Berliner Künstler*innen auf der Straße fordern Existenzgeld

Die Protestdemo der Berliner Künstler*innen am 9. August endete mit einer Kundgebung am Brandenburger Tor. Foto: Gabriele Senft

Bunt ging es zu beim Protestmarsch der Kulturschaffenden am 9. August in Berlin – so bunt wie im Kulturleben der Stadt. Dem Aufruf von Martin Bracht (Die Artistokraten) waren meist soloselbstständige Kreative verschiedenster Sparten gefolgt: Kabarettist*innen, Artist*innen, Schauspieler*innen, Sänger*innen, Tänzer*innen, Kleinkünstler*innen, aber auch Freischaffende aus den Bereichen Kostüm, Maske, Veranstaltungsorganisation sowie Ton- und Lichttechnik.

Sie waren trotz sengender Hitze auf die Straße gegangen, damit sie nicht bald im wörtlichen Sinn auf der Straße sitzen. Denn obwohl viele Teilnehmende in ihren Auftrittskostümen einen erfrischenden Anblick boten, war der Anlass für die Demonstration, zu der auch ver.di aufgerufen hatte, ein bitterer: Viele Kulturschaffende bangen nach der coronabedingt erzwungenen Auftrittspause, die nun seit mehr als fünf Monate anhält, um die Existenz.

Versammelt hatten sich die Protestierenden am Kurfürstendamm; nach einem Marsch durch die Innenstadt bildete eine Kundgebung vor dem Brandenburger Tor den Abschluss. Der Kabarettist Arnulf Rating moderierte: Etliche coronageplagte Darsteller*innen gaben eine Kostprobe ihres Könnens. Zu hören und zu sehen waren die Mezzosopranistin Denise Felsecker, die Schauspielerin und Entertainerin Katharina Hoffmann, die Artisten Martin und Felix von den Artistokraten, die Flamencogruppe um Laura la Risa, das Berliner Alphornorchester, die Luftartistin Petra Tobies und die Sängerin Djatou Touré. Sie unterbrachen mit ihren Darbietungen die Redebeiträge von Politikern, Betroffenen sowie Vertreter*innen von Künstlerinitiativen – es sprachen u. a. der Berliner Kultursenator Klaus Lederer, die Tempodrom-Gründerin Irene Mössinger, die Künstlervermittlerin Andrea Wittwer sowie Erhard Grundl, MdB, B90/Grüne.

Unter den etwa 2000 Demonstrierenden war auch diese Alphornbläserin – nach dem Auftritt. Foto: Gabriele Senft

Wo bleibt ein Konjunkturpaket?

Auch Kunst ist systemrelevant und muss wertgeschätzt werden, hieß es im Aufruf zum Protestmarsch. Und: „Die Kultur- und Kreativbranche erwirtschaftet jährlich um die 100 Milliarden Euro, drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Außerdem hängen an dieser Branche 1,7 Millionen Arbeitsplätze.“ Es sei daher kurzsichtig, soloselbstständige Künstler*innen und Kreative nicht durch ein Konjunkturpaket zu unterstützen und diesen Wirtschaftszweig auszuhungern. Arnulf Rating setzte noch einen drauf: „Wenn die Künstler und Darsteller nicht in der Stadt wären, gebe es hier keinen einzigen Touristen, dann wäre das Brandenburger Tor allein. Wir sind diejenigen, die seit fast 150 Tagen ohne Arbeit sind. Wir müssten eigentlich das Zehnfache bekommen von dem, was die Lufthansa bekommen hat, weil in der Kulturbranche achtmal so viele Menschen beschäftigt sind. Und wir arbeiten komplett CO2-frei.“

Klaus Lederer betonte das Engagement des Landes Berlin: „Wir haben eine Soforthilfe aufgesetzt, die auch für den Lebensunterhalt verwendet werden konnte. Innerhalb von fünf Tagen wurden hohe dreistellige Millionenbeträge ausgezahlt. Dann war die Kohle alle und wir mussten das Programm vom Netz nehmen.“ Man mache weiter Druck auf den Bund, der für die soziale Sicherung zuständig ist. Dieser müsse dafür sorgen, dass soloselbstständige Kulturschaffende die Corona-Krise überstehen. Im Berliner Senat sei man entsetzt gewesen, als klar wurde, dass die Bundesprogramme nur betriebliche Kosten decken sollen. „Ich fordere nach wie vor, dass das, was bei Kurzarbeit gilt, auch für Freiberufler und Soloselbständige gilt: Sie sollen 60 bzw. 67 % des durchschnittlichen Einkommens der letzten drei Jahre bekommen.“ Zusammen mit Bremen habe man dafür eine Bundesratsinitiative eingebracht. „Alle Bundesländer stimmten zu. Aber auf Bundesebene passierte nichts.“

Runder Tisch und Existenzgeld nötig

„Nach fast sechs Monaten hat sich unsere Situation kaum gebessert, die meisten können nicht ansatzweise einer Erwerbstätigkeit nachgehen“, beklagte Jana Riediger von der „Initiative Kulturschaffender in Deutschland“. Seit März ringe man um Verständnis für deren Situation und für einen sinnvollen Diskurs mit der Politik. „Wir fordern einen runden Tisch mit Vertretern der Politik und Interessenvertretungen für Kleinstunternehmen, Soloselbstständige und Freischaffende in der Kultur-, Kreativ und Unterhaltungsbranche. Wir brauchen ein Programm, das nicht in erster Linie Unternehmensstrukturen stützt, sondern vor allem die Menschen. Wir plädieren für einen pauschalen monatlichen Ausgleich der Umsatzeinbrüche.“

Konkret fordern die Initiatoren des Protestmarschs ein monatliches „Existenzgeld“ von mindestens 1.180 Euro zur Deckung der wichtigsten Lebenshaltungskosten wie Miete, Essen und Krankenversicherung. Dieses „Künstler-Kurzarbeitergeld“ soll so lange gezahlt werden, bis eine Ausübung des Bühnenberufs wieder in vollem Umfang möglich ist.

 

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