kinder mit Begeisterung den einen Vers meines Gedichtes: „Pausen, Sonntag, Urlaub“ auf.

Susanne Konrad, geboren 1965 in Bonn, studierte Deutsch und Geschichte in Konstanz und Frankfurt am Main, sie promovierte 1995 über Goethes „Wahlverwandtschaften“. Seit 1987 Publikationen in Anthologien und Zeitschriften, Autorin von Erzählungen und Novellen Romanveröffentlichungen 2005, 2012, 2015.

 

 

 

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