Atypische Rentenbiografie: Für Mimen Ruhm statt Rente?

Blick auf das zweite Podium: Neben Moderatorin Klaudia Wick debattierten Heinrich Schafmeister vom Bundesverband Schauspiel, Grünen-Politiker Notker Schweikhardt und Dr. Frauke Gerlach vom Grimme-Institut (v.l.n.r.)
Foto: Nehrlich debattierten Foto: Nehrlich

Altersarmut trifft auch immer mehr Schauspielerinnen und Schauspieler. Eine Ursache dafür ist längst bekannt: Die Inkompatibilität des mehr als unsteten Berufs mit dem bestehenden Renten- und Sozialsystem. In der Veranstaltungsreihe „Grimme trifft die Branche“ ging es am 29. August in Berlin erneut zur Sache. „Ruhm statt Rente“ wurde mit Fakten belegt und auf zwei Podien debattiert. Fazit: Es braucht einen Systemwechsel.

Zwar konnten ver.di, der Bundesverband Schauspiel (BFFS) und die Produzentenallianz 2018 wichtige tarifliche Verbesserungen durchsetzen, doch das Problem bleibt bestehen. Der gemeinsam von Grimme-Institut, Deutscher Kinemathek und der Götz-George-Stiftung getragene Abend verfolgte das Ziel, wiederholt auf die Problematik aufmerksam zu machen und „über notwendige Entwicklungen öffentlich zu diskutieren“. Präludium bildete eine kurze Einführung von Kulturwirtschaftsforscher Michael Söndermann zum empirischen Hintergrund. Er belegte Schauspieler-Altersarmut auf Basis teils unzulänglicher amtlicher Statistiken. Ursachen diagnostizierte er in einem Verfall der Gagen, der Stagnation der Gehälter und eben der Inkompatibilität von Berufswirklichkeit und Sicherungssystemen. Auf Basis der Einkommenssteuerstatistik der Finanzämter machte Söndermann rund 6900 Schauspieler*innen aus, die gesetzliche Rente erhalten, sie läge im Mittel bei 6800 Euro pro Jahr. Die über die Künstlersozialkasse versicherten Darstellenden Künstler – das ist nur ein eher kleiner Teil aller Schauspieler*innen ­– erzielten Jahreseinkünfte von durchschnittlich 15.600 Euro. Die Einkommenssteuerstatistik weise dagegen aus, dass die absolute Zahl hier erfasster Schauspieler*innen stetig steige, doch stagniere deren mittleres Einkommen bei etwa 8.100 Euro jährlich. Das detaillierte Zahlenmaterial will der Referent Mitte der ersten Septemberwoche auf der Webseite des Büros für Kulturwirtschaftsforschung Köln veröffentlichen. Söndermanns Schlussfolgerung: Schauspieler*innen als Vertreter von Berufen mit hochkomplexen Tätigkeiten würden annähernd zur Hälfte unter „atypischen“ Beschäftigungsformen subsumiert: „Der Tätigkeits- und Erwerbstyp wird gesellschaftlich und politisch nicht ernstgenommen.“

Außerdem waren zwei Podien organisiert, auf denen unmittelbar und mittelbar Betroffene mit Vertretern von Stiftungen, Verbänden und einem Politiker zusammentrafen. Dazu ausführlicher hier.

 

 

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