Autor und kulturpolitischer Aktivist: Erasmus Schöfer ist 90

Hier spricht Erasmus Schöfer über Heinrich Böll. Foto: Heinrich Bleicher-Nagelsmann

Da wird einer 90 und kürzlich ist ein Band mit seinen Gedichten erschienen: „Sisyfos Lust. Lauter ewige Lieben“. Erasmus Schöfer, mit seiner Romantetralogie ein meisterlicher Chronist der 68er-Generation, öffnet auch mit Liebeslyrik einen Tresor an menschlicher Erfahrung und humanistischer Gesinnung. Den Mann und Autor, seit 1970 Mitglied des Verbandes Deutscher Schriftsteller, zu seinem runden Geburtstag angemessen zu würdigen, wäre eine Sisyphus-Aufgabe. Die Redaktion bat und dankt Sabine Kebir für ihren Versuch.

Erasmus Schöfers vierbändiges Monumentalwerk „Die Kinder Sisyfos“, das die Geschichte sehr verschiedener widerständiger Milieus in der Bundesrepublik zwischen 1968 und 1989 literarisch verfolgt, sehe ich in kongenialer Nachfolge der „Ästhetik des Widerstands“. 2016, anlässlich des 100. Geburtstags von Peter Weiss, lag es also nahe, mit Schöfer zu sprechen. Hier sind Ausschnitte aus einem Interview verschriftlicht, in denen es um die politischen Aspekte in der Tetralogie und um den Werkkreis Literatur der Arbeitswelt ging:

Ähnlich wie bei Weiss – etwa mit der Erzählung „Der Schatten des Körpers des Kutschers“ – sei auch sein eigenes frühes Werk „auf persönliches Erleben“ fokussiert gewesen: „Als ich nach dem Krieg, 1947, angefangen habe zu schreiben, waren das ganz persönliche Geschichten. […]. Politische Orientierung ist dann erst mit dem Vietnamkrieg gekommen.“ Auf Weiss sei er 1964 „kräftig aufmerksam geworden durch die Berliner Aufführung von Marat/Sade […] dann kam 1966 ‚Die Ermittlung‘ über den Auschwitzprozess. Da ist er immer wieder hingefahren, hat Aufnahmen gemacht. So kam das dokumentarische Theater auf. Bis dahin hatte die Fiktion im Vordergrund gestanden. Nun dachten wir linken Autoren, man muss der gesellschaftlichen Realität näher kommen, glaubhafter werden – indem man dokumentarisch arbeitet. […] Das waren Versuche, z. B. von Heinar Kippardt, das Illusionstheater durch Dokumentationstheater zu ersetzen.“ Reine Dokumentationen entstanden indes selten, meist – wie auch bei Weiss – Mischformen: „Er hat einzelne Individuen zusammengefügt zu bestimmten Persönlichkeiten, um Charakteristisches herauszustellen.“

Von Mühen kapitalumringter Ebenen

So arbeitete Schöfer dann auch. „Ich habe etwa ab 1965 Erfahrungen gemacht […] bei alternativen Aufständen und Kämpfen, bin früh in die politischen Brennpunkte gegangen, um Menschen zu finden, die Widerstand leisten, die sich engagieren, die haben mich immer interessiert.“ So machte er Toninterviews in der von Arbeitern in Selbstverwaltung geführten Glashütte Süßmuth in Nordhessen. „Das wurden dann zwei Hörspiele. In Analogie zu den Brechtschen ‚Mühen der Ebenen‘ habe ich versucht, den Aufschwung wiederzugeben, das Engagement dieser Menschen, aber auch die Schwierigkeiten in der kapitalistischen Umgebung: Wie kann da ein kleiner, von den Arbeitern übernommener Betrieb bestehen? Andere Firmen und der Unternehmerverband, die haben gedacht: […] Wenn wir das durchgehen lassen, kann das ja Schule machen. Die dachten auch, dass sei von der DDR beeinflusst, aber das war es ja nicht. In diesen Hörspielen sind wir sehr dokumentarisch vorgegangen, z. B. indem wir in eine stillgelegte Glashütte gegangen sind und dort, allerdings mit Schauspielern – nicht mit den Arbeitern – die Texte eingesprochen haben, die ich größtenteils aus meinen Aufnahmen herausdestilliert hatte.“

Diese Hörspiele entstanden im Rahmen eines von Schöfer 1965 maßgeblich angestoßenem Kulturprojekts, das – ähnlich wie der Bund Proletarisch Sozialistischer Schriftsteller in der Weimarer Republik – Arbeitswelt und Literatur verbinden wollte. Schon 1961 hatten sich Autoren – darunter Günter Wallraff, Erika Runge, Max von der Grün – in der Dortmunder Gruppe 61 zusammengetan und kritisiert, dass die deutsche Literatur aussähe, „als spiele alles in einem ewigen Sonntag, weil niemand arbeitet, höchstens ein paar Ärzte und Lehrer kamen in ihren speziellen Arbeitsbereichen vor. Das war nicht das, was industrielle Arbeit bedeutete. […] Da sie auf den Literaturmarkt orientiert waren, hatten sie das Verständnis: das muss gute Literatur werden. Wenn gelegentlich Arbeiter kamen und sagten: Hier, ich habe einen Roman geschrieben, dann wurden die nicht zugelassen, höchstens ausnahmsweise. Sie kamen nicht auf die Idee, man könnte ihnen helfen, da etwas entwickeln, man könnte auf ihre Erfahrungen zurückgreifen.“

„Ein Tag in meiner Arbeitswelt“

Schöfer entwickelte stattdessen die Idee, „Werkstätten zu bilden, in denen Arbeiter, Angestellte, die Erfahrungen hatten aus der Praxis der Arbeitswelt, zusammenkommen mit linksorientierten Autoren, mit Lehrern und Journalisten“, die erkunden wollten, „was passiert eigentlich hinter den Fabriktoren, wo der demokratische Sektor der Bundesrepublik, wie es immer hieß, zu Ende ist? Autoren haben ja Erfahrung im Schreiben von Texten, können das beurteilen. Aber sie haben keine Erfahrung, was hinter den Werktoren vor sich geht. Und wenn dann Arbeiter und Angestellte dazu kommen, die würden die Erinnerungen, ihre Erfahrungen einbringen. Und das zusammen, dachte ich, müsste doch produktive Literatur der Arbeitswelt ergeben. […] Wir haben einen Wettbewerb ausgeschrieben für Reportagen: ‚Ein Tag in meiner Arbeitswelt‘. Das wurde damals ziemlich weit verbreitet durch die Gewerkschaftspresse und sogar die bürgerliche Presse – für die war das neu, das hatte einen Sensationscharakter. Wir bekamen in einem halben Jahr 150 Texte, die wir dann alle lektorieren und 20 Stück auswählen mussten, die dann 50 Mark als Preis bekommen haben – lächerlich im Vergleich zu dem, was auf dem Literaturmarkt üblich war.“

Diese Initiative wurde zum Vorbild für Werkstätten in verschiedenen Städten der Bundesrepublik. Einige Jahre später, als es zu unorganisierten Streiks für Lohnerhöhungen im Ruhrgebiet kam, gab es einen weiteren Wettbewerb um Streikberichte, die in einem Band publiziert wurden. Unterstützt von Martin Walser und Heinrich Böll brachte Schöfer bei einem Schriftstellerkongress in Hamburg einen Initiativantrag ein, mit dem Kollegen aufgefordert wurden, sich im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt zu engagieren. Für kontinuierliche Mitarbeit waren „immer nur zwei oder drei Autoren“ zu gewinnen. Aber viele, darunter Peter Handtke und Walser, haben regelmäßig gespendet.

Also musste ich das machen…

Sowohl Schöfers Erfahrung in der Glashütte Süßmuth als auch die des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt sind – verfremdet – in die Sisyfos-Tetralogie eingegangen. Die Idee zu diesem Projekt kam ihm 1990, nach der epochalen Niederlage sozialistischer Perspektiven: „Mir wurde klar, dass es kaum andere Autoren gab, deren Arbeitsqualität ich für geeignet hielt, sich darum zu kümmern. Also musste ich das machen. Anfangs war mir nicht klar, dass das im Anschluss an Peter Weiss geschah, […] der die Kämpfe bis 1945 beschrieben hat und ich weitermache mit den Sechzigern, wo es einen neuen politischen Aufbruch gab, der das Land ja doch erschüttert hat […] Walser war bei den Demonstrationen gegen die Stationierung der Pershings dabei, Böll – andere auch, aber nicht so durchgehend und an der Basis wie ich. Das müsste ich für die Nachwelt, wenn wir denn noch eine haben, habhaft machen, erkennbar. […] Aber Literatur erzählt nicht nur von Bewegungen, sondern von Menschen, die darin aktiv geworden sind, die Niederlagen erlebt haben und dann wieder aufgebrochen sind, Menschen, an deren Entwicklung von 1968 bis 1989 man Anteil nehmen kann.“

Das auf Dokumentarischem fußende Romangenre bringt oft Werke hervor, aus denen durch Weglassen von Material und Hinzufügen von angeblich Authentischem letztlich doch Projektionen des Autors widerscheinen. Dieses, auch bei Weiss feststellbare Dilemma hat Schöfer durch Fiktionalisierung der Protagonisten vermieden, auch, wenn sie Züge realer Menschen bündeln. Und historische Figuren kommen – anders als bei Weiss – nur in belegbaren Zusammenhängen vor.

Schöfer stellt sein Hauptwerk vor.
Foto: Heinrich Bleicher-Nagelsmann

Hauptakteure der Sisyphos-Tetralogie sind der von Berufsverbot betroffene Historiker Viktor Bliss, der Gewerkschafter Manfred Anklam und der Journalist Armin Kolenda und deren wechselnde Frauen. Das könnte Schöfer als generationsbedingtes Machotum angelastet werden, das die Wirren der „sexuelle Revolution“ der 68er ja durchaus mitprägte. Man begreift aber schnell, dass es ihm besonders wichtig war, die Frauen, denen diese Männer begegnen, nicht als Objekte, sondern – im Beruf und auch in der Sexualität – als selbstbewusst handelnde Subjekte darzustellen.

Während Weiss zeigen wollte, wie sich Widerstand historisch in Kunstwerken ausgedrückt hat und dass Arbeiter solche Kunst verstehen können, ging es Schöfer in erster Linie darum, Ereignisse zu erfassen, „wo Menschen sich gewehrt haben – nicht unbedingt künstlerisch – z. B. gegen das Atomkraftwerk in Whyl, gegen die Startbahn bei Frankfurt Mörfelden-Walldorf. Das war Widerstand gegen bestimmte Auflagen, die von der Politik gemacht wurden wie die Durchsetzung der Atomkraftwerke, der Atomenergie. Sich dagegen zu wehren hatte ja keinen künstlerischen Hintergrund, sondern einen ganz existentiellen. Es gab eben Menschen, die in der Naturwissenschaft soweit Bescheid wussten, und in der Technologie, die da entwickelt wurde, dass sie die Gefährlichkeit erkannten, die dann erst wesentlich später in Tschernobyl für alle erkennbar wurde. Aber in Whyl ist es gelungen, den Bürgern – das war eine Bürgerbewegung – mit vielen Bauern, die dort wohnten, diesen Widerstand mit der Besetzung des Bauplatzes so kräftig zu machen, dass die Herrschenden damals gezwungen wurden, aufzugeben.“

Experimente und die Erkenntnis: Der Markt frisst Zeit

2016, bei einem Treffen von Autoren im Berliner Brechthaus, die diskutierten, wie sich  gesellschaftskritische Literatur wieder besser durchsetzen könnte, anstatt „zurückzufallen in den alten Habitus, über die eigene Psyche zu schreiben“, hatte Schöfer noch einmal eine „Assoziation linker Autoren“ vorgeschlagen: also keinen festen Verein wie den PEN, sondern nur eine Assoziation von Menschen, die sich auf der Seite des Fortschritts verstehen und voneinander wissen und dann unter Umständen gemeinsam auch Erklärungen abgeben, die nicht so leicht zur Seite gedrängt werden können wie das, was einzelne Künstler sagen. Aber die haben sich auch nicht sehr erwärmen mögen, […] weil das mit Arbeit verbunden ist: Briefe schreiben usw. “ Auch beim Werkkreis war ihm erst spät klar geworden, „dass Autoren, um sich am Markt durchzusetzen, ihre eigene Arbeit möglichst qualifizieren müssen und dafür braucht man Zeit“.

Mit der Sprache ging Schöfer in seinem Monumentalwerk „Die Kinder des Sisyfos“ anders um als Weiss in der „Ästhetik des Widerstands“: „Wie die so gedruckt war, in diesen Klötzen – so hab ich das immer empfunden – so darf das nicht sein. Für Leute, die sich aus Interesse damit beschäftigen, ist das auch sehr aussagekräftig. Aber wenn so ein Werk eine breitere Wirkung haben sollte und z. B. auch Arbeiter zu interessieren sucht, dann muss ich eine freundlichere, eine verständlichere Sprache finden. Wobei ich meine Neuerung dann auch darin gesehen habe, dass ich sehr verschiedene Stilmittel benutzt habe. Es ist ja nicht nur eine Sprache in diesen vier Bänden, sondern es sind ja immer wieder experimentelle Stellen darin, die ganz abweichen von normalen Texten.“

Oft experimentell, aber immer verständlich – auch deshalb ist Erasmus Schöfers Tetralogie als fesselnde Lektüre zu empfehlen. Unter anderem gelang es ihm, eine unverschleierte und doch humanistische Sprache des Erotischen zu entwickeln. Dafür ist auch sein kürzlich erschienener Gedichtband „Sisyfos Lust“ ein schönes Zeugnis.

Das vollständige Gespräch zwischen Sabine Kebir und Erasmus Schöfer kann hier angesehen werden:
https://weltnetz.tv/video/958-ii-peter-weiss-zum-hundertsten-ein-gespraech-mit-erasmus-schoefer

Kostproben aus dem Gedichtband finden sich hier.

Ein Gespräch, das Heinrich Bleicher-Nagelsmann, langjähriger Bundesgeschäftsführer des VS, im Mai 2021 für das Archiv Literatur in Köln (LiK) mit dem Jubilar geführt hat, kann hier angeschaut werden.


Erasmus Schöfer wurde am 4. Juni 1931 in Altlandsberg geboren. Seine Jugend und erste Studiensemester verlebte er in Berlin. Bevor er 1955 sein Studium in Köln wieder aufnahm, arbeitete er drei Jahre in verschiedenen Produktionsbetrieben. Nach einem Forschungsjahr in Paris wurde er 1960 in Bonn zu „Die Sprache Heideggers“ promoviert.

Danach arbeitete Schöfer in Freiburg und München als freier Kulturkorrespondent für verschiedene Zeitungen. Er schrieb Hörspiele für Radiosender in der BRD und der DDR, außerdem Funkessays und Features, 1967 bis 1969 auch Texte für den Ostermarsch. Es folgten Theaterstücke, die in Freiburg, Dortmund und Bruchsal uraufgeführt wurden. 1969 war er Mitbegründer des „Werkkreises Literatur der Arbeitswelt“ und dessen Sprecher bis 1973.

Ein erster Band mit Erzählungen Schöfers erschien 1979, die Novelle „Der Sturm“ folgte 1981, später auch Erzählungen in der Sammlung „Flieg Vogel stirb“. Nach einem Aufenthalt in Griechenland entstand sein erster Roman „Tod in Athen“, veröffentlicht 1986. Zwischen 2001 und 2009 erschien sein Hauptwerk, das vierbändige Zeitroman-Epos „Die Kinder des Sisyfos“. Es folgten die Betrachtung „Der gläserne Dichter“ und 2011 eine Sammlung essayistischer Arbeiten „Diesseits von Gut und Böse“. Eine Auswahl seiner Hörspiele wurde 2012 unter dem Titel „Na hörn Sie mal!“ zusammengefasst. Außerdem trat Schöfer als Herausgeber auf, u.a. für Buchausgaben in der Werkkreis-Reihe des Fischer-Verlags.

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