Ball trifft Buch oder Kultur im Ausnahmezustand

Kultur, die wirken soll, muss stattfinden. Und so schauen Monat um Monat Schriftsteller und Schauspieler, Musiker und Bildende Künstler im Wechsel ratlos auf die Corona-Infektionszahlen und die unterschiedlichen Nothilfeprogramme, die manchem Problem abhelfen, aber nichts bewirken gegen die Angst vor verblassender Wahrnehmung.

Corona hat unseren Alltag, unsere Gewohnheiten verändert. Wir müssen draußen bleiben, vor der Tür. Doch ohne Publikum hat Kultur keinen Biss.

Balkonkonzert und Fernsehoper können das originale Erleben, den persönlichen Diskurs mit Kunst nicht ersetzen. Bereits zu Beginn der Pandemie sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, dass Kultur in einem buchstäblichen Sinn Lebensmittel sei.

Zwar solidarisch mit allen Kunstformen, klingen an mein Autorinnenohr zuerst die leisen Töne der Literatur und die erwartungsvollen der Schriftstellerinnen und Schriftsteller. All ihre Sorgen sind aufgezählt worden in den letzten Wochen und Monaten mit Nachdruck, mit Erwartung, mit dem Leidensdruck bedrohter Existenzen. Durch Finanzhilfen für Kultur in Corona-Zeiten ist ein vorübergehender Ausnahmezustand möglich. Doch die jetzt praktizierte virtuelle Begegnung zwischen Autor*innen und Publikum ist eine absurde Performance, und das spüren beide.

Kein Wunder, dass die üppigen Soforthilfen für den Profisport, dass der noch stattfindende und übertragene Geister-Fußball, teilweise vor Publikum – wenn auch in reduzierter Zahl – schmerzten. Dies ist keine Neiddebatte, sondern die deutliche Wahrnehmung, dass die Musik nicht auf den Theater- und Lesebühnen spielt, sondern in den Stadien der Welt. Sie sind es, die den Drang nach lustvollem Erleben versprechen, nach dem sich unsere moderne Gesellschaft mit ihren Wünschen und Leidenschaften, Hoffnungen und Neurosen sehnt.

Sportwettkampf ist Lustgewinn, der nicht mehr wegzudenken ist. Dieser Lustgewinn erweist sich bei völliger Unterschiedlichkeit von Menschen, die sich ansonsten fremd sind, als ein emotionales Bindeglied für die Stunden eines Fußballspiels, eines Boxwettkampfes oder Skispringens. Plötzlich werden tausende Zuschauer zu einer im Jubel oder der Enttäuschung nahezu identisch reagierenden Gemeinschaft. Der Lehrer, der Maurer, der Richter, der Rentner, die Jugendliche, die Hebamme, die Verkäuferin, sie alle sind sich plötzlich einig. Der Arme, der Reiche vergessen ihre Nöte. Sie alle lassen sich betäuben und begeistern. Millionen fiebern in diesen Stunden, lassen sich aufsaugen vom Sport. Die Literatur huldigt dem Sport eher selten.

In seinem Buch „Verteidigung der Poesie“ klagte Johannes R. Becher 1952 gegenüber den DDR-Schriftstellern: „Es ist ganz und gar bedauernswert, dass die verschiedenen Sportarten, die verschiedenen Meister in diesen Sportarten noch nicht ihre Dichter gefunden haben.“ Mit Ausnahmen fanden Schriftsteller das Thema Sport wenig attraktiv. Einiges ist zu finden. „Brot und Spiele“ erschien 1959 und erzählte die Geschichte des erfolgreichen Langstreckenläufers Bert Buchner, der, obwohl der Zenit seiner Karriere längst überschritten ist, ein letztes Mal um die Europameisterschaft antritt und grandios an sich selbst scheiterte. Siegfried Lenz, der selbst als guter Sportler galt, stellte mit „Brot und Spiele“ seinen einzigen Sportroman vor. Den Sport sah Lenz in seinem Werk vor allem als Sinnbild des immerwährenden Daseinskampfes. So auch über ein halbes Jahrhundert später Guiseppe Catozolla in „Sag nicht, dass Du Angst hast“, in dem er das Schicksal der kleinen somalischen Läuferin Samia erzählte, die sich, um weiter trainieren zu können, auf eine lange illegale Reise nach Europa machte. Ihre Odyssee fand 2012 vor Lampedusa ein tragisches Ende.

Selbstverständlich lassen sich mit etwas Aufwand Beispiele in der deutschsprachigen Literatur, wie in der Weltliteratur finden. Jüngstes Beispiel ist Thomas Pletzingers Buch „THE GREAT NOWITZKI“. Auch diese brillante literarische Reportage ist nicht in der Lage, der gigantischen Rolle des Sports in unserer Zeit ein Äquivalent in der Literatur zu ermöglichen.

Warum?

Provozierend äußerte sich u.a. Marcel Reich-Ranicki dazu: „Der Sport und die Literatur sind nahe Verwandte, die sich zu sehr ähneln, um sich aufrichtig lieben zu können. (…) Es sind im Grunde feindliche Brüder. Denn die Literatur und der Sport appellieren auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Mitteln an dieselben fundamentalen Gefühle.“

Rufen wir uns die großen Motive der Literatur ins Gedächtnis, die sich Gefühlen wie Leidenschaft und Neid, Solidarität und Heldentum, Ruhm und Verzweiflung bedienen, fällt auf, dass sie auch in Sportwettkämpfen das Wechselbad der Gefühle auslösen. Doch in diesen treten sie viel einfacher, direkter, elementarer, ungleich leichter nachfühlbar zutage. Fazit: In jedem Stadion der Welt bietet der Sport ohne Verschlüsselung, ohne intellektuelle Strapazen dieses lustvolle Erlebnis. Das ist wohl das tiefe, wie einleuchtende Geheimnis. Es macht vermutlich für Millionen Sportzuschauer die Literatur überflüssig.

In einem Artikel über den „Sport und die Literaten“ meinte Gideon Freud in der Welt „Der Sport ist Ausdrucksform, Charakterbekenntnis und ein Spiel der Persönlichkeiten, er ist Schauspiel und Komödie, Grazie und Kraft, Schönheit und Wissen (…)“. Aber wenn sich all dies bereits im Sport vereint, was soll dann der vermeintlich feindliche Bruder noch bewirken?

Wohl auch deshalb die so unterschiedlich gefühlten Finanzhilfen von Sport und Kultur in Corona-Zeiten, die geöffneten Stadien und die geschlossenen Buchmessehallen? Die Pandemie darf nur eine Unterbrechung sein. Kultur, die wirken soll, muss wieder stattfinden, denn ohne Publikum hat Kultur, hat Literatur keinen Biss.

 

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