Bildhaftes Gedächtnis unserer Gesellschaft

Auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen liegt das Baugelände (mittig), das als Standort für das Bundesinstitut für Fotografie ausgewählt wurde. Das gesamte Areal zählt seit 2001 zum UNESCO-Welterbe. Foto: Silviu Guiman

Vom holprigen Weg zu einem „Bundesinstitut für Fotografie“

Ein bundesdeutsches Institut für die Fotografie, ein Ort für das fotokulturelle Erbe Deutschlands, soll entstehen. Das ist die gute Nachricht. Doch der Weg scheint noch weit. Schon seit 2019 wird daran geplant. Einem Konzept einer hochkarätigen Expertenkommission folgte eine Machbarkeitsstudie – mit dem Ziel, wie es die Initiatorin und ehemalige Kulturstaatsministerin Monika Grütters formulierte, ein „bildhaftes Gedächtnis unserer Gesellschaft zu bewahren“. Selbst Geld dafür ist eingeplant…

Das Institut für Fotografie soll ein Manko ausfüllen: Deutschland spielt in der Geschichte und Entwicklung der Fotografie eine zentrale Rolle. Doch zu wenig wird bislang für die Bewahrung, Archivierung und Restaurierung der Fotografie als Kulturgut getan. Das neu zu gründende Institut soll laut dem von Grütters beauftragten Expertengutachten aus dem Frühjahr 2020 die in Deutschland bereits dezentral vorhandenen Kompetenzen bündeln. Das neue Institut bekommt demnach den Auftrag zum „Erhalt des fotografischen Erbes“ in Deutschland – unter anderem, indem herausragende Vor- und Nachlässe erhalten werden.

Außerdem sollen Forschungsvorhaben zu Restaurierung, Archivierung und Digitalisierung sowie Wissensvermittlung und -austausch in Fachkreisen wie gegenüber einer interessierten Öffentlichkeit stattfinden. Entstehen soll ausdrücklich kein neues Fotomuseum für ein breites Publikum in Konkurrenz zu den bereits bestehenden Einrichtungen, etwa in Köln, Dresden, München, Hamburg, Berlin und Leipzig.

Doch schon vor der Realisierung des Vorhabens kam es zum Zwist. Wo soll es angesiedelt sein, das Bundesinstitut für Fotografie? Welches der Ort sein, wo das fotografische Kulturerbe Deutschlands bewahrt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird? Dieser Ort, der kein klassisches Museum sein wird, soviel scheint heute klar, muss natürlich in Düsseldorf sein. Meinten die Düsseldorfer – die mit Stolz auf ihre große, weltbekannte Tradition künstlerischer Fotografie blicken: famous Becher-School.

Und es sah zuerst gut aus für die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt. Schnell wurde ein Etat von 41,5 Millionen Euro vom Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages freigegeben – für einen Standort in Düsseldorf. Doch die Experten und auch die Machbarkeitsstudie sahen es kurz danach anders: Nach Essen soll es, das neue Institut. In Düsseldorf reagierte man ziemlich zerknirscht. So wie Fotokünstler Andreas Gursky mit seinem Verein, welcher der Machbarkeitsstudie „Einseitigkeit“ vorwarf und selbst ein Gründungskonzept vorgelegt hatte. Dem gemäß sollte das Institut ein öffentlicher Ort der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Fotografie in seinen analogen, digitalen und hybriden Formen werden.

In Essen natürlich: helle Begeisterung. Peter Gorschlüter, Direktor des Museums Folkwang: „Sowohl der Bericht der Expertenkommission als auch die Machbarkeitsstudie haben sich eindeutig für den Standort Essen ausgesprochen, aus inhaltlichen wie logistischen Gründen. An diesen Gutachten führt kein Weg vorbei.“

Düsseldorf hat in der Fotografie einen internationalen Namen. Essen hat auf dem Gelände der Zeche Zollverein jede Menge Platz. Und so könnte hier also bis 2027 das Institut entstehen – für geschätzte 125 Millionen Euro. Doch soweit ist es noch nicht. Weiterhin will man auch in Düsseldorf um das Institut kämpfen, will das Gelände des Düsseldorfer Ehrenhofes bereitstellen. Und wie wichtig der neuen Ampel-Koalition das Thema überhaupt ist, scheint auch noch nicht ganz klar zu sein.

Ungeachtet dessen hat sich in Essen eine Initiative aus vier Partnern gebildet, die das Institut in trockene Tücher wickeln wollen: Folkwang Universität der Künste, Historisches Archiv Krupp, Museum Folkwang und Stiftung Ruhr Museum haben jüngst auch das Magazin „Fotostadt Essen“ lanciert. Hier betonen die Macher die besondere Expertise der Essener Institutionen auf allen Feldern der Fotografie: „Die Essener Institutionen stehen mit ihren Programmen, nationalen und internationalen Netzwerken und Aktivitäten beispiellos für Zeitgenossenschaft, Relevanz und Wirkung in Ausbildung, Ausstellungen, Archivierung, Sammlungsarbeit, Dokumentation, Wissenschaft, Restaurierung und Kuratierung.“

Im Dezember 2021 fand auch ein internationales Symposium auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein statt, wo über „Werte des Fotografischen“ diskutiert wurde. Man darf gespannt auf die nächsten Schritte sein. Der Ball ist nun bei der neuen Bundesregierung, denn diese könnte vom Bundestag die Zustimmung zur Inanspruchnahme der im Bundeshaushalt enthaltenen Verpflichtungsermächtigung in Höhe von 41,5 Millionen Euro für das Bundesinstitut einholen. Denn dieses Geld liegt nun schon seit 2019 bereit.

 

 

 

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