Am Tag, an dem der PAPST perú besuchte

Preisträger (sitzend) und Oberbürgermeisterin am 26. November 2021 bei der Verleihung in Köln. Foto: Heinrich Bleicher

Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln 2021 an José F.A. Oliver verliehen

José F.A. Oliver hat durch seine Eltern andalusische Wurzeln und wurde 1961 in Hausach im Schwarzwald geboren, wo er auch heute noch lebt. Laut Ilija Trojanow, der die Laudatio auf den Heinrich-Böll-Preisträger 2021 hielt, ist der weitgereiste Lyriker und Essayist ein „nomadischer Heimatdichter“. Aufgewachsen mit vier Sprachen: dem Andalusischen, dem Alemannischen, mit Spanisch und Deutsch.

Seine Lesung am Vorabend der Preisverleihung in der Stadtbibliothek Kölns hat Oliver mit einem Gedicht zum Kühlschrank seines Vaters begonnen. Immer gut gefüllt war er „simples Manifest künftiger Einladungen“. Ilija Trojanow begann seine Laudatio ebenfalls mit dem Stichwort Kühlschrank. Im brillianten Furioso skizzierte er den Weg, den der 15-jährige Dichter zum wortgewandten Sprachkünstler von heute zurücklegte.

Als Fremder in seinem Geburtsort

Die frühen Erfahrungen als Fremder in seinem Geburtsort hätten ihn zum aufmerksamen Beobachter gemacht. So zitiert Trojanow: „von außen / suche ich Verständnis / für das Fremde / ohne mich zu erinnern / an das Fremde / im Inneren.“ Im Lauf seines 40jährigen Dichter-Lebens ist José Oliver mit vielen Bezeichnungen klassifiziert worden: Gastarbeiterliterat, Polykünstler, Literat der Betroffenheit, multikulturell, Migrantenliterat, interkulturell, Chamisso-Literat, transkulturell…

Prägnant charakterisiert der Laudator den Dichter: „Seine Gedichte sind keine Wortfestungen, sondern Gesprächsofferten, die Grundenergie ist eine dialogische, jeder Satz durch eine Schule des Hörens gegangen, kein Ver- kein Über- und auch kein Abhören, sondern allein Zuhören. Ein Zuhören, das allem Aufmerksamkeit schenkt, sogar den deutschen Präfixen, die so viel Verwirrung stiften können, wie Straßenschilder, die um 180 Grad gedreht worden sind, wie auf den Kopf gestellte Fragezeichen, die deswegen noch lange nicht zu Ausrufezeichen werden.“

Die Aussage des jungen Dichters: manchmal kann ein einzelnes Gedicht die Welt erklären, nimm Trojanow zum Anlass, das Gedicht „vierzehntermaineunzehnhundertachtundachzig“ zu zitieren. „am Tag, an dem der PABST perú besuchte“. Darin erinnert der Autor an das Massaker am 14. Mai 1988 in Cayara. Soldaten erschossen nach Angaben der Einwohner unter anderem fünf Männer, die Arbeiten in einer Kirche verrichteten. Später wurde ein Massengrab mit 28 Leichen entdeckt. Die peruanische Menschenrechtskommission hatte mitgeteilt, die Armee habe in Cayara über 50 Menschen niedergemetzelt. Das Militär hat das Massaker an Dorfbewohnern dementiert und erklärt, alle Todesopfer der Militäraktion vom 14. Mai seien Mitglieder der Guerilla–Organisation „Leuchtender Pfad“ gewesen. Zur Erinnerung und gegen das Vergessen werden die Namen der Getöteten genannt. Als Trojanow sie verlas, antwortete Oliver aus dem Publikum entsprechend dem südamerikanischem Ritual bei Beerdigungen mit „presente“. Mit diesem gemeinsamen Rezitieren wechselten die beiden VS-Mitglieder ihren Platz am Redepult im Stiftersaal des Wallraff-Richartz-Museums.

Inspiration auch für die Sprache

Unter einem übergroßen Foto von Heinrich Böll verlieh Henriette Reker, die Oberbürgermeisterin der Stadt Köln, José F.A. Oliver den Preis. In ihrer Begrüßung und zu Beginn der Veranstaltung hatte sie einen Zusammenhang zwischen dem Namensgeber und dem Preisträger hergestellt. Olivers Geschichte hält sie für hochaktuell: „Denn gesellschaftliche Vielfalt bedeutet einen Reichtum und Inspiration auch für die Sprache.“ Sie kam auch auf das Thema „Grenzen“ und „Fremde“ zu sprechen. Klar und deutlich erklärte sie unter dem Beifall der Zuhörenden, dass die Stadt Köln bereit sei, weiterhin Flüchtlinge aufzunehmen, die an der europäischen Grenze gestrandet seien. Zu Olivers Dichtung sagte sie, er schaffte es, eine Sprache zu entwickeln, in der man sich zu Hause fühlt. Er sei kein klassischer Romanautor, wie Heinrich Böll es war, der natürlich auch Gedichte schrieb. Dass Oliver neben einem sehr renommierten Literaturfestival in Hausach auch Schreibwerkstätten für Schulen gegründet hat, um die Sprachsensibilität von Kindern und Jugendlichen zu fördern, zeige sein gesellschaftspolitisches Engagement – und damit stehe er in der Tradition Heinrich Bölls.

Olivier knüpfte an das Thema Böll und die Lyrik an: „Heinrich Böll oder „Don Enrique“, wie mein andalusischer cómplice en la emigración española, Ricardo Bada aus Köln-Rodenkirchen den Sohn eines Schreiners titelgebend für eine Veröffentlichung seiner persönlichen Böll-Auswahl in einer spanischsprachigen Publikation einst con respecto bezeichnete – die Lyrik war dieses erzählenden Grande wider jegliche Ausgrenzung erster Sinn nicht. Obschon es ein Verdienst des Verlages sei, Bölls Gedichte zu veröffentlichen“, die unter dem Titel »Ein Jahr hat keine Zeit« erschienen seien.

Für die ehrenvolle Preisverleihung bedankte sich „der Sohn eines Hutmachers nicht nur beim „Namensgeber dieses Preises, beim Sohn eines Schreiners. Mit mediterranem Pathos: ¡gracias! Von anarchistischer Leidenschaft getragen, con pasión anárquica“, sondern zugleich auch bei allen, die ihm auf seinem Weg geholfen hatten.

Mit dem Lied „Asturias“ von Isaac Albéniz beschloss der Gitarrist José Fernández Bardesio, der zu Beginn zwei Stücke von Manuel de Falla gespielt hatte, den Festakt.

Der VS gratulierte, siehe hier.

 

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