Berührend: ver.di-Literaturpreis für Kathrin Schmidt

Kathrin Schmidt (Mitte) mit Susanne Stumpenhusen und ver.di-Landesfachbereichsleiter Andreas Köhn.
Foto: Christian von Polentz

„Wir sind uns sehr schnell eins geworden.“ So beschreibt Susanne Stumpenhusen, ehemalige ver.di-Landesbezirksleiterin Berlin-Brandenburg, den Jury-Findungsprozess bei der Vergabe des diesjährigen ver.di-Literaturpreises in der Kategorie Lyrik. Gefeiert und ausgezeichnet wurde im ver.di-Haus am 29. März Kathrin Schmidt für ihren Gedichtband „waschplatz der kühlen Dinge“. Für ihre Romane wurde Schmidt bereits geehrt, „Du stirbst nicht“ etwa erhielt 2009 den Deutschen Buchpreis.

Nun kann sich Kathrin Schmidt darüber freuen, dass sie von der Jury, der neben Stumpenhusen auch Michael Wildenhain, Vorsitzender des VS Berlin, und Ingeborg Arlt, VS Brandenburg, angehörten, auch für ihr zweites schriftstellerisches Standbein, die Lyrik, gewürdigt wurde – mit Urkunde, Blumenstrauß und obligatorischem 300o-Euro-Scheck.

An Ingeborg Arlt war es, die Laudatio zu verlesen: 38 Einsendungen habe die Jury gesichtet, sich an Wortspielen und Mehrdeutigkeiten erfreut, Rhythmen und Reimtechniken geschätzt. „Aber Kunstfertigkeit allein geht einem nicht nah; wenn sonst nichts überspringt, ist man beim Lesen beschäftigt, nicht berührt.“ Ganz anderes bei Kathrin Schmidt. Deren Kunstfertigkeit springe sofort ins Auge, mache das Lesen erst zur Herausforderung, dann zum Vergnügen. Wer Kathrin Schmidt zu schnell lese, dem entginge viel. Wer sich hingegen herausfordern lasse, langsam zu lesen, der könne sich an vielfältigen Assoziationen erfreuen. Eine Wortschöpfung wie „Blechschlafmusik“ – so der Titel eines Gedichts – lasse beispielsweise eine „seelische Karambolage mit Blechschaden und Blaulicht anklingen“, lobte Arlt. „So schreiben zu können, ist eine große Kunst.“ Das Artistische sei das eine, das andere, mindestens genauso Wichtige: Die Gedichte von Schmidt ermöglichten einen Blickwechsel, „eine Begegnung von Personenmitte zu Personenmitte“, wie Arlt Erich Fromm zitierte. In den Gedichten würden existenzielle Fragestellungen verknüpft, die auch Fragen nach der eigenen Existenz aufwerfen. „Sie schildert uns Verhalten so, dass sie damit auch Verhältnisse zeigt.“ Es gebe auch direkte politische Aussagen, doch nirgends verselbstständige sich ein auf die Gesellschaft zielendes Anliegen dadurch in die Nähe von Propaganda oder Predigt. Bestes Beispiel dafür sei das letzte Gedicht des Bandes „Amazonian amazon“, das uns sowohl mit der Weltwirtschaft konfrontiert als auch mit einem schrägen Blick auf den eigenen Haushalt.

Bescheiden verzichtet die Schriftstellerin nach der Preisübergabe darauf, in einer eigenen Rede erklärend über ihr Werk zu sprechen. Stattdessen las sie zur Freude des Publikums aus ihrem Gedichtband „das boot setzt über“, einen 15-teiligen Sonettenkranz, der im Vorfeld des Lutherjahres entstand und die Übersetzungsarbeit Luthers aufgreift.

Der ver.di-Literaturpreis Berlin-Brandenburg wurde bereits zum 17. Mal verliehen; angeregt hatte ihn seinerzeit das engagierte Berliner VS-Mitglied Monika Ehrhardt-Lakomy. Für Susanne Stumpenhusen wurde er zu einer Herzensangelegenheit „Ich habe den Preis mit Klauen und Zähnen auch in finanziell schwierigen Zeiten verteidigt, er soll auch Vermächtnis sein, dass ich meinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern auf den Weg gebe.“ Doch sei der Preis mittlerweile etabliert und zu einer festen Größe geworden.

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