Die Warnung gilt: Wir haben Wölfe gehört

Arie Goral: Flaschen mit Hitlergruß

Dieses Ölgemälde – allerdings in Schwarz-Weiß abgedruckt – ist neben Autorenfotos und wenigen Dokumenten das einzige Bild, das die Texte einer umfangreichen Anthologie illustriert. „Flaschen mit Hiltlergruß“ heißt es, gemalt hat es Arie Goral, ein vielseitiger Kreativer, der mit Farben genauso umzugehen verstand wie mit Worten. Das Gemälde steht auf Seite 156 und damit fast in der Mitte des Lesebuchs, das der VS Hamburg „Wir haben Wölfe gehört“ genannt hat. Bin ich schuld am Rechtradikalismus? fragt die Unterzeile.

Mit Arie Gorals Bild hat es eine besondere Bewandtnis. Das hart konturierte, mit dickem Strich und reichlich Farbe gestaltete, expressionistisch anmutende Motiv bildet quasi eine „Klammer“ für das Buch. So wie sein Schöpfer, seit Ende der 1920er Jahre in der jüdischen Jugendbewegung sehr aktiv, als Person eine Klammer bildet, die Epochen verbindet. Ein „Glücksfall“ für das Buch, sagt Mitherausgeber Reimer Boy Eilers.

Fast 60 Jahre hatte Arie Goral seine Wirkungsstätte im Hamburger Grindelviertel, wo er zeitweise auch eine Galerie betrieb. Hierher war er letztlich in den 1950er Jahren aus Palästina zurückgekommen, wohin er über Frankreich vor den Nazis geflohen war. Wieder da ansässig, wo er aufgewachsen war, wurde er den Mitbürgern zu einer Art „Gewissen“, erhob Einspruch, wenn Unrecht verschwiegen und vergessen werden sollte, hielt jüdisches Leben aufrecht und blieb bis an sein Lebensende 1996 ein Visionär. Mit fünf Texten, die er als Träume ausgibt, beschloss Arie Goral als Achtzigjähriger seine Autobiografie. Den letzten Traum nannte er einen Hamburger…

Reimer Boy Eilers, Emina Kamber, Esther Kaufmann, Sven j. Olsson (Hrsg.): Wir haben Wölfe gehört. Ein Lesebuch des VS Hamburg. Kulturmaschinen Verlag Hamburg 2019, 326 Seiten, 18 Euro, ISBN: 978-3-96763-000-8

Texte von und über den Maler, Schriftsteller und Politaktivisten tauchen an mehreren Stellen in der aktuellen Anthologie auf. Insofern bilden sie eine Klammer. Insgesamt kommen in dem Band 37 Autoren, vorrangig aus der Hansestadt, in 53 Arbeiten zu Wort. „Wir wünschen uns Texte, die die gestalterische Kraft der Literatur ausnutzen, um in die Gesellschaft hinein zu wirken – gegen rechts und für all das, was auf dem Spiel steht. Schürft tiefer: Traut euch, neue Gedanken literarisch weiterzuverfolgen und überraschende Aspekte der Debatte über den Populismus und faschistisch-nationale Tendenzen anzusprechen…“, hieß es Anfang vorigen Jahres in dem Call für Papers, mit dem der VS Hamburg für seine Anthologie warb. Die „Hamburger Erklärung“ gegen Rechtsradikalismus und die Aschaffenburger Antwort des VS-Bundeskongresses bildeten inhaltliche Grundlagen. Sie sollten in literarische Texte umgesetzt werden. Geliefert wurde Vielfältiges: Gedichte, das kürzeste hat nur vier Zeilen; Erzählungen, Szenisches, Essays. Von den Herausgebern in vier thematische Abschnitte gegliedert und mit Geleitworten versehen, sprechen sie nun auf sehr verschieden Art von einem gemeinsamen Thema: Wir haben Wölfe gesehen. „Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir“, hatte Goebbels als Reichspropagandaminister gefletscht. Die Warnung gilt.

Wichtigstes Auswahlkriterium für die Anthologie, so Herausgeber Eilers, „war die literarische Qualität“. Bei den Gedichten etwa „war uns eben die ‚Poesie‘ wichtig“. Hinsichtlich der (gesellschafts)politischen Haltung habe man sich „um Toleranz und ein weites Spektrum“ bemüht: „Wichtig war uns Originalität und dann ein Bezug auf das Heutige“. Nicht immer ließe sich das am Datum festmachen.

Ein sehr heutiges Gedicht sei hier stellvertretend zitiert. Es beginnt im Buch auf Seite 95. Die Herausgeber überzeugte es „in seiner verzweifelten Ironie“:

Susanne Tyga
Ende Gelände Welt
– ein Pulp-Gedicht

Das ist der Hammer auf Erden,
wenn Worte Wirklichkeit werden.
Lange war das Jüngste Gericht
Nur ein verbreitetes Gerücht,
so nach dem Motto:
Wer’s glaubt, wird selig.
Doch hallo, liebe Leute, ihr habt Stil.
Dreht mal das Rädchen am Ventil,
guckt auf das Thermometer,
und der Erdenstern, ab geht er.
Glaubt es, werdet selig.

Nämlich die Chose ändert sich allmählich,
mittlerweile dürfen wir getrost vertrauen,
dass der Große Manitu uns zeigt,
wo der Hammer hängt.
Auf das Ende könn’n wir bauen.
Es fehlt nicht mehr viel
für das himmlische Exil.
Und hallo, liebe Leute, ihr mit dem Stil!
Das muss echt was Dolles sein,
irgendwie wie affengeiles Hühnerklein.

Wenn perplexe Drachen,
sich in die Hose machen,
davon hat man bislang kaum eine Erfahrung,
oder affengeil wie unsichtbare Gegenstände
aus der Offenbarung,
so unterhaltsam ist das Ende.
Juchei! Ach, du dickes Ei!
Also der totale Durchblick ist schon nahebei,
wurde auch mal Zeit.
Wer wäre dafür nicht bereit?
Wer hätte das nicht gern geseh’n?
Wer ließe sich den großen Knall für lau entgeh’n?
Deshalb, mein Hutzliputzli, frage nicht,
dass wir uns besser versteh’n,
was das Ende mit dir tut.
Sondern frage dich lieber,
was du heute wieder
zum Ende beitragen kannst?
Vielleicht ein quietschbuntes Plastiktütchen entsorgen?
Oder dir ein paar Nägel borgen?
Wer einen Hammer zu Händen hat,
sieht den Nagel im Problem,
und das Hutzliputzli haut es platt,
immerzu
wie der Große Manitu.

Schließlich ist es das Anthropozän,
ein Menschenaffentheater,
in dem wir alle untergeh’n.
Ich sage nur:
Ach, du mein Lieber, mein Vater!
Liebe Freunde der totsicheren Chance,
endlich ein Spiel ohne Balance.
Die klügsten Geister arbeiten daran,
mit vielen Moneten auf dem ganzen Planeten,
echte Eierköpfe,
gewinnen die größten Blumentöpfe.
Ob sie sich nun für Christen oder Buddhisten halten,
quasi die geilsten humanen Gewalten,
also Europäer, Inder, Amis und Chinesen,
alle sind sie mit an Bord
bei dem finalen Massen-Betrieb.
Wäre doch peinlich, mein Hutzliputzli,
wärst du nicht dabei gewesen.
Schau nur die andern Spielfiguren,
wie sie bunt gemischt zum Finish spuren.
Das ist wie immer Sahnetorte
und freie Fahrt auf dem Aborte.
Es muss einfach was Dolles am Ende sein,
also Dummbeutel würden’s echt nicht packen,
die bloß dumpf auf ihren Acker kacken.
Aber wir haben Schwein.

 

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