2020 – ein Jahr für neue Strategien

Foto: Hartmut Müller-Staufenhagen

2019 – ein gutes Jahr für die Kultur? Der Etat der Beauftragten für Kultur und Medien der Bundesregierung wurde um 3,3 Prozent erhöht. Der Bundeskulturfond für die Arbeit der Freien Kulturszene steigt um 5 Mio. Euro. Die Zahl von Kunst- und von Projekten im Bereich der Kulturellen Bildung ist auf einen neuen Höchststand geschnellt, ebenso die Zahl von Stiftungen, die Kunst, Kultur oder Kulturelle Bildung fördern.

Der Landeszuschuss für Musikschulen in Hessen und Rheinland-Pfalz wurde aufgestockt. Die Buchpreisbindung existiert weiter. Die Staatsministerin für Kultur und Medien ruft angesichts des zunehmenden Rechtpopulismus das Projekt „Jugend erinnert“ ins Leben. Die EU-Kommissarin Mariya Gabriel führt nun doch „Kultur“ im Titel ihres Ressorts. – Ein gutes Jahr für die Kultur.

Anja Bossen
Foto: Christian von Polentz

Das Durchschnittseinkommen von Künstler*innen befindet sich zwölf Jahre nach dem Bericht der Kultur-Enquête-Kommission noch immer auf dem damals schon beklagten niedrigen Niveau. Nach wie vor hangeln sich die meisten Kulturschaffenden von prekärer Beschäftigung zu prekärer Beschäftigung, das „Mehr“ an Projekten führt nicht dazu, dass sich die Situation der Kulturschaffenden verbessert. Künstler*innen verdienen noch weniger als Künstler. Kultur ist weiterhin „freiwillig“. Bildenden Künstler*innen fehlt es an bezahlbaren Ateliers. Musikschullehrkräfte arbeiten seit Jahrzehnten in einer gerichtlich sanktionierten Zwei-Klassen-Gesellschaft aus Festangestellten und Honorarkräften. Der Umsatz auf dem deutschen Buchmarkt ist weiter zurückgegangen. Die Freiheit der Kunst ist zunehmend bedroht. – Kein gutes Jahr für die Kulturschaffenden.

Interessen bündeln und kooperieren

Unsere Themen und Ziele bleiben weitgehend die alten, auch 2020. Erfolglos waren wir trotzdem nicht: In Berlin und Brandenburg wurden verbindliche Mindesthonorare für Musiker*innen und Ausstellungshonorare für Bildende Künstler*innen eingeführt. An einigen Musikschulen konnten mehr Festanstellungen erreicht werden. Die neue EU-Urheberrechts-Richtlinie ist in Kraft getreten. An den ARD-Rundfunkanstalten fand der bislang größte Streik in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks statt. Die Beschäftigten des „Berliner Ensembles“ werden wieder nach Tarif bezahlt.

Im Landesbezirk Berlin-Brandenburg haben sich die Kunstfachgruppen solidarisiert und gemeinsam einen Forderungskatalog an die Politik formuliert, für dessen Durchsetzung sie Seite an Seite kämpfen. In Bayern gibt es ein kunstfachgruppenübergreifendes Kulturforum.  Auch das werte ich als Erfolg. Denn für die Kunstfachgruppen wird es immer schwieriger, ihre Interessen einzeln durchzusetzen. Politik reagiert nicht (mehr) auf kleine Häufchen unbequemer Querulanten. Wir Kulturschaffenden müssen uns sowohl innerhalb als auch außerhalb von ver.di solidarisieren und unsere Interessen bündeln. Das geht. Im Dezember 2019 schloss sich z.B. der Kulturbereich mit den Selbstständigen kurz, um gemeinsam das Vorgehen im Umgang mit einem Antrag der FDP-Bundestagsfraktion zu beraten. Die FDP erklärt  in diesem Antrag das Normalarbeitsverhältnis für nicht mehr zeitgemäß und möchte stattdessen mehr Menschen für die Selbstständigkeit als Form maximaler Selbstbestimmung begeistern. Nicht mehr die Art der Arbeit, sondern der Wunsch der Ausführenden würde also künftig über den jeweiligen Status bestimmen – in der Tat ein Abschied vom Normalarbeitsverhältnis.

Aber auch nach außen sollten wir unsere Kooperationen verstärken. Auch in anderen Organisationen wie dem DGB oder der Evangelischen Kirche gibt es Kulturbeauftragte, mit denen wir gemeinsame Veranstaltungen oder Aktionen planen könnten.

Warum, wie und für wen?

Was ich mir für das neue Jahr besonders wünsche, ist ein selbstkritisches Nachdenken über Reichweite und Wirkungen unserer Strategien, Kooperationen, Aktionen und Projekte. Wie können wir mehr in die Gesellschaft hinein wirken? Ich denke, dass die Zeiten, in denen es reichte, Podiumsdiskussionen oder Ausstellungen zu veranstalten, vorbei sind. Interesse auch von Nicht-Kulturschaffenden und Durchsetzungsmacht erzielen wir so kaum mehr. Wir brauchen neue Strategien, mit denen wir – gerade in Zeiten eines sich verändernden Kommunikations- und Rezeptionsverhaltens – mehr öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen und mehr Gehör für unsere Belange finden können. Wir brauchen neue Veranstaltungsformate, mehr emotionale statt nur rationale Zugänge zu unseren Themen und Referent*innen, die auch jüngere Menschen begeistern. ver.di steht für ein menschenwürdiges Leben und Arbeiten, für Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität, kulturelle Vielfalt und die Anerkennung von Diversity. Mit unseren Aktivitäten müssen wir aber nicht diejenigen überzeugen, die diese Werte bereits leben – vielmehr gilt es, diejenigen zu überzeugen, die an dem politischen Kurs, den unser Land eingeschlagen hat, zumindest zweifeln und überhaupt noch offen für Diskussionen sind. Oder diejenigen, die unsere Einstellungen teilen, aber Angst haben, aktiv zu werden. Und wir sollten auch konkret etwas anzubieten haben für diejenigen Künstler*innen, die rechtsextremistischen Bedrohungen persönlich ausgeliefert sind.

Deshalb wünsche ich uns für 2020, dass wir anfangen, nicht nur Diskussionen darüber zu führen, was wir machen, sondern vor allem, warum wir es machen, wie wir es machen und für wen.


Dr. Anja Bossen wurde auf dem Kongress im September 2019 zur neuen Kunst- und Kulturbeauftragten von ver.di gewählt.

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