Land-Art als Kommunikation mit der Welt

Das Kalenderblatt. Foto: Karl Rudi Domidian

Auf dem Januar-Blatt des ver.di-Kunstkalenders 2019 ist der „Schneekreis Bittelschießer Höhle“ bei Sigmaringen auf der Schwäbischen Alb zu sehen. Inszeniert, also den Schnee in die Höhle getragen und das Ergebnis fotografiert, hat Karl Rudi Domidian, der unter dem Namen hundefaenger krd bekannt ist. Geboren wurde er 1954 in Bad Kreuznach. Und, wie er selbst sagt, „in sehr einfachen Verhältnissen“.

Seine Kunst beschreibt er folgendermaßen:

ich komme mit leeren händen
ich gehe mit leeren händen
dazwischen ist kunst
(hf)

Seine Eltern wollten für den Sohn Sicherheit. Also absolvierte er zunächst eine Lehre als Großhandelskaufmann. Das schien ihm nicht das Richtige. Er ließ sich zum Tischler umschulen und arbeitete eine Zeit lang als Schreiner. Parallel dazu fing er an, Aquarelle zu malen und auszustellen. Schon früh schwebte ihm als Ideal der Beruf des Künstlers vor, ohne dass er eine genaue Vorstellung davon gehabt hätte. Er begann große Tableaus aus gefundenen Materialien zu fertigen, gleichzeitig faszinierte ihn Kunst in der Landschaft. Sein erstes „echtes Kunstwerk“ in Land-Art war für ihn bereits eine soziale Skulptur. Ganz bewusst legte er einen Kreis aus Steinen. Das Feuer im Innern und die Gespräche mit Freunden am Rand waren Teil des Werks. Zurück blieben Asche und vom Feuer schwarz gefärbte Steine. Sie waren der sichtbare Teil des Kunstwerks.

Von da an wusste er, dass ihn Objekte interessierten, die er überall auf diesem Planeten ohne Hilfsmittel machen kann. Es soll für ihn nichts produziert oder Energie verbraucht werden. Außerdem wollte er sich von der europäischen und nordamerikanischen Kunstgeschichte befreien, wollte sich vor allem von deren Tradition frei machen. Ein Zurückbegeben in die Zeiten, als der Mensch keine großen Produktionsmöglichkeiten hatte, war ihm für das eigene Schaffen notwendig. Er will sich nicht dem Kunstmarkt entziehen, aber unabhängig davon Eigenes schaffen. Seit 1986 ist er freischaffender Künstler.

Hundefaenger an seinem Schaffensort: Im Wald.
Foto: Gariele Loges

Zusammen mit seiner Partnerin ging hundefaenger krd nach Norderney. Drei Jahre später nahm sie eine Stelle als Psychologin in Sigmaringen an. Er verlegte mit ihr seinen Lebensort von der Nordsee in den Süden Deutschlands – nicht weit vom Bodensee: „Die Schwaben sind erfreulich freundlich, und zudem ist es eine der schönsten Landschaften, in denen ich wandern und Kunst machen kann.“ Kaum war er angekommen, wurde der Kulturamtsleiter des Kreises auf ihn aufmerksam und fragte bei ihm an, ob er sich an einem Kunstprojekt entlang der Donau beteiligen wolle. Mit Erfolg: „Hier ist künstlerisch viel in Bewegung, das gefällt mir.“ Ebenso beauftragte ihn der Bürgermeister, einige Kunstwerke in Sigmaringen, aber auch in der Partnerstadt Feldkirch in Österreich, zu realisieren.

Die Partnerin ist vor einigen Jahren gestorben, hundefaenger krd will dennoch bleiben: „Hier erinnert mich viel an meine Frau, und ich kann von hier in die Welt.“ Erst kürzlich kam er von einem Werkaufenthalt in Japan zurück. Für solche Aufenthalte fotografiert er seine Werke. Diese Fotografien nutzt er, um als Künstler zu internationalen Symposien oder Ausstellungen eingeladen zu werden. Auch wenn er zum Beispiel durch Schottland reist und mit Materialien vor Ort gestaltet, nimmt er das Geschaffene als Fotografie mit und lässt die Objekte zurück.

Von Zeit zu Zeit lädt er zu einer öffentlichen Begehung seiner in der Landschaft zu findende Installationen ein. Einige Waldbesitzer haben ein Kunstwerk von ihm, ohne es zu wissen. Manchmal wird ihm in der Umgebung von Sigmaringen jedoch eines „angedichtet“, das nicht von ihm ist: „Inzwischen sind Kindergärten und Schulen oder andere im Wald kreativ.“

Im Kulturwald findet hundefaenger krd sein Material. „Die Kunst folgt der Technik“, sagt er und führte einige Interessierte Anfang Dezember an Waldarbeitern vorbei zu verschiedenen Kreisinstallationen auf dem Witberg bei Sigmaringen. Die erste der nahe beieinanderliegenden Installationen besteht aus zwei Kreisen, einem äußeren aus Holz und einem inneren aus Stein. Die Steine hat er hergetragen, weil er die Umgebung möglichst nicht verändern wollte. Das tote Holz bricht er sich zurecht, manchmal mit Hilfe eines Beils: „Ich mache nichts kaputt, lege nur von einer Seite auf die andere.“ Den richtigen Platz für den gedoppelten Kreis fand er beim Gang durch den Wald: Das offene Gelände mit hohen säulenartigen Bäumen schien ihm ideal: „Ich habe mich umgedreht, einen Stein aufgenommen und hinter mich geworfen.“ Dort, wo er hinfiel, fing er dann an, dem Holz eine gewisse Ordnung zu geben. Teils Zufall, gab er andernteils eine eigene Richtung vor. Die Höhe für einen Kreis muss so sein, dass ein Erwachsener – wenn er will – hineinsteigen kann. Innen und Außen soll aufgehoben werden. Hundefaenger krd trägt immer ein Seil als Maß mit sich, so hat dieser Kreis die dreifache Länge von seinem Solarplexus bis zur Erde als Radius.

Soziale Plastik. Foto: Gabriele Loges

Beim nächsten Kreis, der als flaches Feld gelegt ist, wurde das Zentrum in der Zwischenzeit offensichtlich von Wildtieren aufgewühlt: „Das sind Einflüsse, die ich nicht kontrollieren kann und will. Es ändert sich alles.“ Die zum Teil im Verborgenen entstandenen Kunstwerke sind Ausdruck seiner Beschäftigung mit Landschaft und Natur: „Ich nehme mir die Freiheit und mache. Weil ich es will, weil ich es muss. Meine Werke sind Ergebnis der Kommunikation zwischen mir und der Welt. Ich äußere mich so.“

Die Kreisinstallationen im städtischen Wald oder in der Natur sind bewusst soziale Plastiken. Sie bewirken ein Zusammenkommen von Menschen anhand seiner Kunst. Der Macher sieht sich in der Tradition von Joseph Beuys und der Kunstrichtung Fluxus. Es soll klar sein: Dies haben Menschen geschaffen. Dafür nutzt hundefaenger krd geometrische Grundformen. Der Kreis ist zurzeit seine bevorzugte Form. Und der kann auch mal aus Schnee sein und eine Höhle beleuchten.


Gabriele Loges ist Beisitzerin des VS in ver.di. Wie zuvor Karl Rudi Domidian Hundefaenger nahm sie beim deutsch-amerikanischen Künstleraustausch „salem2salem“ in Salem, New York (2017) und Salem am Bodensee (2018) teil.

 

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